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Die gefälschte Kennkarte, mit der Marie Simon als Johanna Koch unterwegs war.
Die gefälschte Kennkarte, mit der Marie Simon als Johanna Koch unterwegs war.(Foto: Hermann Simon)
Sonntag, 09. März 2014

Als U-Boot in Berlin: Wie Marie Simon den Nazis entkam

Von Solveig Bach

Marie Simon ist Jüdin, das kommt im Berlin des Jahres 1942 einem Todesurteil gleich. Doch während die Todeszüge in die Konzentrationslager fahren, beschließt Simon, sich zu retten. Es ist ein tollkühner Plan.

Als Marie Simon in den 1990er Jahren, schon schwer krank, ihrem Sohn ihre Erinnerungen erzählt, hatte sie einen fertigen Text im Kopf. Fast druckreif formulierte Sätze spricht sie ihm aufs Tonband. Ihr Sohn Hermann erzählt darüber in einem Interview, sie habe alles "mit ganz klaren Bezügen und zeitlichen Einordnungen aus sich herausgestülpt. Sie hat es ausgeschüttet wie einen Eimer Wasser und ist unmittelbar danach gestorben." Dabei ist ihre Stimme fest, wie man in der Hörprobe des Fischer-Verlags feststellen kann, und man bekommt eine Ahnung, wie ihr, mehr als 50 Jahre zuvor, das Überleben als Jüdin in Berlin gelingen konnte. Marie Simon war ein sogenanntes U-Boot, eine Untergetauchte.

Marie Jalowicz um 1944.
Marie Jalowicz um 1944.(Foto: Hermann Simon)

Aus den beinahe 80 Kassetten hat Hermann Simon gemeinsam mit der Autorin Irene Stratenwerth nun ein Buch gemacht. In "Untergetaucht – Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 -1945" erzählt Marie Simon, was es bedeutete, sich Tag für Tag im nationalsozialistischen Berlin durchzuschlagen. Für den Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin war es eine Herausforderung, die über 900 Seiten Transkript in einen in sich geschlossenen Text zu verwandeln. Wie wichtig ihm das war, lässt sich an seinem Nachwort ablesen, in dem er zufrieden feststellt. "Die Stimme meiner Mutter höre ich aus jeder Zeile des vorliegenden Textes."

Marie Simons Eltern, Betti und Hermann Jalowicz, waren 1938 und 1941 gestorben, noch gemeinsam mit dem Vater hatte sie den Verlust der elterlichen Wohnung und einige gescheiterte Ausreiseversuche zu verkraften gehabt. Nach seinem Tod steht sie, noch nicht 20-jährig, vollkommen allein da. Zu diesem Zeitpunkt muss sie bereits als Zwangsarbeiterin bei Siemens an der Drehbank arbeiten. Die harte körperliche Arbeit, vor allem aber der "Stumpfsinn und die ewige Wiederholung derselben Handgriffe, verbunden mit dem Gefühl, der deutschen Rüstungsindustrie zu dienen", machen der jungen Frau zu schaffen. Hinzu kommt die wachsende Gewissheit, dass die Ausbeutung der Juden als billige Arbeitskräfte niemandem am Ende vor dem sicheren Tod bewahren wird.

Menschen ohne Zukunft

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Warmherzig erzählt Simon von der scheuen und etwas einfältigen Ruth Hirsch und der ergreifend schönen und klugen Nora Schmilewicz, ihren Kolonnen-Kolleginnen. Hirsch sei in ihrer "rührenden Anmut" für viele Jahre zu ihrer persönlichen Holocaust-Toten geworden. "Niemand kann sich unter einer Zahl von Millionen Toten etwas vorstellen. Man klammert sich an ein einziges Gesicht. Für mich war es das Gesicht von Ruth Hirsch."

Für Simon steht fest, dass sie sich retten will. Sie sieht längst, worauf "das alles hinausläuft". Die junge Frau lässt sich bei Siemens kündigen und auch bei der nächsten Zwangsarbeitsstelle. Als sie vom Arbeitsamt erneut vermittelt werden soll, behauptet sie gegenüber dem Briefträger, sie sei bereits deportiert worden. Damit wird sie aus den Karteikarten des Amtes gelöscht.

Es ist diese Mischung aus Frechheit und Geistesgegenwart, mit der es Simon gelingt, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. So entkommt sie auch den Gestapo-Beamten, die sie morgens um 6 Uhr zu einem "Verhör" abholen wollen. Ihr Entschluss, nicht mitzugehen, steht an diesem 22. Juni 1942 felsenfest. Zu oft hat sie bereits in den Wohnungen befreundeter oder verwandter jüdischer Familien gestanden, die sich auf die Deportation vorbereiteten. Zu dieser zum Tode bestimmten Gemeinschaft wollte Simon einfach nicht gehören. Also macht sie an jenem Schicksalsmorgen "auf bekloppt", spricht ordinäres Berlinerisch und läuft den Nazis im Unterrock davon. 

Pragmatismus als Überlebenskonzept

Das Buch ist bei S. Fischer erschienen und kostet 22,99 Euro.
Das Buch ist bei S. Fischer erschienen und kostet 22,99 Euro.

Die folgenden Monate und Jahre sind ein ständiger Drahtseilakt für die einzige Tochter aus gutem Hause. Sie färbt sich die Haare, besorgt sich eine andere Identität und entsprechende Papiere. Sie verbringt Tage in fremden Wohnungen, in denen sie sich weder bewegen noch zur Toilette gehen darf. Sie nutzt geheime Schlafplätze, an denen sie niemand zu sehen bekommt, schläft in schmutzigen Betten oder auf Stühlen. Marie Simon hungert und lebt in ständiger Angst. Nicht alle, die sie aufnehmen, tun das aus edlen Motiven. Viele, die Simon beherbergen oder mit Lebensmitteln versorgen, versprechen sich davon die Lösung eigener Probleme, Hilfe im Haushalt oder auch die Befriedigung sexueller Bedürfnisse. Marie Simon entwickelt dazu eine pragmatische Einstellung, sie lässt sich auf vieles ein, aber nicht auf alles.

Sie braucht Menschen, die ihr helfen, falsche Papiere, Verstecke. Es geht ums Überleben, Simon versucht, eine Scheinehe mit einem Chinesen einzugehen. Sie reist nach Bulgarien, um von dort noch Palästina zu entkommen. Sie kommt bei einer Artistenfamilie unter. Oft sind blitzschnelle Entscheidungen nötig, um von einem Versteck in irgendeinen neuen Unterschlupf zu gelangen, wenn Anzeichen für eine Enttarnung aufkommen. Marie Simon erwandert sich in dieser Zeit in kilometerlangen Fußmärschen ihre Heimatstadt Berlin, die Bahn durfte sie nicht mehr benutzen.

Doch die Rettung liegt am Ende in den ärmlichsten Unterkünften in Berlin-Kreuzberg, wo sie mit einem holländischen Fremdarbeiter zusammenlebt. Wie schwer ihr der Alltag in diesem so fremden Milieu gefallen ist, lässt sich an vielen Formulierungen ablesen. Ihr Sohn beschreibt es später als "sprachliche Vergewaltigung", die sie nach dem Krieg erst einmal verarbeiten musste.  

Nur etwa 1500 versteckte Juden in Berlin, so die Schätzungen, haben bis zur Befreiung im Mai 1945 durchgehalten. Marie Simon hatte darüber einmal in einem Vortrag gesprochen. Ihr Sohn zitiert daraus in seinem Nachwort: "Das Überleben jedes einzelnen Untergetauchten beruht auf einer Kette von Zufällen, die nicht selten kaum glaublich und wunderbar zu nennen sind." Für das Leben von Marie Simon, geborene Jalowicz, hat ihr Sohn all diese Zufälle, Menschen und Orte zusammengetragen und auch die Schicksale der genannten Personen recherchiert. Es ist eine bewegende Sammlung von Namen und Lebensdaten,  in denen sich die Gratwanderung jener Tage geradezu brutal ausdrückt.

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Quelle: n-tv.de