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Oliver Stone wird 70 Politik, Gewalt und Anti-Helden

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Amerikas moralisches Gewissen wird 70: Regisseur Oliver Stone.

(Foto: REUTERS)

"Platoon" und "Natural Born Killers", "Wall Street" und "Snowden": Politik und Gewalt sind die roten Fäden im Werk von Oliver Stone. Das hat ihn Oscars eingebracht - und viel Kritik. Dabei lehrte ihn das eigene Leben, hinter die Kulissen zu schauen.

Von Moral ist oft die Rede, wenn es um Oliver Stone geht: vom moralischen Gewissen Amerikas, vom moralischen Filmemacher. Wohl weil Stone heikle Themen anpackt, weil er den Finger in die Wunde legt: Er zeigt den Vietnamkrieg als blutiges Gemetzel, das physisch und psychisch zerstörte Veteranen zurücklässt. Er seziert die Gier der Wall Street. Er porträtiert umstrittene Politiker. Er überhöht satirisch die Reizüberflutung der Massenmedien.

Auch mit nun 70 Jahren schaut Stone noch hinter die glänzenden Fassaden des amerikanischen Traums und enthüllt dabei Gewalt und Gier, Machtspiele und Manipulationen. Deshalb passt auch sein neuestes Werk "Snowden", das kommende Woche in den deutschen Kinos startet, thematisch perfekt zu ihm. Dieser Aktivismus, diese Beharrlichkeit haben ihn jedoch nicht nur drei Oscars eingebracht und internationalen Ruhm, sondern auch viel Kritik und Anfeindungen.

Denn Stone ist nicht nur ein begnadeter Filmemacher, er lässt in seine Werke auch oft seine Weltanschauung einfließen - im Guten wie im Schlechten. Im Guten, weil Stone gerade bei seinen frühen Filmerfolgen auf persönliche Erfahrungen setzte und deshalb authentische Bilder lieferte. Im Schlechten, wenn seine Weltsicht ihn daran hindert, komplexe Themen von mehreren Seite zu betrachten. Zwar ist es Stones großer Verdienst, immer bemüht zu sein, die Realität abzubilden und Gegenwartsprobleme aufzugreifen - das ist selten genug im heutigen Hollywood. Sein Anti-Heldentum gerät jedoch mitunter zur Selbstinszenierung, seine Filme zur Politshow.

Von "JFK" bis "W."

Stone ist der vielleicht politischste US-Regisseur seiner Generation: Er drehte "Salvador" über den Bürgerkrieg in El Salvador, die Vietnamkriegsfilme "Platoon", "Geboren am 4. Juli" und "Zwischen Himmel und Hölle". Er thematisierte die "Wall Street", porträtierte Politiker ("JFK", "Nixon", "W." über Bush), nahm Medienwelt ("Natural Born Killers") und Sportgeschäft ("An jedem verdammten Sonntag") ins Visier. Mit "World Trade Center" war er einer der ersten, der die Anschläge vom 11. September aufgriff und sein Historienepos "Alexander" von 2004 kann durchaus als Kommentar auf die folgenden Kriege der Bush-Regierung gesehen werden. Ja, selbst seine Jim-Morrison-Biografie "The Doors" behandelt auch die Prüderie der 60er und die geistige Befreiung durch die Studentenrevolte - die Stone als junger Filmstudent selbst miterlebte.

Am besten war und ist Stone eben, wenn er Themen anpackt, die ihn persönlich betreffen. Sein erster großer Erfolg "Platoon" von 1986 hat nicht die visuelle Wucht von "Apocalypse Now" oder die psychologische Tiefe von "Die durch die Hölle gehen". Dafür sind es Stones eigene Erfahrungen als Frontsoldat im Vietnamkrieg, inklusive Verletzungen und Auszeichnungen für Tapferkeit, die den Film mit seinen Grausamkeiten so beeindruckend realistisch und zu einem der wichtigsten Antikriegsfilme machen.

Es war seine eigene privilegierte Kindheit als Sohn eines Wall-Street-Brokers, der schließlich bankrott ging, die ihm die Kehrseite des Kapitalismus aufzeigte und zu einem weiteren Erfolg inspirierte: "Wall Street" mit Michael Douglas und Charlie Sheen stellt den Börsen-Exzess der 80er Jahre dar - und erhielt 2010 nach dem Finanzcrash eine schwächere Fortsetzung.

Realismus und Haltung

Trotz der politischen Schwerpunkte weisen Stones Filme eine große Stilvielfalt auf - die Spanne reicht vom routinierten Geschichtskino über Verschwörungs-Thriller bis zur schrillen Satire "Natural Born Killers", für die Stone aus den verschiedensten Filmformaten eine unvergleichliche Collage über das Verhältnis von Medienwelt und Gewalt bastelte, die die Grenze zur Dokumentation verschwimmen lässt.

Als Filmautor ist Stone ein gelehriger Schüler des kritischen New Hollywood - immerhin war Martin Scorsese einer seiner Unidozenten. Doch er hat die Stilelemente weiterentwickelt, er wirkt wie ein Bindeglied zwischen den Rebellen der 60er und dem Independentkino der 90er. Stone ist kein Philosoph im Regiestuhl, aber ein äußerst talentierter Handwerker, der weiß, wie er mit Formaten, Einstellungen und Schnitten Wirkungen erzielen kann, wie er sie im gewünschten Sinne zusammenbauen muss. Nur selten verlässt er dabei die irdische Welt und entschwebt wie in "The Doors" in metaphysische Sphären.

Daneben hat sich Stone aber auch als Autor einen Namen gemacht. Seit seiner Kindheit schreibt er unablässig: Theaterstücke, Geschichten und Romane, vor allem aber Dutzende Drehbücher, von denen etliche in Schubladen verstaubten. Der Schreibwut verdankt er seine erste Regiearbeit "Die Herrscherin des Bösen" und 1978 den Drehbuch-Oscar für "Midnight Express". Später kam das Skript für den Historienschinken "Conan der Barbar" hinzu, für die Gewaltorgie "Scarface" mit Al Pacino, die mittlerweile Kultstatus genießt, und für den düsteren Thriller "Im Jahr des Drachen" mit Mickey Rourke.

Neben der Politik bestimmen eben auch Gewalt, Gegenkultur und Anti-Helden Stones Werke. Klar, dazu gehört auch eine gehörige Portion Selbstinszenierung. Etwa wenn er eine Dokumentation über Fidel Castro dreht - die zur kritiklosen Huldigung des kubanischen Ex-Diktators gerät. Doch das hat auch etwas Gutes: Im gelackten, gleichgeschalteten Studiosystem von Hollywood, das auf Blockbuster und Fortsetzungen setzt, sticht Stone heraus. Realismus und Haltung haben ihn zur Kinolegende gemacht.

Quelle: n-tv.de

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