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"Ich bin eine brutale Maschine" Das Geheimnis der "Huberbuam"

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"Was ich in der senkrechten Wand erlebe, finde ich auch in der Musik".

(Foto: huberbuam.de)

Was erlebt ein Extremkletterer in den Bergen? Wie fühlt es sich an, wenn die Existenz nur noch an Fingerspitzen hängt? Antworten könnte eine Band namens Plastic Surgery Disaster liefern. Am Mikro: Thomas Huber von den "Huberbuam".

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Thomas Huber (M.) und seine Freunde von "Plastic Surgery Disaster": Der Name der Band erinnert an die Hochzeiten des Punk - und an ein Kletterabenteuer im Yosemite National Park.

Wenn es stimmt, dass die Musik ein Schlüssel zur Seele ist, mit dem sich Gedanken und Gefühle nacherleben lassen, dann stehen Sportwissenschaftler, Trainer und Psychologen womöglich vor einer einmaligen Chance: "Plastic Surgery Disaster", eine bislang nur in Fachkreisen bekannte Live-Band aus dem oberbayerischen Berchtesgaden, veröffentlicht ihr erstes Album. Es heißt "Endless" und umfasst eine bemerkenswerte Sammlung aus neun aufpeitschenden Titeln mit Namen wie "No", "Ghost" oder "Fear". Für Fans ehrlichen, handgemachten Stoner Rocks ist es eine Rückkehr zu alten Wurzeln. Für sportbegeisterte Kletterfreunde dagegen bietet "Endless" in jedem Fall Musik genug für eine hochmotivierte Fahrt zur nächstbesten Wand. Und das ist noch nicht alles.

Denn überregionale Aufmerksamkeit ist "Plastic Surgery Disaster" schon allein durch ihren Frontmann sicher. Das ist Thomas Huber, der ältere Bruder von Alexander Huber, und damit eine Hälfte des urwüchsigen, muskelbepackten oberbayerischen Bergsportphänomens der "Huberbuam". Als Speedkletterer und Allround-Alpinisten sind die beiden Brüder bekannt aus Film, Fels und Fernsehen - in Dokumentationen wie "Am Limit" von Pepe Danquart oder aktuell "Bavarian Direct" spielen sie die Hauptrolle.

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Viel Bewegung an der frischen Luft: Die Brüder Alexander und Thomas Huber (v.l.) in Arbeitskleidung.

(Foto: huberbuam.de)

Dort geht es um "die Passion Berg als Metapher für das Leben", hier geht es um Musik: Thomas Huber singt und es besteht kein Zweifel, "Plastic Surgery Disaster" ist seine Band. Es sind seine Texte, jede einzelne Zeile stammt aus seiner Feder. Eröffnet dieses Debüt etwa Einblicke in das Psychogramm eines Extremsportlers? Musikalisch könnte der Stil aufmerksamen TV-Zuschauern durchaus bekannt vorkommen. Erste Ausschnitte aus "I hate this Song", einem der neun Titel auf "Endless", fanden in einem Werbespot mit den Huber-Brüdern Verwendung - hier wohl als kratzig-erdiger Kontrast zu der beworbenen milchig-süßen Schnitte.

"Endless" bestätigt diesen Eindruck: Hier lebt sich jemand aus, der über schier endlose Kraft verfügt. Thomas Huber singt mit einer Stimme, die es seit jeher gewohnt ist, weit ins Tal zu schallen, vom Gipfel zu jauchzen oder lebenswichtige Seilkommandos in den Abgrund zu brüllen. Er tut das mit einer Wucht, die in widrigen Witterungsverhältnissen, glatten Felswänden und extremen Expeditionsvorhaben gewachsen ist.

Als Zugpferd und Aushängeschild von "Plastic Surgery Disaster" lässt er die Welt nun teilhaben an einer Energie, die ihn schon in die entlegensten Winkel dieser Erde und dort auf die steilsten, schwierigsten und kältesten Berge überhaupt getrieben hat.

"Don't fuck around now"

Alles in allem ist es ein höchst ungewöhnlicher Sprung. Ein weltbekannter Extrembergsteiger, geprägt von Abenteuerlust, Ehrgeiz und Lebenserfahrung, greift - nachdem er in der Welt des Kletterns fast alles erreicht hat - zum Mikrofon, um seine musikalische Seite auf der Bühne auszuleben.

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In die steilsten Berge, in die entlegensten Winkel oder - wie hier im Karakorum - auf den höchsten einzeln stehenden Felsturm der Erde zieht es sie immer wieder: Alexander Huber und sein Bruder Thomas am mehr als 6000 Meter hohen "Nameless Tower".

(Foto: picture alliance / dpa)

Für Thomas selbst ist das nicht weiter ungewöhnlich: Extremklettern und Singen in einer Band haben manches gemeinsam, erklärt er. "Was ich in der senkrechten Wand erlebe, finde ich auch in der Musik". In beiden Disziplinen geht es für ihn um Leidenschaft. "Ich brenne für beides."

Bei seiner Expedition in die Welt der Musik kann er sich auf eine eingespielte Seilschaft aus bewährten Freunden verlassen. Sein Bruder Alexander - manchmal der Besonnenere der Beiden - bleibt dabei außen vor. An den beiden E-Gitarren von "Plastic Surgery Disaster" türmen stattdessen Männer wie Manfred Rödel und Peter Schweiger steilaufragende Riff-Wände mit wild-verzerrten, abgehackten Flanken auf. Am Bass besorgt Andi Brandner eine weit in die Tiefe reichende dynamische Sicherung, während Wolfgang Seiberl am Schlagzeug in ein hartes System aus Kanten und Linien vorsteigt. In ihrer Mitte wirft Thomas alle Zügel ab.

Ein Mann, der keine Zweifel kennt

Zusammen eröffnen sie mit "Endless" eine Art musikalische Mehrseillängentour, die in der rasant wachsenden Szene der jungen Boulderer und Kletterhallenhelden eine ganz eigene Wirkung entfalten könnte. "Für uns ist es wichtig, unser eigenes Ding zu machen", erklärt Huber. Das ist gerade heraus und ehrlich. Ihm geht es um die Musik. Die Band spielt ausschließlich eigene Lieder. Und nur das, was ihnen selbst gefällt. Coverversionen oder sanftere Sachen sucht der Zuhörer vergeblich.

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"Ich liebe Stoner Rock, diesen bluesigen, schweren Wahnsinn!"

Thomas singt komplett auf Englisch, so wie seine großen musikalischen Einflüsse wie etwa Nirvana und vor allem Kyuss. "Ich liebe Stoner Rock, diesen bluesigen, schweren Wahnsinn!", gesteht er. Manchen spät geborenen Kletterfan dürfte er mit dieser Vorliebe neugierig machen auf die mittlerweile weit entfernen Gipfel des Punk und Heavy Rocks. Die liegen in den späten siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und damit mittlerweile teils mehr als 30 Jahre entfernt.

Reicht das für ein Revival? Immerhin ist dank "Endless" möglich, dass schon bald irgendwo in der Provinz das nächste große Klettertalent zu den antreibenden Klängen von "Plastic Surgery Disaster" in die Liga von Wolfgang Güllich, Kurt Albert, Chris Sharma oder Adam Ondra aufsteigt.

"Wir tun es einfach"

Denn den merkwürdigen Namen verdankt die Band tatsächlich der Kletterei. Auch wenn die alten Hasen eher an eine einflussreiche Platte aus den Hochzeiten des US-Punkrocks denken werden, gibt es zwischen diesen beiden Fixpunkten tatsächlich eine direkte Verbindung. "In der Anfangszeit war ich viel auf dem El Capitan unterwegs", erzählt Thomas mit Blick auf die Erlebnisse an den fast 1000 Meter senkrecht aufragenden Granitwänden eines berühmten Felsriesen im kalifornischen Yosemite Valley - jenem Mekka des Kletterns, in dem sich die "Huberbuam" mit ihren Geschwindigkeitsrekorden verewigt haben.

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Gipfelerfolg in der Antarktis: Am Holtanna erleben die Brüder das "Vakuum der Zeit".

(Foto: Max Reichel / Huberbuam.de)

"Die Routen dort haben verrückte Namen wie etwa 'Bad to the Bone' und 'Zenyatta Mondatta', oft beziehen sie sich auf Musik." Eine dieser Routen dort benannte der Erstbegeher nach dem 1982er Album "Plastic Surgery Disaster" der "Dead Kennedys". Für Thomas und seine Bandkollegen sind diese tiefreichenden Wurzeln Programm: "Für uns bedeutet der Bandname, das wir nicht gefallen wollen. Wir tun es einfach. Wir sind das Gegenteil des schönen Scheins der Popwelt."

"Don't be afraid of Life"

Ist das sein Erfolgsgeheimnis? Schöpft er daraus jene brachiale Kraft, die ihn in die Berge drängt und dazu zwingt, sich bei fast jedem Konzert das T-Shirt vom Leib zu reißen? Als Extremkletterer hat Thomas fast alles erreicht, was sich ein erfolgreicher Bergsteiger wünschen kann - inklusive spektakulären Erstbegehungen, Gipfelglück, dem Piolet d'Or, der höchsten Auszeichnung der alpinen Welt, und einer glücklichen, gesunden Rückkehr in den Kreis seiner Lieben. Was also bewegt Thomas dazu, mit zornig-wuchtigen Stücken wie "Prison", "Black Road" oder dem titelgebenden "Endless" auf die ganz große Bühne zu klettern? Und warum singt sein Bruder Alexander nicht mit?

"Ich bin eine brutale Maschine. Wenn ich erst einmal losgehe, dann gehe ich", verriet Thomas schon in Danquarts Dokumentarfilm "Am Limit" eine Grundlinie seines Wesens. In "No", dem dritten Stück des neuen Albums heißt es: "I have the courage to say no". Thomas deutet das positiv: "Das Nein ist der erste Schritt zum wirklichen Ja, deswegen ist es so wichtig." Innere Ehrlichkeit als Motor für ein erfülltes Leben? Oder, wie es in den Vorträgen der Huber-Brüder heißt: "Die Quelle allen Tuns wird gespeist von der grundsätzlichen Freude und Leidenschaft am Schaffen."

"Eine Menge Adrenalin"

Übertragen auf die Musik erklärt Thomas das so: "Sowohl am Berg wie auf der Bühne taucht man ein, man denkt nicht mehr nach und handelt nur noch", sagt er. "Das ist ein Flow-Erlebnis, bei dem eine Menge Adrenalin frei wird." Sein Bruder Alexander, der rationale Diplom-Physiker, sucht die Antworten auf das Leben offenbar auf anderen Gebieten. Für Thomas dagegen speist sich beides - Singen und Klettern - aus derselben Energiequelle: Die Lust am Abenteuer, zusammen mit dem Mut und der Freiheit, diese Lust auszuleben.

Vielleicht aber ist es gar nicht so kompliziert. Vielleicht liegt das ganze Geheimnis der "Huberbuam" schon allein darin, dass sie das, was sie machen wollen, einfach machen. So wie ihnen das passt. Für weniger abenteuerlustige Menschen fernab der Berge eröffnet "Plastic Surgery Disaster" damit immerhin eine einmalige Gelegenheit, sich einen kleinen Teil der Huber-Energie in die eigene Anlage zu legen - und auf der Fahrt zu neuen Zielen richtig aufzudrehen.

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Quelle: ntv.de