Auf dem Pony zwischen PanzernRadfahrer müssen Anarchisten sein

Radfahren kann zu einer Passion werden, einem Lebensgefühl. In der Großstadt hat die Fortbewegung auf zwei Rädern aber nicht nur beglückende Seiten. Autos, Busse und Lastwagen werden hier zur Gefahr. Da hat der Radfahrer nur eine Möglichkeit, will er nicht täglich auf einer Kühlerhaube landen.
Autofahren ist für sie eine Tortur. Einen Führerschein besitzt sie daher erst gar nicht. Dafür aber ihr mittlerweile zwölftes Fahrrad. Bettina Hartz nutzt ihren geliebten Drahtesel täglich, um den Weg zur Arbeit, zu Freunden, zum Einkaufen oder zum Theater zurückzulegen. Nur wenn bei Sturm Äste von den Bäumen brechen, sich im Winter Berge von Schnee auf den Straßen türmen oder das Fahrradschloss vereist ist, steigt sie widerwillig auf öffentliche Verkehrsmittel um.
Sich auf dem Rad durch den Dschungel des Großstadtverkehrs zu kämpfen oder einfach durch die stille Natur zu rollen, ist für Hartz nicht nur eine besonders anmutige und angenehme Art der Fortbewegung, sondern bedeutet für sie Freiheit und Glück und ist zu einer Lebensform geworden. Von deren "Schönheit, Wildheit und Poesie, aber auch von den mit ihr verbundenen Gefahren" möchte sie in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Auf dem Rad. Eine Frage der Haltung" erzählen.
Dabei verliert Hartz auch die (Kultur-)Geschichte des zweirädrigen Vehikels nicht aus den Augen. So blickt die Autorin und Kulturjournalistin auf die Anfänge des Rades zurück, erklärt, warum Fahrräder im Englischen zuerst "boneshaker" genannt wurden und berichtet von den ersten Fahrversuchen auf dem Hochrad - prominente Stürze inklusive. Hartz unternimmt außerdem eine kleine Rundfahrt durch die Welt der Kunst und sucht in Literatur, Film und Malerei nach eifrigen Cyclisten.
Kein Gefährt, sondern Gefährte
Ansonsten beruhen die neun Essays vor allem auf persönlichen Erfahrungen und diskutieren fast jede Frage: Braucht man einen kompletten Regendress und eine Reflektorweste? Kann man sich in Abendgarderobe aufs Rad schwingen? Und welches ist eigentlich das richtige: ein schnittiges Rennrad oder ein citytaugliches Gemütlichvelo? Warum starten Radfahrer an Ampeln seltsame Manöver, um nur ja nicht den Fuß vom Pedal nehmen zu müssen?
Immer wieder schwelgt Hartz bei ihren Ausführungen in Erinnerungen an die Kindheit, als sie sich mit dem Rad ganze Tage lang zu Abenteuerausflügen in die Natur aufmachte. Seit dieser Zeit habe sie die Passion für die Fortbewegung auf zwei Rädern nicht mehr losgelassen. Seit eben dieser Zeit sei das Fahrrad auch nicht mehr nur ein x-beliebiges Gefährt, sondern vielmehr ein Gefährte. Mit dem gemeinsam rollt sie jetzt als Erwachsene begeistert über die Straßen Berlins - trotz zweier schwerer Unfälle.
Jeder, der mit dem Rad in der Großstadt unterwegs ist, weiß: Autos sind gefährlich. Viele Autofahrer halten beim Überholen keinen Sicherheitsabstand zu den Bikern ein, nehmen die Vorfahrt oder biegen, ohne zu schauen, einfach rechts ab. Da kann man sich als Radfahrer schon mal wie ein "Pony zwischen Panzern" fühlen, findet Hartz. Aber auch Fußgänger sind nicht zu unterschätzen, besonders Touristen, die ein Gebäude mit der angepriesenen Sehenswürdigkeit in ihrem Reiseführer abgleichen und dann blind drauf losstürmen - direkt vor ein lautlos dahingleitendes Fahrrad.
Will der Radfahrer also keinen Passanten auf die Gabel nehmen oder sich unter dem nächsten Auto wiederfinden, hat er gar keine andere Wahl, als sich zum Anarchisten der Straße zu entwickeln, ist sich Hartz sicher. Denn ihm ist klar: Gegenüber der Karosserie von Pkw, Lkw und Motorrad zieht er im Zweifelsfall immer den Kürzeren, würde er auf sein Recht pochen. Für den Radfahrer heiße es also aus Selbstschutz, "die möglichen Fehler der anderen immer mitzudenken, was umgekehrt bedeutet, das Recht für sich in Anspruch zu nehmen, die Regeln und Vorschriften großzügig auszulegen und die sich bietenden Gelegenheiten zum Ausweichen und Durchschlüpfen zu nutzen." Dass dieses Rebellentum allerdings nie zu einer Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer führen darf, ist dabei eine Selbstverständlichkeit.
Von fremden Duschen und nächtlichen Begegnungen
Das Radeln in der Großstadt hat aber nicht nur seine Tücken, sondern hält auch kleine Freuden bereit. Die größte davon: Radfahrer kommen in der Regel als Erste am vereinbarten Treffpunkt an, während die Auto und U-Bahn fahrenden Verabredungen noch einen Parkplatz suchen oder auf einen verspäteten Zug warten müssen. Allerdings sind Radler dafür auch jeder Witterung ausgesetzt, sie können in einen ordentlichen Wolkenbruch hineingeraten oder im Sommer schweißtriefend ihr Ziel erreichen. Dass es sich dann allerdings um Glücksmomente handeln soll, wenn man bei einer Geburtstagsfeier den Gastgeber ersteinmal um eine Dusche und trockene Bekleidung bitten muss, erschließt sich vielleicht nicht jedem Leser sofort.
Auch mit ihrem Stil wird Hartz nicht alle überzeugen können. Es mutet schon etwas pathetisch an, wenn sie von einer nächtlichen Begegnung im Park berichtet: "Einmal ein Fuchs am Wegessaum, ganz ruhig, im schon räudig-dünnen Winterfell, wir grüßten uns mit den Augen". Auch klingt es manchem Ohr seltsam, wenn die Fortbewegung unter freiem Himmel zur Fahrt in einem "luftigen Zelt" wird oder der Ausflug zur "hummelnden Unstetigkeit des Nektarsammelns". Auf diese Ausdrucksweise der auch als Lyrikerin tätigen Autorin muss man bereit sein, sich einzulassen. Ansonsten wird die poetische Liebeserklärung an das Rad schnell zu einer Herausforderung und die gut 200 Seiten anstrengender als ein ausdauernder Sprint mit dem Rennrad.