"Heimsuchung"Die Leben im Haus am See
Ein Sommerhaus an einem märkischen See mit Bootshaus und Steg, einem Gärtner und seinen Bewohnern, Geschichten aus einem Jahrhundert erzählt Jenny Erpenbeck.
Eine Frau räumt ein Haus leer, das Haus, in dem sie als Kind die Ferien bei den Großeltern verbrachte. Das Haus der Familiensommer seit 40 Jahren. Das Haus steht am Scharmützelsee, dort, wo zu DDR-Zeiten die Schriftsteller-Prominenz ihre Refugien hatte. Die Frau ist Jenny Erpenbeck, Enkelin der Autoren Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner, Tochter des Schriftstellers John Erpenbeck und der Übersetzerin Doris Kilias.
Erpenbeck hat ihr autobiographisches Erleben in dem Roman "Heimsuchung" verarbeitet. Darin erzählt die 41-Jährige, die gerade den Solothurner Literaturpreis gewonnen hat, zwölf Schicksale. Die Bewohner erleben die 1920er Jahre, Nazidiktatur und Judenverfolgung, den Einmarsch der Russen und die DDR-Zeit und schließlich den Verkauf des Hauses und seinen Abriss nach der Wende. Die deutsche Geschichte am Seeufer.
Dieses einerseits ganz private Kommen und Gehen der Menschen steht immer im engen gesellschaftlichen Kontext. Doch Erpenbeck gelingt die Gratwanderung zwischen dem persönlichen Schicksal und dem Exemplarischen an den Lebenswegen ihrer Figuren. Die älteste Großbauerntochter, der Architekt, der jüdische Fabrikant, der Gärtner, sie alle leben einen Alltag in jenem Haus, erleben Glück und Sorge, Bedrohung und Verlust.
Anrührend wird der Text, wenn Erpenbeck für die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts einfache Bilder findet, ohne in Gut und Böse-Muster zu verfallen. Die versteckte Jüdin, die sich durch eine Urin-Pfütze verrät, das jüdische Mädchen, das vor dem Erschießungskommando an das Glück denkt, mit offenen Augen zu tauchen, die Architektenfrau, die sich im Wandschrank versteckt und von einem russischen Soldaten vergewaltigt wird, der sich dessen kaum bewusst wird.
Ein Ort ist unsere Heimat, aber die menschlichen Spuren verwischen, der Ort bleibt, wird anderen Menschen eine andere Heimat. Erpenbeck hat für ihren Roman akribisch recherchiert und das Schöne ist, man spürt das beim Lesen, aber berührt wird man von der Geschichte. Erpenbeck erzählt sehr verknappt, reduziert jedes Leben auf wenige Seiten und erzählt dennoch so lebendig von den Tagen am See, dass man meint, das Wasser riechen zu können.
Jenny Erpenbeck: "Heimsuchung", Eichborn, Berlin 2008, 192 Seiten, 17,95 Euro