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Vorgefühl der nahen Nacht Stefan Zweig beschließt zu sterben

"Die Welt, die wir geliebt haben, ist unwiederbringlich dahin." 1942 ist der Schriftststeller Stefan Zweig ohne jede Hoffnung, ein Fremder in der Welt, den heimatlichen Wurzeln entrissen und des Umherziehens müde. Die letzten Monate bis zum gemeinsamen Selbstmord mit seiner Frau Lotte beschreibt Laurent Seksik in einem beinahe dokumentarisch anmutenden Roman.

Auf den ersten Blick gilt Stefan Zweig vielen seiner verfolgten Schriftstellerkollegen als Gewinner. Ihm gelingt rechtzeitig die Emigration nach London, er wird britischer Staatsbürger, kann weiter schreiben und  hat nicht die Existenzsorgen, die viele von ihnen plagen.

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Das Buch ist bei Blessing erschienen und kostet 18,95 Euro

Und doch entscheidet sich Zweig, der inzwischen im brasilianischen Petrópolis lebt, im Februar 1942 für den Freitod. Der französische Autor Laurent Seksik hat die letzten Monate im Leben Zweigs zu einem Roman verarbeitet. 

Im September 1940 ist Zweig mit seiner zweiten Frau, Lotte Altmann, nach Brasilien gekommen. Nach der Zeit in New York will das Paar endlich zur Ruhe und Zweig wieder zum Schreiben kommen. Petropolis soll der Ort des völligen Neuanfangs für den fast 60-Jährigen und seine 30 Jahre jüngere Frau werden. Hier packt er endlich den Koffer mit den wenigen Büchern aus, die er aus seiner Bibliothek in dem Haus auf dem Kapuzinerberg hatte retten können. Am Ende füllen sie nur notdürftig zwei Fächer des Regals.

Der Sieg der Barbaren scheint sicher

Doch das Gefühl eines neuen Lebens hält nicht lange an. Zweig ist zwar dem Strom der Bittsteller entkommen, die sich von ihm Geld und Unterstützung erhofften, doch die Dämonen verstorbener Freunde begleiten ihn bis nach Südamerika. Nacht für Nacht hat "er ein Stelldichein mit den Toten, die ihm teuer waren". Die Besuche seiner Mutter, von Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud führen ihn zurück in die Vergangenheit, als er noch nicht "unerwünscht" und ein Feind gewesen war. Er kann immer weniger schreiben, fühlt sich verloren und abgeschnitten von allen kulturellen Wurzeln.

Lotte Altmann kämpft ihre eigenen Kämpfe. Sie hat schweres Asthma, das sich zunächst in Brasilien bessert. Sie kann aufatmen, aber nicht für lange. Immer wieder wird sie von Eifersucht gequält, vermutet, dass Zweig noch immer seiner ersten Frau Friderike anhängt. Sie wünscht sich ein Kind, aber Zweig lehnt ab. Sie will ihrem Mann nahe sein, hoffen und leben, doch der versinkt immer weiter in völliger Hoffnungslosigkeit.

Seksik folgt dem Paar geradezu dokumentarisch in den Abgrund. Er findet verstörende Worte für die wachsende Verzweiflung von Lotte und Stefan Zweig und beschreibt geradezu schmerzvoll die Stimmungslage in der Mitte des Zweiten Weltkrieges. Hitler scheint kaum zu schlagen, das Morden nicht zu stoppen. Die vergangenen Zeiten sind von der entfesselten Barbarei hinweggefegt, der Tod lockt mit seiner Erleichterung. Das ist manchmal etwas platt und gelegentlich sogar schwülstig, liest sich aber dennoch spannend und weckt neue Lust, Zweig wieder einmal zu lesen.

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Quelle: ntv.de

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