Unterhaltung

Erwin GeschonneckEine Legende wird 101

26.12.2007, 00:00 Uhr

Vor 17 Jahren hat Erwin Geschonneck die Fernsehbühne mit Würde verlassen. Sein Talent ist jedoch unvergessen. Der begnadete Schauspieler feiert nun seinen 101. Geburtstag.

Erwin Geschonneck ist schon zu Lebzeiten zur Schauspiel-Legende geworden. Am 27. Dezember feiert der Darsteller seinen 101. Geburtstag. Ob Bösewicht, proletarischer Typ oder komischer Kauz - festlegen ließ sich Geschonneck, der noch mit Bertolt Brecht zusammengearbeitet hat, nie. Er kann auf eine fast beispiellose Film- und Theaterkarriere mit weit über 100 Rollen zurückblicken. Der ostdeutsche Volksschauspieler wurde in seinem Bekanntheitsgrad und seiner Popularität vielleicht noch von Manfred Krug erreicht.

Jetzt fordert das Alter seinen Tribut. Aus dem Haus kann Geschonneck, einst ein Ausbund an Vitalität, längst nicht mehr gehen. Der Berliner Schauspieler ist auf den Rollstuhl angewiesen und auf die Pflege seiner 39 Jahre jüngeren Frau Heike. Aber noch immer versucht er sich auf dem Laufenden zu halten, mit Lesebrille und Lupe studiert er wie eh und je die Zeitung. Und auf dem Nachttisch liegen, vom vielen Lesen abgegriffen, das "Kommunistische Manifest" und Heines "Buch der Lieder". "Mit Ungerechtigkeiten darf man sich nicht abfinden", heißt ein Motto des bekennenden Kommunisten, der in ärmlichsten Verhältnissen in einem Berliner Proletarierviertel aufwuchs.

An der Seite von Brecht berühmt geworden

Der Autodidakt, der als einer der bedeutendsten und populärsten DDR-Schauspieler gilt, feierte in den 50er Jahren die ersten großen Erfolge am Berliner Ensemble als Knecht Matti in Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Der Vielseitige überzeugte sowohl als Charakterdarsteller als auch in hintergründig-humorvollen Rollen. In der DDR stand er in mehr als hundert Filmen vor der Kamera und gehörte zu den bestbezahlten Schauspielern. Berühmt wurde er unter anderem als schlitzohriger Tausendsassa Kalle in "Karbid und Sauerampfer" oder als Lagerältester Krämer in "Nackt unter Wölfen", beide Filme 1963 mit Frank Beyer gedreht. Mehrere Generationen kennen und lieben ihn auch als Holländer-Michel in Paul Verhoevens früher Märchenverfilmung "Das kalte Herz" von 1950.

Vor einem Jahr war der Mime in der Berliner Akademie der Künste von Freunden, Weggefährten und Fans an seinem 100. Geburtstag gefeiert worden. Der Filmstar war dabei nach mehreren Jahren erstmals wieder öffentlich zu erleben gewesen. Die Gala hatte er sichtlich genossen. "Diesmal gibt es keine Feier", sagt Heike Geschonneck entschieden. Nur die Kinder würden zur Gratulation in die Wohnung am Alexanderplatz kommen.

Das sei auch der Wunsch des Künstlers. "Der 100. war für ihn eine Art Zielmarke, aber der 101. interessiert ihn nicht wirklich", meint seine Frau. Geschonneck hatte sich einst gewünscht: "Ich will alt wie Methusalem werden." Dabei spielte sicher eine Rolle, dass er, der unter der Nazi-Herrschaft jahrelang im Konzentrationslager saß, erst mit beinahe 40 Jahren seine eigentliche Schauspielkarriere starten konnte. Geschonneck zählte 1945 zu den wenigen Überlebenden des Untergangs der "Cap Arcona", auf der 4.000 Häftlinge eingepfercht waren.

Von 1946 an arbeitete der im ostpreußischen Bartenstein geborene Schauspieler bei Ida Ehre an den Hamburger Kammerspielen und kam 1949 ans Berliner Ensemble. Begonnen hatte er seine Laufbahn schon in den 20er Jahren in Agitprop-Theatergruppen und an Erwin Piscators Junger Volksbühne.

Bekannt als sturer Hund

Für die DEFA spielte er auch in "Jakob der Lügner" von Frank Beyer (1974), der als einziger Film der DDR-Filmgesellschaft für einen Oscar nominiert wurde. Zuerst hatte er abgelehnt, weil er nicht die Rolle des Jakob bekam. Geschonneck konnte ausgesprochen stur sein. Als ihn Bertolt Brecht einmal bei Proben anschrie, brüllte der Schauspieler zurück, das könne er lauter. Auch sonst hielt er nicht seinen Mund. Missstände in der DDR, die er als solche erkannte, sprach er zum Unwillen der SED-Oberen an.

Filmrollen, in denen kommunistische Führer wie Ernst Thälmann zu Ikonen stilisiert wurden, ließen den Schauspieler kalt. Er spielte lieber in Konrad Wolfs verbotenem Film "Sonnensucher" über die Zustände im Uranbergbau in Ostdeutschland einen aufmüpfigen Wismut-Kumpel. Einer seiner Lieblingsfilme ist "Bankett für Achilles". Er verkörperte darin einen Arbeiter im Chemiekombinat Bitterfeld, der seine Pensionierung nutzt, um mit den früheren Kollegen abzurechnen.

1995 hatte Geschonneck erstmals unter der Regie seines Sohnes Matti gedreht - in dem Streifen "Matulla und Busch". Es war, wie er ankündigte, sein letzter Film. Man müsse in Würde abtreten können, lautete sein Kommentar. Der mehrfache DDR-Nationalpreisträger wurde 1993 mit dem Bundesfilmpreis geehrt.

Von Thomas Kunze, dpa