Unterhaltung
Mathe ist nicht seine Stärke: Christian Ulmen alias "Jonas".
Mathe ist nicht seine Stärke: Christian Ulmen alias "Jonas".(Foto: Delphi Filmverleih)
Montag, 02. Januar 2012

"Ich schäme mich erst hinterher": Christian Ulmen geht zur Penne: "Jonas"

Stell dir vor, es ist Schule - und du musst wieder hin! Getreu diesem Motto hat Christian Ulmen für sechs Wochen wieder die Schulbank gedrückt. An der Paul-Dessau-Gesamtschule im brandenburgischen Zeuthen schlüpfte er in die Rolle  eines 18-Jährigen namens "Jonas", der darum kämpft, dauerhaft an der Bildungsstätte aufgenommen zu werden. Im n-tv.de Interview spricht der Schauspieler, Produzent und ehemalige MTV-Moderator über das Film-Experiment, seine Alpträume und die Liebe zur Musiklehrerin.

n-tv.de: Ich hätte da mal eine Rechenaufgabe für Sie: Der Logarithmus von 16 zur Basis 2. Können Sie das lösen?

Christian Ulmen: Nein. Dafür habe ich, wie man im Film sieht, extra Nachhilfe genommen. Dann habe ich es irgendwie für genau zwölf Stunden verstanden und danach sofort wieder vergessen. Den Logarithmus will ich auch gar nicht können. Den können zu müssen, finde ich würdelos.

Das Ergebnis ist 4. Das weiß ich aber auch nur, weil ich es gegoogelt habe. Sie sind also auch im echten Leben kein Mathe-Crack …

Nein, ganz und gar nicht.

Wenn es nicht Mathe war, was waren dann Ihre Lieblingsfächer in der Schule?

Na ja, Deutsch, Darstellendes Spiel - so was halt. Vor allem aber bin ich gerne zur Schule gegangen, weil wir einen erstaunlich kumpelhaften Klassenverband hatten. Ich habe mich jeden Morgen gefreut, einfach all die Typen wiederzusehen. Der Unterricht war dagegen oft eher eine Qual.

Was waren denn in der Rückschau die Horror-Momente für Sie? Die Abfrage an der Tafel zum Beispiel?

Für den Film verwandelte sich der Schauspieler für sechs Wochen zurück in einen 18-jährigen Schüler.
Für den Film verwandelte sich der Schauspieler für sechs Wochen zurück in einen 18-jährigen Schüler.(Foto: Delphi Filmverleih)

Ja, ich finde es eine Unverschämtheit, in der Schule drangenommen zu werden, wenn man sich nicht gemeldet hat. Das ist eine Unart. Schließlich ist das doch der Deal: Der eine stellt eine Frage und die anderen müssen sich melden - wer sich meldet, weiß die Antwort, und wer sich nicht meldet, weiß sie womöglich nicht. Warum nimmt man dann den dran, der sich nicht meldet? Den pädagogischen Ansatz habe ich nie kapiert. Der Introvertierte wird ja nicht plötzlich zur selbstbewussten Rampensau, indem er mal eben bloßgestellt wird.

Sie erinnern sich summa summarum also nicht so gern an die Schulzeit zurück …

Doch. Es gibt zwar diese Alpträume, die man noch bis ins Erwachsenenalter hat - zum Beispiel, dass man zum Abitur wegen zu vieler Fehlstunden nicht zugelassen wird. Aber ich erinnere mich unter dem Strich dennoch gerne an die Schulzeit, weil ich es mochte, mich in der Schule zu verknallen und Kassetten zu tauschen.

Hat es dann überhaupt Überwindung gekostet, das Projekt "Jonas" in Angriff zu nehmen?

Es war ja meine Idee. Insofern musste ich mich weniger überwinden, sondern bin mit großer Neugier und Lust darangegangen. Ich wollte wissen, wie es ist, noch einmal an den Ort des Schreckens und zur Quelle dieser Alpträume zu gehen. Und tatsächlich war alles wieder da: Beklemmung, Angst, Aufregung, sobald einen der Duft von Bohnerwachs umflorte.

Ach was, gibt es da tatsächlich noch immer dieses Bohnerwachs?

Ja, also, was immer da so riecht. Ich denke mal, dass es Bohnerwachs ist. Auf jeden Fall roch es wie in meiner Schule. Und es hörte sich so an. Es war wie eine Zeitreise. Die Lehrer machen immer noch die gleichen Witze und sehen genauso aus wie damals. Da war alles exakt wie vor zwanzig Jahren.

Seine Mitschüler nahmen "Jonas" so an, wie er nun einmal war.
Seine Mitschüler nahmen "Jonas" so an, wie er nun einmal war.(Foto: Delphi Filmverleih)

Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach war, eine Schule zu finden, die das mitmacht. Wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie da leisten?

In Zeuthen erstaunlich wenig. Sie fanden das Projekt sofort toll und wollten das Spiel auch ganz authentisch mitmachen. Da war also klar: Wenn der Typ zum Beispiel vor der Schule raucht, fliegt er raus - egal, wenn dann die Dreharbeiten platzen. Das war gut. Außerdem hat die Schule auch deshalb so gut gepasst, weil sie, wie ich finde, exemplarisch für eine normale deutsche Durchschnittsschule ist. Das war keine Extremschule mit besonders vielen Problemfällen, aber auch kein Elitegymnasium. Da erkennen sich viele mit ihrer eigenen Schulzeit wieder.

Im Gegensatz zu anderen Formaten, in denen Sie mitgewirkt haben, wie etwa "Mein neuer Freund", wurde "Jonas" nicht mit versteckten Kameras, sondern ganz offen gedreht. Da stellt sich natürlich die Frage: Inwieweit waren die Beteiligten eingeweiht?

Schulleitung, Lehrer und Elternvertreter mussten wir einweihen - allein aus rechtlichen Gründen. Aber letztlich ist das irrelevant für das, was danach passiert ist. Unabhängig davon, ob man nun weiß, dass da einer im Kostüm ist oder nicht, hat man eh keine andere Chance, als mit der Figur umzugehen. Jonas wurde von allen, egal, ob da was vermutet oder gewusst wurde, als Jonas wahrgenommen und auch als solcher behandelt.

Ist das ein bisschen das "Borat"-Prinzip, wo ja auch offen gedreht wurde?

Nein, es ist überhaupt nicht wie "Borat". Und es ist auch wie nichts, was ich vorher gemacht habe.

Warum?

Weil die Figuren, die ich vorher gespielt habe, auf Provokation angelegt waren. Jonas ist zum ersten Mal eine Figur, bei der ich das bewusst nicht wollte, bei der ich also nicht irritiere und peinliche Situationen schaffe, um zu gucken, wie die Leute darauf wohl reagieren. Stattdessen ist es umgekehrt: Ich werde vom Umfeld gelenkt. Ich gehe als ganz normaler Schüler in die Schule und muss an die Tafel gehen oder Hausaufgaben machen, ohne eine komödiantisch überzeichnete Figur zu spielen, die lustig ist oder aneckt.

Sie sagen, es sei unerheblich, ob die Beteiligten wissen, dass sie eine Figur spielen oder nicht. Der Film zeigt ja auch, dass das Ganze so oder so funktioniert. Wie ist das zu erklären?

Im echten Leben sieht Christian Ulmen so aus - nur unwesentlich älter.
Im echten Leben sieht Christian Ulmen so aus - nur unwesentlich älter.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Gehirn arbeitet irgendwie nicht so. Wenn mir jemand gegenübersitzt, kann ich mir nicht in jeder Sekunde sagen, dass der gar nicht echt ist. Das kostet viel zu viel Kraft. Irgendwann und erst recht, wenn das über Wochen geht, hast du keine andere Chance, als damit umzugehen. Ein bisschen ist das vergleichbar mit Disneyland. Dort kann man auch erwachsene Menschen beobachten, die mit Micky Maus per Zeichensprache interagieren, obwohl sie ja wissen, dass das ein Mensch in einem Kostüm ist. Man könnte auch einfach den Menschen in dem Kostüm ansprechen Aber das tut keiner. Man nimmt das, was man da bekommt, an und geht damit um.

Kannten die Schüler denn Christian Ulmen?

Das weiß ich nicht, weil das kein Thema war.

Und wissen die Schüler heute noch, was MTV ist?

Das ist eine gute Frage. Auch das weiß ich nicht, weil ich mit ihnen darüber nicht gesprochen habe. Ich glaube aber nicht, dass MTV noch Teil der Jugendkultur von heute 15- oder 16-Jährigen ist.

Es gab für "Jonas" kein Drehbuch im klassischen Sinne. Dennoch müssen ja bestimmte Dinge vorbereitet werden, etwa durch die Besorgung nötiger Requisiten. Wie viel an dem Film ist geplant und wie viel spontan entstanden?

Im Vorfeld gab es drei Bögen. Der eine Bogen war: Wird Jonas in der Schule aufgenommen oder nicht? Das Ziel war, dass ich aufgenommen werden will. Also tue ich in der Dokumentation alles, um das zu erreichen. Der zweite vorher ausgedachte Bogen war, dass Jonas sich in seine Musiklehrerin verliebt. Also tue ich alles dafür, ihr zu imponieren. Und das dritte Ziel war, eine Band zu gründen und mit ihr am Schluss ein Konzert zu geben. Also tue ich alles dafür, Schüler zu rekrutieren und mit ihnen zusammen Musik zu machen. Dadurch entstand automatisch eine Dramaturgie. Was dann aber genau im Alltag passiert, wussten wir vorher nicht. Da konnte es genauso sein, dass die Musiklehrerin, Frau  Maschke, mir eine runterhaut oder aber mich leidenschaftlich küsst.

Liebe auf den ersten Blick: "Jonas" und die Musiklehrerin, Frau Maschke.
Liebe auf den ersten Blick: "Jonas" und die Musiklehrerin, Frau Maschke.(Foto: Delphi Filmverleih)

Saßen Sie dann am Abend zuvor im Bett und haben überlegt, wie es am nächsten Tag laufen soll, wenn Sie etwa Frau Maschke beim Candlelight-Dinner im Klassenzimmer Ihre Liebe erklären?

Nein, ich hatte abends, wenn ich um acht nach Hause kam, dazu keine Kraft mehr. Das haben der Autor und der Regisseur gemacht. Sie haben sich dann zum Beispiel gemeinsam überlegt, dass morgen der richtige Zeitpunkt wäre, Frau Maschke erfahren zu lassen, dass Jonas sie liebt. Vor jedem Dreh gab es eine Regiebesprechung, bei der das durchgegangen und etwa der Requisite gesagt wurde, dass sie doch mal Champagner und ein paar Erdbeeren besorgen soll. So wurde quasi von Tag zu Tag entschieden, was wir morgen machen. Längerfristig konnte man das eigentlich nicht planen, weil ja jederzeit alles passieren konnte.

Auch wenn der Film nicht auf Provokation angelegt ist, gibt es darin einige Fremdschäm-Momente. Das Liebesgeständnis an Frau Maschke ist so einer, ein anderer ist der, als Jonas dem Rektor für die Aufnahme in der Schule Geld anbietet. Schämen Sie sich in dem Moment selbst eigentlich auch?

Nein, ich bin in dem Moment mit meinen eigenen Gefühlen ja fast nicht da, sondern so in der Figur, dass ich immer nur das fühle, was die Figur fühlt. Schämt sie sich, schäme ich mich auch und umgekehrt. Bei Frau Maschke war es natürlich so, dass Jonas sich auch ein bisschen schämte. Ihr seine Liebe zu gestehen, war für ihn peinlich. Darum spürte auch ich die Blamage dieser Situation.

Das klingt entweder sehr professionell oder sehr skrupellos …

Mit Skrupellosigkeit hat das nichts zu tun. Wenn man die Figur einfach nur folgerichtig spielt, dann ist man sie in diesem Moment auch. Ich selber schäme mich erst hinterher beim Zugucken.

Das Fremdschämen steht jedoch nicht im Mittelpunkt bei "Jonas". Hatten Sie ein anderes Ziel, das Sie mit dem Film zeigen wollten?

Nein, wir wollten gucken, wie Schule ist. Das war auch das große Risiko, weil man eben nicht wusste, was passiert, wenn wir einfach nur hinschauen. Und das war auch die Schwierigkeit für mich. Ich musste mich zurücknehmen, nicht provozieren.

Dennoch kommt nicht wirklich jeder in dem Film gut weg, zum Beispiel der Chemielehrer …

"Jonas" läuft ab 5. Januar 2012 in den Kinos.
"Jonas" läuft ab 5. Januar 2012 in den Kinos.(Foto: Delphi Filmverleih)

Er sagt nun mal diesen Satz zu den Schülern: "Was soll nur aus Deutschland werden?" Aber ich glaube nicht, dass das ihn gänzlich zeichnet. Ich habe ihn vielmehr als einen der leidenschaftlicheren Lehrer erlebt, der einen sehr motivierenden und guten Unterricht gemacht hat. Gleichwohl schwang das bei vielen Lehrern mit: Wenn ihr hier versagt, dann versagt ihr auch später im Leben. Das finde ich schon einen harten Druck.

Haben es die Schüler heute schwerer als Sie zu Ihrer Schulzeit?

Das weiß ich nicht. Ich mag auch so allgemeingültige Aussagen nicht. Ich habe nur diese eine Schule gesehen und war als Schüler auch in nur einer. Alles, was ich sagen kann, ist: Als ich in der Schule war, hatte ich nie Angst vor der Zukunft, weil man mir diese Angst nie eingejagt hat. Natürlich hatte ich immer Angst vor dem Moment - vor der 6, vor der Demütigung oder davor, sitzen zu bleiben. Aber ich hatte nie Sorge, im Leben zu scheitern, nur weil ich in der Schule gescheitert bin. Ich wollte immer zum Film und war überzeugt davon, dass ich das irgendwie hinkriege.

Hat ja geklappt …

Ich habe mir als Schüler immer gedacht: Wenn die Schulzeit vorbei ist, dann geht es erst richtig los. Und so war es ja auch.

Mit Christian Ulmen sprach Volker Probst

Quelle: n-tv.de