Unterhaltung

"Fuck and go" Neuer "Tatort" aus Erfurt - krass, Alter!

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Wow, wie hip - das neue Erfurter Ermittlerteam im "Tatort".

(Foto: MDR)

So stellt sich der MDR also die neue Generation der "Tatort"-Ermittler vor. Sie trinken Energydrinks statt Kaffee und können Bierflaschen an der Tischkante öffnen. Gelungene Premiere in Erfurt? Selten sah der "Tatort" so alt aus.

Die Praktikantin hat einen "geilen Arsch". Im Hotelzimmer kommt es fast zum "Fuck and go" und überhaupt ist alles ganz schön "krass". So stellt sich der MDR also den Polizeinachwuchs vor. Die neuen Ermittler aus Erfurt, dargestellt von Friedrich Mücke, Benjamin Kramme und Alina Levshin, sind das jüngste Team der "Tatort"-Geschichte und müssen das ausbaden, was der Sender so unter jungen Leuten versteht. Sie sprechen eine "jugendgemäßere Sprache" und haben einen "anderen Kleidungsstil", hatte ARD-Programmdirektor Volker Herres vorab skizziert, man möchte sagen: angedroht. Was das fürs Drehbuch bedeutet? Die Neuen aus Erfurt trinken literweise Energydrinks und tragen - voll krass - Jeans zum Sakko.

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Guten Morgen: Kriminaldirektorin Fritzenberger (Kirsten Block) und Kriminalkommissar Schaffert (Benjamin Kramme).

(Foto: MDR / Marcus Goldhahn)

"Alter!" - das erste Wort des neuen "Tatort"-Kommissars Henry Funck (Mücke) dürfte also als Anspielung zu verstehen sein. Wer sich von der Folge "Kalter Engel" tatsächlich einen frischen, visionären und unkonventionellen "Tatort" versprochen hatte, wird schnell enttäuscht. Schon die durchchoreografierte Verfolgungsjagd gleich zu Beginn wirkt seltsam altmodisch. Spätestens beim ersten Satz des Neuen ist klar, wohin die Reise geht: "Stehen bleiben - oder ich schieße".

Von diesen abgedroschenen Sätzen gibt es eine ganze Menge in Erfurt. Dabei wollte der skandalgeschüttelte MDR (Schmiergeld-Affäre, Kika-Skandal) gerade bei diesem "Tatort" ganz neue Wege beschreiten. In einer öffentlichen Ausschreibung wurde nach "schrägen Ideen" gesucht, um "eingetretene Pfade zu verlassen", so erklärte es Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi vor einem Jahr. Statt eines unverbrauchten Filmemachers bekam jedoch Regisseur Thomas Bohn den Zuschlag. Es ist sein 16. "Tatort".

Für dumm verkauft

Und tatsächlich wirkt die eine oder andere Szene, als hätte man sie so oder so ähnlich schon etliche Male am Sonntagabend im Fernsehen gesehen. Tote Studentin wird im Flussbett gefunden. Ratlose Kommissare, eine strenge Chefin (Kirsten Block als Petra Fritzenberger) und die Presse, die Druck macht. Dazu eine Filmmusik wie aus der verstaubten Asservatenkammer des MDR. Die Studentin hatte als Escortdame gearbeitet und nebenbei auch noch an der Uni aufputschende Tabletten an Kommilitonen vertickt. Am Ende ist jedoch weder der abhängige Student der Mörder noch der verheiratete Arzt und Freier. Der eifersüchtigen Mitbewohnerin wurde es einfach zu bunt mit der freizügigen Freundin. Dass das schüchterne Mädchen im Affekt handelt und die sterbende Studentin dann dennoch nach dem Muster eines gesuchten Frauenmörders misshandelt, ist einer von vielen Logikbrüchen.

Der "Tatort" aus Thüringen ist ein biederer Krimi geworden, der weder spannend noch gut erzählt ist. Dass der Film unter dem Arbeitstitel "Speed" gedreht wurde, ist eine groteske Randnotiz. Schade um die Schauspieler Friedrich Mücke, Benjamin Kramme (Kriminalkommissar Maik Schaffert) und Alina Levshin als Polizei-Praktikantin Johanna Grewel, die - auch wenn sie zu Beginn noch recht steif wirken - eigentlich ihre Arbeit gut machen. Auch die Konstellation der zwei Kumpels und der Streber-Praktikantin als schlaue Außenseiterin im Buddy-Gefüge hat Potenzial.

"Er hält uns für dumm. Vermutlich weil wir jung sind", sagt Kommissar Funck während eines Verhörs. Man wird das Gefühl nicht los, dass auch der Zuschauer für dumm verkauft werden soll. Das bisschen Action macht noch keinen modernen Krimi. Und nur weil ein Ermittler Pizza aus dem Karton isst und die Bierflasche an einer Tischkante aufmachen kann, ist hier nicht die neue Generation "Tatort" angetreten.

Der nächste Fall aus Erfurt ist schon in Arbeit. Bleibt zu hoffen, dass das Dreiergespann aus Thüringen in Zukunft nicht mehr diese anbiedernde Jugendlichkeit aufgezwungen bekommt und dafür das Drehbuch, das es verdient. Denn die jungen Schauspieler sind tatsächlich die Einzigen, die hier eine reife Leistung abgeliefert haben. Alles andere sieht daneben ganz schön alt aus.

Quelle: ntv.de

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