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Erinnerungen, Ängste und Hoffnungen Mey singt gegen die "neue Zeit" an

Nur ganz wenige können "Mairegen" fallen lassen. Reinhard Mey gelingt das mit seinem neuen Album. Gewohnt gefühlvoll, poetisch und kritisch besingt er den heutigen Zeitgeist.

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Reinhard Mey gelingt es schon im Titel seines neuen Albums all jene Gefühle auszudrücken, die andere nicht einmal mit ihrer ganzen CD auszudrücken vermögen. Überhaupt: Gefühle artikulieren ist heuer aus der Mode gekommen. Es sei denn, man hält die Texte des Hitparadenschrotts für Emotionen.

Das Wort "Mairegen" drückt wie kaum ein anderes aus, was einen Menschen nach einem harten Winter mit all seinen Nöten bewegt: Aufbruch mit Hindernissen, doch voller Sicherheit, dass es gelingt. Oder, um Hoffmann von Fallersleben zu zitieren, an den Mey sich anlehnt: "Mairegen macht, daß man größer wird." Ja, er, einer der Honoratioren des zeitgenössischen deutschen Liedes, schreibt es im Beiheft mit Eszett. Sie gefällt ihm nicht, diese neue Zeit mit ihren unsinnigen Rechtschreibreformen und televisiven Suchen nach Superstars.

In "Larissas Traum" erzählt er von grell geschminkten Kindergesichtern, die sich in einer Mischung von "Straßenstrich und Oscar-Verleihung" entwürdigen lassen. Er hält dem Spektakulum jene Welt entgegen, in der seine "Rotten Radish Skiffle Group" für "'ne Curry und Bier" im Nordberliner Stadtbezirk Reinickendorf den ganzen Abend den Tanzboden samt den Mädchen darauf aufmischte.

Vaters Hasenbrot war das Beste

In "Das Butterbrot" will Mey nicht, dass jene Zeit zurückkehrt, in der Mutter nach dem Krieg eine alte Leica gegen Brot eintauschte. Es geht ihm um den Wert, um den Anstand, wenn er in dem wundervollen Lied davon spricht, er habe nie etwas Besseres gegessen als Vaters Hasenbrot. Für die jüngeren Leser: Das ist kein Brot mit Hasenfleisch drauf; das sind die Stullen, die der Ernährer der Familie nach dem Malochen heimbrachte, weil er den Seinen noch mehr Gutes tun wollte als am Monatsende den Arbeitslohn.

Das ist das ganze Gegenteil von Vergangenheitsverherrlichung. Das ist der Blick nach vorn, wenn Mey "Gegen den Wind" eines vermeintlichen Zeitgeistes ansingt, der Junge zu Greisen werden lässt, "bevor sie noch die Alten sind". Das Lied lehnt sich, leicht rockig, an Mark Knopflers "So Far Away" an und hat das Zeug, dem Lied von der grenzenlosen Freiheit über den Wolken den Rang als Evergreen abzulaufen.

Ode an seinen kranken Sohn

Auch wenn sich Mey ganz persönlich offenlegt, reflektiert er Sorgen Anderer. "Drachenblut", eine Ode an seinen kranken Sohn: "Hast du dein Licht an beiden Seiten angezündet / Nun ringt es flackernd um seinen Schein / Mein fernes geliebtes Kind, schlaf ein." Wie viel Kummer und Befreiung schwingt mit, wenn es in "Spring auf den blanken Stein" heißt: "Eene meene muh und Mausespeck und du bist weg / Und dieser Schatten auf dem Röntgenbild ist nur ein Kaffeefleck!"

Reinhard Mey gelingt es, eigene Erinnerungen, Ängste und Hoffnungen zu Erinnerungen, Ängsten und Hoffnungen seiner Mit-Menschen werden zu lassen. Mairegen fallen lassen können außer ihm nur ganz, ganz Wenige.

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Quelle: ntv.de