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Für den optimalen EinstiegGeschäfte machen in Indien

10.08.2007, 11:31 Uhr

Dass der erfolgreiche Zugang zu Märkten in anderen Kulturen eigenen Gesetzen folgt und jede Menge Kenntnisse über die einzelnen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Besonderheiten voraussetzt, ist längst zu einem globalen Business-Mantra geworden.

Dass der erfolgreiche Zugang zu Märkten in anderen Kulturen eigenen Gesetzen folgt und jede Menge Kenntnisse über die einzelnen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Besonderheiten voraussetzt, ist längst zu einem globalen Business-Mantra geworden. Erstaunlich ist allerdings, wie wenig Publikationen auf dem Markt sind, die tatsächlich den Versuch unternehmen, praktische Handlungsanweisungen, landeskundliche Informationen und Mentalitätserkundungen einigermaßen "smart" miteinander zu verbinden.

Und wo wäre ein solches Buch dringender als im Fall von Indien? Denn während man sich in, sagen wir, China auf ein besonders strategisches Agieren der Geschäftspartner und auf ausgeprägte Loyalitätsbeziehungen einzustellen hat, sich aber ansonsten auf seine ökonomische Intuition weit gehend verlassen kann, wird auf dem Subkontinent das westliche Denken im Ganzen herausgefordert. Der Werbeslogan der Tourismusbranche vom "unglaublichen Indien" hat da schon seine Berechtigung.

Originelle Kompetenz

Einen ebenso kompetenten und wie originellen "Indien-Ratgeber" hat nun Wolffhart Auer von Herrenkirchen vorgelegt. Nach Aussage des Autors handelt es sich bei seinem Werk um ein "Flugzeugbuch", womit gemeint ist, dass der Leser in die Lage versetzt werden soll, während eines Fluges alle maßgeblichen Informationen verinnerlichen zu können. Um diesen nicht eben geringen Anspruch erfüllen zu können, hat der Autor einen geschickten Aufbau gewählt.

Die einzelnen Kapitel folgen keinem starren Muster, sondern es wechseln sich mit witzigen Überschriften versehene Abschnitte über Politik und Geschichte mit betriebswirtschaftlich relevanten Informationen über das Finanzsystem oder das Verbraucherverhalten ab – jeweils ergänzt mit Exkursen über soziale und kulturelle Eigenheiten. Zur Auflockerung des Textes werden immer wieder Infoboxen mit Kuriosa wie etwa der ambivalenten Stellung von Transsexuellen in der indischen Gesellschaft, von einer Zeitung empfohlenen Verhaltensweisen in Shopping Malls oder über ("high"-lige) Kühe, die sich an Verkehrsabgasen berauschen, eingefügt.

Meister der Dialektik

Gut wird vom Autor das eigentliche Charakteristikum der indischen Gesellschaft – nämlich ein in allen Bereichen anzutreffendes Prinzip der Gegensätzlichkeit – und seine Bedeutung für das Geschäftsleben herausgearbeitet. Obwohl aufgrund der langen angelsächsischen Tradition dem Besucher/Investor auf den ersten Blick vieles bekannt vorkommen mag, lauern im Geschäftsalltag eine Vielzahl von Fallstricken. Denn die Inder sind vor allem eines: wahre Meister der Dialektik.

Dies bezieht sich nicht nur auf die augenscheinlichen Widersprüche zwischen Arm und Reich, Hochtechnologie und erbärmlicher Infrastruktur oder auf eine lange Tradition von Gewaltlosigkeit und dem Streben nach Atomwaffen, sondern kommt auch darin zum Ausdruck, dass Inder versuchen, reichlich konträre Dinge gleichzeitig zu erreichen. Einerseits wird ganz ungeniert nach dem größtmöglichen Vorteil gestrebt und persönliche Beziehungen werden dafür hemmungslos in Anspruch genommen. Anderseits hat dies – bitteschön – im Einklang mit einem sehr ausdifferenzierten ethischen Verhaltenskodex zu geschehen.

Geduld und Flexibilität

Auf diese Zweigesichtigkeit sollte man sich als geschäftlicher Indien-Novize tunlichst einstellen. Auch dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, dass die Korruption derart stark verbreitet ist, dass man sogar für die Ausstellung von Geburts- und Todesurkunden Beamte schmieren muss. Oder dass der indische Arbeitsmarkt so strikt reguliert ist, dass es Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern immer noch untersagt ist, Kündigungen auszusprechen! All diese Eigentümlichkeiten erfordern vom potenziellen Investor vor allen zwei Dinge: sehr viel anfängliche Geduld und – noch wichtiger – eine große Flexibilität. Hat man sich jedoch erst einmal auf den indian way eingestellt, winkt neben einer Produktionsstätte mit Kw(Qu)ality, die vor allem sagenhaft preiswerte Intelligenz zu bieten hat, ein schier unersättlicher Verbrauchermarkt.

Kurzum: Bei Kwality India handelt es sich nicht um eine der üblichen Pro-forma-Management-Fibeln, sondern um ein buntes Landespanorama und eine erfrischend-anregende Möglichkeit sich auf Indien, seine Menschen und das dortige Geschäftsgebaren einzustellen. Das Buch während eines Acht-Stunden-Fluges von Frankfurt nach Mumbai durchzulesen, dürfte jedoch selbst ausgesprochenen Schnelllesern kaum gelingen.

Daniel Müller

Wolffhart Auer von Herrenkirchen: "Kwality India. Der optimale Einstieg ins Indiengeschäft. Wirtschaft, Gesellschaft, Politik" FinanzBuch Verlag, München 2007, 24,90 Euro