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"Gottes Krieger"Die Verteidigung der Kreuzritter

20.06.2013, 10:45 Uhr
imageVon Samira Lazarovic
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Papst Urban II. beim Aufruf zum Kreuzzug auf der Synode von Clermont im November 1095. (Stahlstich um 1800) (Foto: picture-alliance / dpa)

Kreuzritter waren keine blutrünstigen Barbaren. Im Gegenteil: Die Kreuzzüge wurden durch islamische Provokationen ausgelöst. Mit dieser These zieht der US-Autor Rodney Stark los, um eine Lanze für die Kreuzritter zu brechen. Muss jetzt Geschichte umgeschrieben werden?

"Deus lo vult! Gott will es!" Aufgepeitscht von der Kreuzzugspredigt von Papst Urban II. reißen sich die Männer Streifen aus Umhängen und Tüchern und machen daraus Kreuze, die sie sich aufs Brustwams nähen. Sie werden ins Heilige Land ziehen. Die drastischen Schilderungen des Papstes über Folterung, Vergewaltigung und Ermordung christlicher Pilger im Heiligen Land rütteln sie auf. Außerdem gibt der Kreuzzug den gelangweilten Rittern, die nichts Besseres zu tun haben, als sich gegenseitig in Turnieren zu massakrieren, endlich eine ehrenvolle Aufgabe: "Soldaten der Hölle, werdet Soldaten des lebenden Gottes", fordert Urban II. sie auf.

Der Rede im Jahr 1095 folgen bis ins 13. Jahrhundert je nach Zählung etwa sieben Kreuzzüge und bis heute unzählige grausige Schilderungen von brutalen Rittern, die die islamische Hochkultur in Blut und Tod tauchten. "Nach vorherrschender Auffassung waren die Kreuzzüge ein Werkzeug des imperialistischen Christentums, das Territorien eines toleranten und friedlichen Islams brutal unterwerfen wollte", schreibt der US-Religionssoziologe Rodney Stark. Demnach wären die Kreuzzüge ein Grund für die Verbitterung der islamischen Welt und damit letztendlich auch ein Auslöser für die Anschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001 gewesen.

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Die Christenheit kann aufhören, sich für die Kreuzzüge zu entschuldigen, findet Rodney Stark. (Foto: Haffmans & Tolkemitt)

Aber so war es nicht, ist sich Stark sicher. "Die Kreuzzüge waren nicht die erste Runde des europäischen Kolonialismus. Sie wurden durch islamische Provokation ausgelöst, durch jahrhundertelange blutige Versuche, das Abendland zu kolonisieren und immer wieder durch Überfälle auf christliche Pilger und heilige Stätten." Dieses Fazit findet sich bereits am Anfang seines Buches "Gottes Krieger” und er wird es nach gut 350 Seiten noch einmal ziehen.

Mit dieser Sicht der Dinge trifft Stark offenbar einen Nerv. "Gottes Krieger" räume mit den Mythen auf und wage eine neue Sicht auf die Kreuzzüge, jubelt es nicht nur in amerikanisch-christlichen Blogs. So sieht der deutsche Publizist Matthias Matussek ein "Tabu" angerührt und applaudiert Stark auf dem Gruppen-Blog "Die Achse des Guten" dafür, dass dieser gar nicht daran denkt, sich für die Kreuzzüge zu entschuldigen, wie es nicht nur eine kleine, belächelte Gruppe Protestanten im Jahr 1999 zum 900. Jahrestag der Eroberung Jerusalems, sondern auch Bill Clinton in einer Rede nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 tat, als er die Kreuzzüge als Verbrechen gegen den Islam bezeichnete.

Unscharfer Blick zurück

Nun ist es nichts Neues, dass Geschichte ständig umgeschrieben wird. Ein Schulbuch zum Thema Kreuzritter von 1993 liest sich anders, als eines aus dem Jahr 2013. Geschichte ist immer das Konstrukt derjenigen, die die Quellen deuten. Und Stark, der wiederholt betont, kein Historiker zu sein, hat sich jede Menge Quellen vorgenommen und stellt sie akribisch dar. Doch was ist, wenn man schon am Anfang weiß, welches Fazit man aus den Funden ziehen will?

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Blick auf den Felsendom in Jerusalem: "Der Glaube, es habe einmal eine muslimische Kultur gegeben, die der europäischen überlegen war, ist bestenfalls eine Illusion." (Foto: picture alliance / dpa)

In den Augen von Stark sind nicht nur die Quellen, die die Toleranz und Kunstfertigkeit der Muslime preisen, stark übertrieben, sondern auch diejenige, die die Brutalität der christlichen Kreuzfahrer beschreiben. Um seine Sicht der Dinge herauszuarbeiten, ergänzt der Professor der privaten Baptisten Universität Baylor in Waco, Texas, die bruchstückhaften Berichte einfach durch eigene Überlegungen und Berechnungen, etwa wenn es in der christlichen und muslimischen Erzählung Abweichungen bei den Truppenstärken gibt.

Historische Fakten, wie etwa die Übergriffe christlicher Kämpfer auf Juden in Speyer und andernorts, werden mit Hinweis auf den einen Bischof, der den Juden half, rasch abgehandelt, bevor sie das Ansehen der Kreuzritter beschädigen können. Stark beginnt seine Geschichte der Kreuzzüge im 7. Jahrhundert, als die Heere der Araber große Gebiete der christlichen Welt besetzten. Die Jahrhunderte, die zwischen der muslimischen Eroberung des Mittelmeerraumes und dem heißen Julitag, an dem der edle Gottfried von Bouillon 1099 im Morgengrauen auf dem schwankenden Belagerungsturm steht, liegen, verfliegen innerhalb weniger Seiten und stellen die Ereignisse in einer selbst geschmiedeten Kausalkette dar, die der Christenheit keine Wahl ließen, als endlich zurückzuschlagen.

Der 79-Jährige findet es nicht nur absurd, sondern auch unredlich, ausgerechnet mit der Eroberung Jerusalems durch Gottfried von Bouillon beweisen zu wollen, dass die Kreuzfahrer blutrünstige Barbaren waren, im Gegensatz zu den zivilisierten und toleranten Muslimen. Denn seiner Ansicht nach haben sich Historiker bislang in der Beschreibung der blutigen Massaker, die von muslimischer Seite ausgingen, zu sehr zurückgehalten. Die Behauptung, dass die Muslime seit einem Jahrhundert wegen der Kreuzzüge verbittert seien, sei barer Unsinn, betont Stark. Feindseligkeiten wegen der Kreuzzüge seien erst ab 1900 mit dem Untergang des Osmanischen Reiches und des tatsächlichen europäischen Kolonialismus im Nahen Osten und seit der Gründung des Staates Israel aufgetaucht.

Populär, nicht wissenschaftlich

Der ständige Wechsel zwischen der wissenschaftlich anmutenden Quellenarbeit und den detailfreudigen Beschreibungen der Kämpfe und Befindlichkeiten der Ritter in "Gottes Krieger" ist sicherlich Geschmackssache. Schwer zu ertragen ist die Attitüde der endlich ausgesprochenen Wahrheit und mit ihr die populistischen Ausbrüche, in denen Stark die Idee einer höheren muslimischen Kultur zu Zeiten der Kreuzzüge, ob es um den Felsendom oder die Mathematik geht, pauschal als Illusion oder Unsinn brandmarkt.

Ob die Argumentation des Religionssoziologen, der sich in seinen Publikationen auch gegen den allgegenwärtigen "Darwinismus-Kreuzzug" stark macht, grundsätzlich schlüssig ist und nach "Gottes Krieger" die Geschichte der Kreuzzüge neu geschrieben werden muss, können nur Historiker beurteilen. Es gab schon vor Rodney Stark fachfremde "Außenseiter", die mit einem "unverstellten Blick" die Geschichtswissenschaft aufrütteln wollten. So sorgte der Publizist und Verleger Heribert Illig mit seinem 1996 erschienenen Buch "Das erfundene Mittelalter" für Furore. Zumindest in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen und der Presse. Seine These: Rund 300 Jahre der Geschichtsschreibung, von 614 bis 911 n. Chr., hätten nie stattgefunden, was Karl den Großen zu einer reinen Erfindung machen würde. Illig stützte seine These auf die Quellenarmut dieser Zeit.

Der "Chronologiekritiker", von dem auch der Vorschlag zur Kürzung der Geschichte Ägyptens um 2000 Jahre kam, faszinierte eine Zeitlang die Medien. Geschichtswissenschaftler lehnten seine Arbeit relativ schnell ab und verwiesen auf grundlegende methodische Fehler. Illigs Arbeit blieb eine skurrile Fußnote, Karl der Große in den Geschichtsbüchern.

Gerade bei einem bis heute politischen und emotionalen Thema wie der Geschichte Jerusalems sei die Verführung groß, die Vergangenheit durch die Brille heutiger Obsessionen zu sehen, schreibt Simon Sebag Montefiore in dem Vorwort zu seinem vielbeachteten Buch "Jerusalem - die Biographie". Und diese Brille kann von allen Seiten aufgesetzt werden - auch von muslimischen oder eben christlichen Nationalisten. Denn für die wahren "Gottes Krieger" hielten sich seit jeher alle Seiten.

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Quelle: ntv.de