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Roll Over Chuck Berry …Lang Lang spielt Beethoven

29.06.2007, 16:24 Uhr

Begleitet wird Ausnahmeklavierspieler Lang Lang von einem Ausnahmeklangkörper: das Orchestre de Paris ist mit seinen 119 ständigen Mitgliedern international eines der größten und angesehensten seiner Art.

Von Manfred Bleskin

"Roll Over Beethoven", einer der Klassiker des Rock and Roll, soll entstanden sein, als dem Mann aus St. Louis/Missouri das Klavierspiel seiner Schwester auf die Nerven ging. Ob die Legende stimmt, ist kaum nachprüfbar. Aber die Musik lebt nun einmal von Legenden. Und wer kann - zum Beispiel -schon nachprüfen, ob's stimmt, dass Lang Lang zur Klassik fand, als er heimischen Shenyang im mandschurischen Nordosten Chinas die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt als Soundtrack von Tom & Jerry-Cartoons hörte.

Sei's drum: Aus dem Jungen aus der Provinz des Reichs der Mitte ist, wenn nicht der Mittelpunkt, so doch eine der zentralen Referenzen der weltweiten Pianisten-Community geworden. Das ist nachprüfbar. Nicht nur bei einer vor Jahren von ihm eingespielten Aufnahme besagten Stücks, sondern auch und gerade auf der vorliegenden CD mit Ludwig vans Erstem Klavierkonzert C-Dur op. 15 und 1801 in der österreichisch-ungarischer Zeit entstand. Eigentlich war es nicht sein erstes Klavierkonzert. In seinen Bonner Tagen waren zwei Konzerte entstanden, eines in Es-Dur, das andere in D-Dur, und das als Zweites bekannt gewordene hatte der Genius vom Rhein vor dem "ersten" zu Papier gebracht. Wie auch immer: Das erste Klavierkonzert gehört vielleicht zu den schönsten des Genres. Das Vierte Klavierkonzert G-Dur op. 58 , an dem Beethoven seit 1804 gearbeitet hatte, war dem österreichischen Erzherzog Rudolph gewidmet und wurde im März 1807 im Wiener Palais Lobkowitz uraufgeführt.

Begleitet wird Ausnahmeklavierspieler Lang Lang von einem Ausnahmeklangkörper: das Orchestre de Paris ist mit seinen 119 ständigen Mitgliedern international eines der größten und angesehensten seiner Art. Christoph Eschenbach, seit sieben Jahren musikalischer Direktor an der Seine, hatte beide Werke schon 2003 mit Lang Lang in der französischen Hauptstadt öffentlich aufgeführt und Begeisterungsstürme ausgelöst. Nun also die Studioaufnahmen, die gewiss zu einem Begeisterungsorkan führen werden. Eschenbach gehört gewissermaßen zu den Entdeckern von Lang Lang. Früher als andere bemerkte er, was in dem Jungen steckt. Nun urteilt er, je mehr er ihn höre, desto mehr wachse seine Überzeugung, dass er ein geborener Beethoven-Interpret ist. Wohl war. Auch, wenn der Junge seine überragenden Fähigkeiten bei Chopin, Mozart und besagtem Liszt ebenso unter Beweis stellt.

Was ist das Besondere an seinem Spiel? Vielleicht die völlige Identifikation mit den Klängen, die Fähigkeit, die Musik so zu vereinnahmen, als hätte er sie selbst geschrieben. Viielleicht auch seine Leichtfingrigkeit. Beim Allegro con brio im ersten Konzert kommt tatsächlich spritzige, schwungvolle Fröhlichkeit auf. Das Allegro moderato in Nummer vier bringt eben jenen zurückhaltenden Frohsinn so zum Ausdruck, wie Beethoven ihn sehr wahrscheinlich wollte. Wem sich dies nicht per Audio vermittelt, der kann sich auf der beiliegenden DVD per Video davon überzeugen.

Bei allem Respekt vor der Schwester des Rock and Rollers: Wenn damals statt ihrer Lang Lang am Piano gesessen hätte, wäre "Roll Over Beethoven" ganz sicher nicht entstanden. Was allerdings auch wieder schade wäre. In diesem Sinne: Roll Over Chuck Berry and tell Little Richard the news.