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Das Leben von Fidel Castro Vaterland oder Tod – oder Diktatur

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Alter Mann im Jogginganzug: Im Epilog lässt Kleist den Ex-Präsidenten über sein Leben philosophieren.

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg 2010)

Revolutionär und Präsident, Befreier und Diktator: Fidel Castro ist ein lebender Mythos. Und ein Widerspruch. Reinhard Kleist zeigt den Máximo Líder als Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, den die Macht zum Getriebenen macht.

Viel wurde bereits über Fidel Castro gesagt und geschrieben. Kaum einen lebenden Politiker umrangt solch ein Mythos wie den kubanischen Revolutionsführer und langjährigen Staatschef. Mit einer kleinen Schar eroberte er Kuba, baute im Hinterhof der USA den Sozialismus auf, trotzte dem noch heute anhaltenden Boykott und überlebte nicht zuletzt unzählige Attentate. Nun hat sich Comic-Autor Reinhard Kleist daran gemacht, Castros Leben in einem Comic zu verarbeiten – mit überzeugendem Ergebnis.

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Vaterland oder Tod: Castros endlose Reden sind bei Freund und Feind gefürchtet.

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg 2010)

Nach dem preisgekrönten und international beachteten "Cash. I see a darkness" ist es bereits die zweite große gezeichnete Graphic Novel, die Kleist vorlegt. Gut vorbereitet hat er sich jedenfalls: Im Anhang listet er unzählige Bücher und Filme auf, die als Quellen dienten. Zudem arbeitete er mit dem Castro-Biographen Volker Skierka zusammen, um das Leben des Máximo Líder authentisch zu gestalten.

Charmant und cholerisch

Die fiktive Figur Karl Mertens bildet den roten Faden. Kleist macht ihn in einer Rahmenhandlung zum Erzähler, der Castros Leben und die jüngere Geschichte Kubas Revue passieren lässt. 1958 kommt der Deutsche als Journalist nach Kuba, um den Guerillero Castro in seinem Dschungelversteck zu interviewen. Angezogen vom Idealismus Castros und seiner Mitstreiter, aber auch von der Revolutionärin Lara, bleibt er im Lager und erfährt so immer mehr über den Máximo Líder.

Die chronologisch erzählte Haupthandlung birgt dabei keine größeren Überraschungen, die wichtigsten Stationen in Castros Leben werden abgehandelt: Seine Kindheit als Sohn eines Großgrundbesitzers, die jesuitischen Schulen, sein Jurastudium in Havanna, erste politische Erfahrungen und der gescheiterte Angriff auf die Moncada-Kaserne 1953. Nach der Haftentlassung folgen die Monate im mexikanischen Exil, der Guerillakampf gegen das Regime Batistas, der Sieg der Revolution und schließlich der Aufbau des neuen Staates: von den Reformen und den brutalen Säuberungsaktionen über die Invasion in der Schweinebucht und die Kubakrise bis hin zum wirtschaftlichen Niedergang in den 90er Jahren.

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Porträt des Revolutionärs als junger Mann: Castro wächst als Sohn eines Großgrundbesitzers auf.

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg 2010)

Wo die Handlung wenig Neues aber einige interessante Details bietet, wird die psychologische Entwicklung Castros zur eigentlichen Stärke des Buches. Kleist versucht zu erklären, wie aus dem bürgerlich und jesuitisch erzogenen Castro ein Verfechter des sowjetischen Kommunismus wurde. Geht es Castro anfangs noch um eine gerechte Gesellschaft und den Sturz des Regimes von Batista, treiben ihn äußere Zwänge, aber auch innere Machtkämpfe in die Arme der Sowjetunion.

Nach und nach werden politische Rivalen, Andersdenkende und selbst alte Weggefährten verfolgt und ausgeschaltet. Diese Wandlung Castros, der den USA zunächst durchaus offen gegenübersteht, dann jedoch zunehmend in Abhängigkeit zur UdSSR gerät, kann Kleist in wenigen symbolischen Bildern darstellen – hier spielt er die Stärken des Genres gekonnt aus.

"Manchmal glaubt man Florida sehen zu können"

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Reinhard Kleist

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg 2010)

Der zunehmende diktatorische Charakter Kubas wird auch in der fiktiven Rahmenhandlung thematisiert. Ausgerechnet Martens, der in Kuba bleibt, ist der Idealist, der weiterhin an die Revolution und an Castro glaubt, während seine kubanische Frau Lara mit den zunehmenden Repressionen ihren Glauben an den neuen Staat verliert. Martens wird zur tragischen Gestalt in "Castro", denn er war nach Kuba gekommen, um für ein deutsches Magazin von einem Volk zu berichten, das den Mut hat, sich gegen eine Diktatur zu erheben. Er verliert Frau und Freunde und spaziert am Ende auf Havannas Strandpromenade entlang. "Manchmal glaubt man", sagt er mit Blick aufs Meer, "Florida sehen zu können".

So subtil und kritisch wie in dieser fiktiven Rahmenhandlung ist die Darstellung der Realität leider zu selten - Kleist fühlte sich wohl einer unbedingten Authentizität verpflichtet. In seinem hervorragenden Skizzenbuch , das Kleist kurz nach seiner Kubareise veröffentlichte, ertappt sich der Zeichner immer wieder beim Zwiegespräch mit Castro über Vor- und Nachteile der Revolution. Diese direkte Konfrontation hätte man sich auch für "Castro" öfter gewünscht.

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Der Band ist als Hardcover im Carlsen Verlag erschienen, hat 288 Seiten und kostet 19,90 Euro (D).

Kleists Zeichnungen sind dabei gewohnt exzellent, der Strich ist expressiv und stark. Dabei lässt er vor allem in Castros Mimik Nuancen zu, die seinen Charme, seinen cholerischen Charakter, aber auch seine revolutionären Posen gekonnt zum Ausdruck bringen.

Doch auch wenn Kleist dem Leben Castros keine wirklich neue Perspektive abgewinnen kann, so schafft er es doch, sowohl auf eine Mystifizierung als auch auf eine Dämonisierung zu verzichten. Castro, der gegen alle Ungerechtigkeit ankämpfen will, wird zum Getriebenen, der aus Zwängen heraus Allianzen eingehen muss. Das dem Buch vorangestellte Zitat von Octavio Paz – "Indem der Revolutionär die Macht übernimmt, übernimmt er die Ungerechtigkeit der Macht." – bringt das auf den Punkt.

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Quelle: ntv.de

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