Kino

Der neue "Pulp Fiction"? Brutal, heftig, Stone: "Savages"

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Spaß sieht anders aus - Szene aus "Savages".

(Foto: Universal Pictures)

"Für mich ist es der heutige 'Pulp Fiction'." Das sagt kein Geringerer als John Travolta über "Savages". Die Voraussetzungen für den Thriller sind gar nicht schlecht: Drogen, Sex und Gewalt - unter der Aufsicht von Skandalregisseur Oliver Stone. Doch reicht das zum Kult?

Es gibt Filme, die schaut man sich gerne an. Da geht man mit einem Lachen rein und kommt auch wieder mit einem heraus. "Madagascar 3" zum Beispiel. Es gibt aber auch Filme, die tun beim Zuschauen weh. Will man aus ihnen dennoch mit einem Lachen wieder herauskommen, braucht man ein dickes Fell, ein paar sadistische Neigungen oder wenigstens eine gewisse Portion Sarkasmus.

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Die pure Drogen-Idylle: Chon (Taylor Kitsch, l.), Ophelia (Blake Lively) und Ben (Aaron Taylor-Johnson).

(Foto: Universal Pictures)

Dass "Savages" eher zur zweiten Kategorie Film gehört, lassen bereits der Titel und der Regisseur des Streifens erahnen. "Savage", das bedeutet zu Deutsch so viel wie "wild", "grausam" oder "primitiv". Und dass Altmeister Oliver Stone bei seiner Bildsprache mit den Jahren gerne zunehmend in die Vollen geht, wissen wir spätestens seit "Natural Born Killers". Als die moderne "Bonny und Clyde"-Variation 1994 erschien, löste sie eine Welle der Empörung aus. Und sie setzte neue Maßstäbe für den Umgang mit Gewaltszenen auf der Leinwand, gemeinsam mit einem anderen Streifen, der nahezu zeitgleich mit Stones Brutalo-Romanze in die Kinos kam: "Pulp Fiction", inszeniert von Quentin Tarantino, der - passenderweise - auch am Drehbuch zu "Natural Born Killers" mitgewirkt hatte.

Insofern lässt es schon aufhorchen, wenn kein Geringerer als John Travolta über "Savages" sagt: "Für mich ist es der heutige 'Pulp Fiction'." Kein Geringerer deshalb, weil er natürlich just seiner Verkörperung des Vincent Vega in Tarantinos Streifen sein Comeback und seinen Imagewandel vom Hüftschwinger-Heini mit Tolle zum tollen Hollywood-Hipster zu verdanken hatte. Und ebenso deshalb, weil Travolta auch in "Savages" eine Rolle bekleidet, wenngleich keine tragende.

In den Klauen des Kartells

Worum geht es? Ex-Navy-SEAL Chon (Taylor Kitsch) und sein eher hippiehafter Kumpel Ben (Aaron Taylor-Johnson) betreiben im idyllischen Laguna Beach in Kalifornien einen schwunghaften Marihuana-Handel. Beide verstehen sich so gut, dass sie sich sogar ganz offen die Freundin teilen - die schöne Ophelia (Blake Lively). Ihr korrupter, von Travolta verkörperter Verbindungsmann Dennis bei der Drogenbehörde hält ihnen den Rücken frei. Alles könnte so - im wahrsten Sinne des Wortes - rauschend schön sein, würde nicht eines Tages die mexikanische Mafia bei Chon und Ben anklopfen.

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Wie Vincent Vega? John Travolta spielt Dennis.

(Foto: Universal Pictures)

Kartell-Chefin Elena (Selma Hayek) und Lado, ihr Mann fürs Grobe (Benicio Del Toro), würden gern in die florierenden Geschäfte der beiden Jungs jenseits der Grenze einsteigen - zu ihren Bedingungen, versteht sich. Als Chon und Ben sich weigern, dies zu akzeptieren, fackelt Elena nicht lange. Mit der Entführung Ophelias trifft sie den wunden Punkt der beiden und erpresst sie. Ein paar Kostproben, zu welchen Grausamkeiten das Kartell fähig ist, haben Chon und Ben bis dahin schon bekommen. Trotzdem holen sie zum Gegenschlag aus, um Ophelia zu befreien und sich ein für alle Mal aus der Knute des übermächtigen Gegners zu befreien …

"Wie in Bagdad"

In "Savages" gibt es rollende Köpfe und Folterszenen inklusive. "Ein Film ist nie realistisch. Er muss größer als das Leben sein", räumt Regisseur Stone im Gespräch mit n-tv.de ein, dass seine Verfilmung der gleichnamigen literarischen Vorlage (im Deutschen: "Zeit des Zorns") von Don Winslow nicht unbedingt eins zu eins die Wirklichkeit abbildet. Zugleich jedoch verteidigt er seine teils drastische Darstellung: "Die ganze Welt ist barbarischer geworden. Und der mexikanische Drogenkrieg ist mörderisch. 50.000 Menschen wurden in ihm getötet, seit Calderón ihn militarisiert hat. Das ist dort wie in Bagdad."

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Bitte tief Luft holen: Ophelia in der Gewalt von Lado (Benicio Del Toro).

(Foto: Universal Pictures)

Seine Aufgabe als Regisseur sei es zwar, "zu unterhalten", doch Stone wäre nicht Stone, würde er nicht auch bei einem fiktiven Thriller wie "Savages" den politischen Bogen schlagen. Viel sei beim Umgang mit der Drogenfrage falsch gemacht worden. "Es ist ist das Gleiche wie beim Krieg gegen den Terror. Und das Gleiche wie beim Krieg im Irak und in Afghanistan", erklärt Stone. Hinter all den gewaltsamen Lösungsversuchen stünden persönliche Interessen. "Wie zur Hölle könnte man die Verteidigungskosten auch nur einfrieren? Alle würden schreien - weil sie alle Geld damit verdienen", so der Regisseur.

Dass er selbst bereits mit allerlei Drogen experimentiert hat und zumindest auch noch immer kifft, daraus hat Stone nie einen Hehl gemacht. Würde er sich denn der Äußerung seiner Protagonisten in "Savages", Drogen zu nehmen sei nur die rationale Antwort auf all den Wahnsinn, anschließen? Die Antwort des Regisseurs darauf ist ebenso eindeutig wie gewohnt politisch: "Absolut. Was ist verrückter? Marihuana zu rauchen oder in den Irak einzumarschieren?"

Allein dieser Impetus führt eine Parallele zu "Pulp Fiction" eigentlich ad absurdum. Von einem ähnlichen Drahtseilakt zwischen Gewalt und Humor ist "Savages" meilenweit entfernt. Ohnehin würde sicher kein Film, der im Jahr 2012 versucht, sich an ähnlichen Mustern wie "Pulp Fiction" oder "Natural Born Killers " abzuarbeiten, mehr zum Kultobjekt taugen. Weder würde er ähnliche Maßstäbe setzen wie Tarantinos wegweisende Meisterprüfung noch würde er eine vergleichbare Empörung hervorrufen wie Stones medienkritisches Lehrstück.

So reagiert Stone auf den von Travolta vorgebrachten Vergleich auch eher mit Unverständnis: "Ich mochte den Film sehr. Aber 'Pulp Fiction' hatte einen anderen Stil." Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass "Savages" ein sehenswerter Thriller ist - für diejenigen, die ihn ertragen.

"Savages" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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