Unterhaltung

Zapp Maier - die WM-TV-KolumneWinken bis zum Abwinken

30.06.2014, 14:47 Uhr
imageVon Ingo Scheel
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(Foto: picture alliance / dpa)

Die erste Hälfte des Achtelfinales ist gespielt, die Reihen bei der WM lichten sich. Es machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Nein, nicht in Sachen Fußball. Das Publikum auf den Stadionrängen ist das Problem.

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Sehr beliebt in Fußball-Stadien: Der händische Liebesgruß an wen auch immer. (Foto: imago/Xinhua)

Was sagte doch einst der selige Hans Rosenthal zu einem seiner Kandidaten bei "Dalli Dalli"? "Wir wollen doch nicht winken. Wir sind in einer Großstadt. Da machen wir das nicht." Sein Kandidat, ein hagerer Hornbrillenträger in grauem Trevira-Anzug, hatte einen Gruß nach Hause an die Bildschirme schicken wollen. Hatte kurz gewunken, um sich direktemang einen Gag von Hänschen abzuholen.

Das mag anno 2014 wirken wie von einem anderen Planeten, doch wer heuer WM-Fußball aus Brasilien schaut, kommt zuweilen nicht umhin, sich Hänschen Rosenthal zurückzuwünschen. Denn alles und jeder und jeder Mann und jede Frau und überhaupt die ganze Welt scheint zu winken. Kamera drauf, und wie der Pavlovsche Hund beim Klang des Glöckchens sabbert, so müssen alle beim Erblicken eines Objektivs zwanghaft das Winkfleisch in Bewegung bringen.

Und so kommt jeder, der meinte, auf der heimischen Isolations-Couch dem Fußball - for the love of the game - frönen zu können, in den Genuss dessen, was er doch unbedingt weiträumig hatte umgehen wollen: Public Viewing für zu Hause. So schmeckt Event-Fußball, die Cathy-Fischerisierung des Spiels hat längst begonnen. Fernanda Brandao winkt von ferne auch schon ganz hektisch. Na, die ist aber auch wieder super druff.

Und wer sich die Frechheit erlaubt, es nicht zu merken, wenn ihn der Sucher auf dem Rang einfängt, der spürt den Ellenbogen des Nebenmannes in den Rippen. Da, Alter, Du bist auf dem Monitor. Sieh zu, dass Du das Ärmchen hebst. Hier herrscht Wink-Imperativ. Oder noch besser: Mit den Händen ein Herzchen formen. Was dem Metaller die Pommesgabel, das ist dem Eventgänger der händische Liebesgruß an wen auch immer.

Verschmierte Nationalfarben-Schminke im Gesicht, Perücken in Neontönen, aufblasbare Gitarren, Blumenketten in Schwarz-Rot-Gold oder Hellblau, Häschen-Ohren in Wohnwagen-Oranje - die Outfits sind längst zum Passepartout für Spektakelspaß vom Schlagermove hier bis zur Copa-Copacabana-Sause dort geworden. Und nicht vergessen: Immer schön winken, liebe Tribünen-Tubbys. Und wenn die eigene Mannschaft verliert? Egal, so breit kommen wir nicht mehr zusammen, daher: Winken, winken, winken. Bis zum Abwinken.

Quelle: ntv.de