Unterhaltung
Freitag, 27. März 2009

Abscheu und Faszination: "Triumph des Willens"

Vor 75 Jahren schuf Leni Riefenstahl über den Nürnberger Parteitag von 1934 einen Film, in dem sie Hitler verherrlichte und aus ästhetischer Sicht Filmgeschichte schrieb.

Leni Riefenstahl (M) gibt Regieanweisungen für ihre Dokumentation des Nürnberger Parteitags 1934.
Leni Riefenstahl (M) gibt Regieanweisungen für ihre Dokumentation des Nürnberger Parteitags 1934.

Mit diesem Film sollte Leni Riefenstahl ein Hitler-Loblied wie kein anderes schaffen - und aus technischer Sicht dennoch Filmgeschichte schreiben: Vor 75 Jahren bekam die damals schon weltberühmte Regisseurin und Schauspielerin von den Nazis den Auftrag zu "Triumph des Willens", dem Film über den Nürnberger NSDAP-Reichsparteitag im September 1934. Noch heute gilt vielen das Werk als verabscheuungswürdiges Dokument des fast schon religiösen Führerkults und wird gleichzeitig als filmtechnisches Meisterstück gelobt.

"Bis heute kommt fast keine NS-Dokumentation ohne Bilder aus diesem Film aus", sagt Wissenschaftler Eckart Dietzfelbinger vom Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Die Macht der Bilder von "Triumph des Willens" war schon den alliierten Siegermächten nicht geheuer, 1945 verboten sie den Film in Deutschland. Mittlerweile darf er in kommentierter Fassung gezeigt werden. In Nürnberg gibt es regelmäßig Vorführungen. "Die Stimmung des Films treibt die Leute bis heute zum Weinen. Vor allem ältere Zuschauer bekommen noch feuchte Augen", berichtet Dietzfelbinger.

Riefenstahl überhöhte Hitler zum Messias

Die Filmbilder haben allerdings mit der Realität wenig zu tun, auch wenn Riefenstahl selbst anderes behauptete. Bis zu ihrem Tod 2003 hatte sie sich immer wieder gerechtfertigt, sie habe nur das dokumentiert, was dagewesen sei. Auf keinen Fall habe sie Hitler überhöhen wollen. Auf tausenden Seiten haben Wissenschaftler auf der ganzen Welt das Gegenteil bewiesen: Die Chronologie des realen Parteitages wurde für den Film völlig durcheinandergebracht, Aufmarschszenen stilisiert, unpassende Bilder etwa über die Trinkgelage und die Volksfeststimmung am Rande des von Millionen Menschen besuchten Treffens einfach ignoriert. "Nicht einmal das Wetter stimmt", sagt Dietzfelbinger. "Die Regenszenen wurden einfach weggelassen."

Stattdessen ist der Film vollkommen durchkomponiert - Hitler wird durch unzählige technische Kniffe zum Messias erhöht, der sein Volk scheinbar erlöst und eine leuchtende Zukunft verspricht. Aufmärsche oder eine Gedenkfeier für gefallene Soldaten werden auf der Leinwand zu quasi-religiösen Ritualen. "Riefenstahl war eine absolute Perfektionistin", erklärt Dietzfelbinger. Von Hitler bekam sie alles, um ihre Film- und Karriereträume wahr zu machen: Unmengen an Geld und ein Team von 170 Leuten, darunter 16 der damals besten Kameramänner.

Cineasten rühmen Ästhetik

Mit ihnen realisierte sie revolutionäre Ideen: Mit einem Kran fuhr sie einen Fahnenmast hoch, um die Massen von oben zu filmen. Überall in der Stadt wurden Schienen für Kamerafahrten verlegt; die berühmteste ist eine Rundfahrt um Hitler, die ihn wie eine lebende Statue aussehen lässt. Ungewöhnliche Perspektiven und bombastische Musik taten das Übrige - Riefenstahl zielte auf das Unterbewusstsein ihrer Zuschauer.

"Die Aufmärsche waren eine stinklangweilige Angelegenheit von mehreren Stunden", erklärt Dietzfelbinger. Auf der Leinwand sah das dann allerdings anders aus. "Der Film war ein Mega-Hit schlechthin. Er galt damals als einer der zehn besten Filme der Welt." So wurde er kurz nach der Premiere im März 1935 auch im Ausland gefeiert und mit Preisen überschüttet. Noch heute rühmen Cineasten seine Ästhetik.

Film löste gefährliche Emotionen aus

In Deutschland wurde "Triumph des Willens" zu einem der wichtigsten Propagandafilme für die Nazis. Sie nutzten das Werk ganz nach ihrer eigenen Film- und Medientheorie, um die Massen mitzureißen und anzustacheln. Schulklassen wurden zum Ansehen verpflichtet. "Die Nazis haben die Sehnsucht der Menschen nach einer heilen Welt und einer Gemeinschaft perfekt bedient", erklärt Dietzfelbinger Wirkung und Erfolg des Films.

Die Nazis zielten auf die Emotionen der Menschen - das Nürnberger Reichsparteitagsgelände bot die ideale Kulisse dafür. "Das ist eine Überwältigungs- und Einschüchterungsarchitektur", sagt Siegfried Zelnhefer von der Stadt Nürnberg.

Streit gibt es darum, ob immer noch ein Risiko von der Hitler-Idealisierung ausgeht und ob der Film nach wie vor gefährliche Emotionen auslöst. Dietzfelbinger vertritt die These, dass der Film seine Anziehungskraft für jüngere Menschen verloren hat: "Der Zeitgeist ist zum Glück nicht mehr derselbe. Wir sind keine militarisierte Gesellschaft. Wir haben keinen Wunsch nach dem einen Erlöser. Die Jungen langweilen sich total, wenn sie den Film sehen." Auch die Neonazi-Szene bediene sich heute ganz anderer Mittel, etwa des Internets. "Die Neonazis rekurieren darauf nicht. Da hat auch keiner 'Mein Kampf' gelesen - das wäre ja viel zu anstrengend."

Quelle: n-tv.de