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Florence and the MachineCeremonials: Fest für die Sinne

28.10.2011, 09:37 Uhr
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25 Jahre und schon eine Stil-Ikone - und zwar in zweierlei Hinsicht: Nicht nur, dass uns Frau Welch mit ihrem zweiten Album ein Meisterwerk quasi auf den Gabentisch legt, nein, sie hat geschafft, wovon Millionen Frauen träumen: Chanel und Gucci fragen an, ob sie sie beliefern dürfen. Umsonst. n-tv.de traf eine müde Stil-Ikone, die etwas zu sagen hat.

Wo trifft man eine Frau, die in den letzten zwei Jahren einen Bekanntheitsschub sondergleichen erfahren hat, die eine musikalische Inspiration ist und gefeiert wird wie kaum eine andere, die aber nicht nur in der Musik tonangebend ist, sondern auch in der Mode ihren Platz gefunden hat, wohl am besten in Berlin? Im Soho-House natürlich, DEM Hotel/ Fitness-Studio/ Restaurant-Club in der Hauptstadt. Wir sitzen jedoch nicht in den gemütlichen Sesseln der Bar oder des Dining-Rooms, sondern in einer Suite, in der direkt in der Mitte eine Badewanne steht - und da möchte die Sängerin auch am liebsten hinein. Florence Welch ist noch mitten im Jetlag, doch ihr Terminkalender ist unerbittlich. Ihr zweites Album, "Ceremonials", kommt heraus und die 25-Jährige ist unterwegs, um dies der Welt zu verkünden.

Im Schneidersitz, klein, zart und sehr hellhäutig, empfängt sie mit leiser Stimme (erstaunlich, wie stark sie dann ist, wenn sie singt) und sanftem Händedruck. Auf ihrem wirklich sehr roten, sehr schönen Haar sitzt ein Hippie-Hut vom Feinsten, ihre Garderobe ist in herbstlich-mystischen Braun-Grün-Rot-Gold-Tönen gehalten, sie verbreitet 70er-Jahre-Flair, und fast könnte man denken: "Mensch, ich entdecke nie so tolle Klamotten auf dem Flohmarkt", da dreht sie den Kopf und auf der Hutkrempe prangt ein, wenn auch winziges, Logo, das besagt: Dieser Hut ist teuer. Richtig teuer. "Hi, I'm Florence, nice to meet you", lächelt sie tapfer und ein wenig erschöpft.

Ja, ich freu' mich auch. Wie ist denn das Leben als neue Stil-Ikone so? Ist es nicht furchtbar anstrengend?

Ach, das ist doch alles halb so wild. Ich stehe morgens ja nicht auf und denke als erstes: "Na, was werde ich heute denn anziehen, damit ich dem Bild der Stil-Ikone auch wieder entspreche". Das passiert einfach so. Und zu Hause ziehe ich mich auch ganz normal an. Doch wenn ich fotografiert werde, für Zeitschriften und Promo-Geschichten, dann sucht mir ja ein Stylist etwas aus. Ich bekomme die schönsten Kleider gestellt, das ist natürlich toll und das genieße ich sehr.

Wie ist es denn, wenn man mit den Leuten von Yves Saint Laurent oder Gucci zusammen arbeitet, und wie war es mit Karl Lagerfeld? Hat der einfach angerufen und gesagt: "Bonjour, hier ist Karl. Ich möchte, dass du in meiner Chanel-Show während der Pariser Fashion-Week auftrittst?"

Nicht ganz, aber fast. Wir haben bei einer anderen Gelegenheit zufällig zusammen gesessen, und er hat mitbekommen, dass ich Musik mache. Er meinte nach einer Weile, dass es ihm sehr gefällt, was wir da machen und ob ich für ihn auftreten könnte. Ich sagte natürlich zu, dachte aber insgeheim, dass er das gar nicht ernst meint und sowieso wieder vergessen wird. Am Ende des Abends sagte eine Mitarbeiterin von ihm dann zu mir: "So, Karl wird Sie morgen anrufen, dann können wir die Details besprechen". Erst da habe ich das realisiert.

Und dann hat er seine Show tatsächlich auch um das Thema Unterwasserwelt herum gebaut, das war gar nicht unbedingt sein Plan. Aber da das Stück "What The Water Gave Me" so gut dazu passte, hat er diese überwältigende Kulisse aufbauen lassen, bei der man sich wirklich vorkommt, wie in einem Märchen. (Welch denkt einen Moment nach, überhaupt spricht sie sehr langsam und deutlich und wohlüberlegt.) Karl ist wirklich ein großartiger Künstler: Er weiß genau, was er will, wenn er sich einmal entschieden hat. Es war eine tolle Zusammenarbeit und wirklich unglaublich, mit ihm Hand in Hand durch die Kulisse in Paris zu laufen.

Und ja, richtig, Gucci hat die Kleider für meine Bühnenshows entworfen, das ist richtig. Es ist schon ein Wahnsinn, was mir in letzter Zeit passiert ist.

Inspiriert dich das, so ein Auftritt? Und wo bekommst du sonst noch deine Ideen für neue Songs her?

Ja, das war wirklich sehr inspirierend. Aber meine Ideen sammle ich eigentlich im Alltag. Menschen, die ich treffe, Orte, an denen ich bin, das alles inspiriert mich. Und es läuft auch eher unbewusst ab, ich suche nicht ständig nach Inspiration. In der Kunst finde ich allerdings eine Menge Inspiration, in Bildern. Das verdanke ich meiner Mutter (Anm. d. Red.: eine Professorin für Renaissancekunst), die hat mir die Gemälde immer sehr gut erklärt, als ich noch ein Kind war.

Bist du denn so mystisch, wie du gerne dargestellt wirst?

Ja, ich mag das, diese Idee, dass da noch mehr ist. Oder dass Träume einen beeinflussen, ganz klar. Dabei glaube ich aber, dass ich nach außen gar nicht so mystisch bin, zumindest denke ich das. Ich bin zum Beispiel wahnsinnig ordentlich, das ist doch wenig mystisch, oder? Ich kann Stunden damit verbringen, mein Zimmer umzugestalten. Das muss ich dann alles ganz genau machen, schieben, ordnen, von links nach rechts stellen und wieder zurück.

Gehst du gern bis zum Äußersten?

Wenn damit gemeint ist, dass ich mich auf der Bühne verausgabe, meinetwegen. Früher bin ich öfter mal über meine Grenzen gegangen, als ich noch nicht wusste, wie das alles werden soll. Als wir auf Tour waren mit dem ersten Album, da habe ich schon ziemlich heftig gelebt, aber das ist momentan nicht so.

Man kann sich tatsächlich schwer vorstellen, dass diese Frau, die so ruhig und überlegt antwortet, ausflippen könnte. Aber sie scheint tatsächlich heftigere Phasen gehabt zu haben: In einem Interview erzählte sie, dass sie oft betrunken war, nun aber besser mit ihrer Rolle umgehen könne.

Kannst du denn noch ein normales Leben leben? Es ist ja doch alles ganz schön schnell gegangen in den letzten zwei Jahren. Bist du es manchmal leid, ein Star zu sein, wie du es vor kurzem mal gesagt hast?

Ach naja, es ist schon anstrengend, da war ich wahrscheinlich gerade sehr erschöpft. Aber normalerweise finde ich mein Leben ganz gut so, wie es ist. Und ehrlich, im Süden von London, da wo ich lebe, da interessiert es keinen, ob ich ein sogenannter Star bin, da kommen auch keine Paparazzis vorbei. Ich kann also ganz normal auf die Straße gehen oder ein Bier mit Freunden trinken.

Bist du eine eher melancholische Person?

Oh ja, aber ich finde das nicht negativ. Es bedeutet auch, manchmal ruhiger zu sein, nachdenklicher. Ich mag das.

Du bist ein Tagträumer, hast du mal gesagt. Wovon träumst du da? Und was ist dein größter Traum?

Mein neues Album ist schon wie ein Traum. Es ist genau so geworden, wie ich es wollte. Schwer, dunkel, gewichtig, dramatisch, aber gleichzeitig auch irgendwie pur.

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Über den Dächern von Berlin: Beim 100. Live-Konzert von tape.tv. (Foto: dpa)

Fühlst du dich jetzt erwachsener? Dein neues Album klingt zumindest so, sagen Kritiker. Und was heißt das für dich?

In den letzten Jahren ist so viel passiert, da musste ich zwangsläufig erwachsener werden. Aber ich habe eigentlich keinen so großen Druck verspürt nach meinem ersten Album. Viel eher war es so, dass ich das Gefühl hatte, jetzt machen zu können, was ich wirklich will. Mein neues Album ist wie ein Skizzenbuch für mich, es entwirft ein Bild, und wenn man die Seiten umblättert, dann geht das Bild weiter, es fügt sich zu einem großen Ganzen. Es hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende, so, als wollte ich eine Story mit einer Struktur erzählen. Außerdem wollte ich, dass das Album festlich klingt, irgendwie spirituell. Deswegen auch der Titel "Ceremonials".

Wie war dein Auftritt mit Christina Aguilera, Martina McBride, Jennifer Hudson und Yolanda Adams bei der letzten Grammy-Show, da habt ihr ein Tribute für Aretha Franklin gesungen.

Oh mein Gott, da war ich so aufgeregt! Hat man das gemerkt?

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Aretha Franklin-Tribute bei den 53. Grammys. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Um ehrlich zu sein: Ja. Und es ist auch verständlich.

Ja, ich war wahnsinnig aufgeregt, aber Aretha Franklin selbst hat ausgesucht, wer bei dem Auftritt singen soll, und sie hat tatsächlich meinen Namen genannt. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen ist, aber es war fantastisch, mit diesen Frauen zu singen, die alle so wunderbare, riesige Stimmen haben.

Wie erklärst du dir denn jetzt den Boom, den du gerade in der Fashion-Welt auslöst? Es gibt ja quasi kein Magazin, das dich im Augenblick nicht auf dem Titelbild hat.

Ja, das ist wirklich fast unheimlich, aber ich glaube, das ist so eine Art Kettenreaktion. Wirklich komisch für mich an der Tatsache ist eigentlich, dass ich mir grundsätzlich nicht so viele Gedanken mache um mein Auftreten. Das passiert einfach so.

Beneidenswert! Laut "Time"-Magazine gehörst du dieses Jahr zu den einflussreichsten Menschen der Welt, du bist auf Platz 51.

Ja, unheimlich irgendwie. Aber ganz ehrlich: Ich stehe morgens nicht auf und denke: Oh, wow, ich bin eine total einflussreiche Stil-Ikone, was kann ich denn heute wieder Großartiges von mir geben? (lacht)

Und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass sie so einflussreich ist: Natürlich, bescheiden, und dann auch noch eine wahre Künstlerin. Erfolg muss man ihr wohl kaum mehr wünschen - höchstens mal wieder ein paar Stunden Schlaf!

Mit Florence Welch sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de