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Von Big Data zu Big Brother Willkommen in Paranoia?

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Irgendwer schaut immer zu.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nachdem Marc Elsberg in seinem Thriller "Blackout" ganz Europa den Strom abgedreht hat, schaut er in "Zero" jetzt durch Datenbrillen und Überwachungskameras auf den gläsernen Menschen und fragt: Wer genau ist eigentlich Herr über Big Data? Die Antwort ist beklemmend.

"Zero mag sich teilweise wie eine Utopie lesen, doch alle hier beschriebenen Technologien werden bereits eingesetzt." Diesen Satz schickt Marc Elsberg seinem neuen Thriller in einem Vorwort voraus. Das kann ja beängstigend werden, denkt manch Leser - und irrt gewaltig. Denn es wird mehr als beängstigend. Wer bereits den Krimi "Blackout" gelesen hat, in dem der Autor die katastrophalen Folgen eines europaweiten Stromausfalls beleuchtet, der weiß: Elsberg legt mit großer Treffsicherheit den Finger in eine der vielen Wunden der hochtechnisierten Menschheit. So auch dieses Mal.

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Marc Elsberg.

(Foto: Clemens Lechner)

I n "Zero. Sie wissen, was du tust" zeigt Elsberg, welche fatalen Folgen es haben kann, wenn im digitalen Zeitalter der Begriff Privatsphäre zu einem Fremdwort wird und die Menschen die Kontrolle über ihre Daten verlieren. Denn was geschieht mit all den Angaben, die moderne technische Geräte von den Nutzern sammeln oder die unbedarft preisgegeben werden? Und wer genau ist eigentlich Herr über Big Data?

"Datenkraken zerschlagen"

Mit dieser Frage sieht sich auch Elsbergs Hauptfigur Cynthia Bonsant jäh konfrontiert. Als ein Schulfreund ihrer Tochter gewaltsam zu Tode kommt, stößt die Journalistin schnell auf das Internetportal Freemee, das Millionen Menschen ein besseres Leben verspricht und individuelle Ratgeber-Apps anbietet, die Schüler bei den Hausaufgaben unterstützen, das perfekte Hobby vorschlagen, die optimale Ernährung überwachen oder helfen, beim Flirten die richtigen Worte zu finden. Im Gegenzug erhält Freemee von den Nutzern alle nur denkbaren Angaben und messbaren Werte - und versilbert ihnen ihre Offenherzigkeit nicht zu knapp.

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Der Roman ist bei Blanvalet erschienen und kostet 19,99 Euro.

Nur einer warnt vor der Datensammelwut der Plattform und vor der Macht, die ihr das detaillierte Wissen über die Nutzer verleiht: Zero, der meistgesuchte Online-Aktivist der Welt, der das Sicherheitspersonal des US-Präsidenten alt aussehen lässt und jedes seiner Aufklärvideos mit der Botschaft "Ich bin der Meinung, dass Datenkraken zerschlagen werden müssen" beendet.

Über Datenschutz und das wirkliche Ausmaß der Überwachung hat Cynthia sich bis zu diesem Zeitpunkt wenige Gedanken gemacht. Ein Fehler, wie sie bald feststellt. Denn im Laufe ihrer Recherchearbeit fühlt sie sich in eine Realität hineinkatapultiert, die für sie bislang nur in Science-Fiction-Filmen existierte. Da ist zum Beispiel diese Datenbrille, die ihr per Gesichtserkennung neben Namen, Alter und Beruf mehr Details über wildfremde Menschen verrät, als sie erfahren möchte. Und was, wenn der Mann, der ihr in der U-Bahn gegenübersitzt, ebenfalls eine Datenbrille auf der Nase hat? Welche Informationen hat er jetzt über sie? Überträgt er möglicherweise gerade Live-Bilder von ihr ins Internet? Paranoia lässt grüßen - oder auch nicht. Denn als Cynthia dem Geheimnis von Freemee auf die Spur kommt, wird sie selbst zur Gejagten und scheint in einer Welt voller Kameras, intelligenter Brillen und Smartphones keine Chance zu haben.

Wer nutzt hier eigentlich wen?

Elsberg hat einen fesselnden und rasanten Thriller geschrieben, der den Leser mit einer gewissen Beklemmung zurücklässt. Der 47-jährige Österreicher verteufelt Datensammler wie Facebook, Google und Co. keineswegs. Aber er macht auf das aufmerksam, was eigentlich jedem bewusst sein sollte, was aber viele gerne verdrängen: Es bestehen große Risiken, wenn von einem fremden Hirn erdachte Algorithmen das Leben von Millionen Menschen nicht nur bestimmen, sondern sogar voraussagen können. Und letztendlich stellt sich die Frage, wer eigentlich wen nutzt. Der Grat zwischen Big Data und Big Brother ist extrem schmal - das haben nicht zuletzt die Berufsschnüffler der NSA bewiesen.

Wer nach der Lektüre von "Blackout" seinen Vorrat an Kerzen und Batterien kritisch unter die Lupe nahm, der wird sich jetzt möglicherweise dabei erwischen, statt der EC-Karte einfach mal wieder zum Bargeld zu greifen, die Klamotten nicht im Internet zu bestellen, sondern sich vor dem Spiegel in einer grell ausgeleuchteten Umkleidekabine zu drehen und die freundliche Automatenfrauenstimme im Auto einfach mal auf stumm zu schalten.

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Quelle: n-tv.de

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