Kino

Metallica vs. Lou Reed Die Albtraumhochzeit des Jahres

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Von links nach rechts: Hetfield, Trujillo, Reed, Ulrich, Hammet.

Giganten-Treffen auf dünnem Eis: Die Rocklegenden von Metallica jammen mit der personifizierten Avantgarde Lou Reed. Heraus kommt ein kaum hörbarer Bastard aus orientierungslosem Metal und leiernder Spoken-Word-Performance. Statt über "Lulu" den Mantel des Schweigens zu hüllen, erscheinen die Aufnahmen jetzt als Album.

Es gibt so Konstellationen, die einfach nicht hinhauen. Die in einem kurzen magischen Moment entstehen, aber schnell als kolossaler Irrtum in die Weltgeschichte eingehen. Schwarz-Gelb, Lothar Matthäus und seine Frauen, Wodka und Brausepulver: Die Liste ist lang und prominent besetzt. Die Kollateralschäden der unheiligen Allianzen sind mal mehr (Guido Westerwelle), mal weniger (Übelkeit und Kopfweh) schlimm.

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Hat bestimmt was zu bedeuten: das Cover von "Lulu".

(Foto: Universal Music)

Um es gleich vorwegzuschicken: "Lulu" liegt auf unserer gedachten Achse des Bösen ganz nah am eitlen Pfau aus dem Auswärtigen Amt. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Vor ziemlich genau zwei Jahren spielten Metallica und Lou Reed zu Ehren des 25. Geburtstages der Rock'n'Roll Hall of Fame eine Bluesrock-Version des Velvet-Underground-Klassikers "Sweet Jane". Altherrenrock as Altherrenrock can be.

Plötzlich aber wollten es die alten Herren noch mal wissen. Gemeinsam. Im Mai 2011 versammelte sich das ungleiche Gespann aus den Metal-Heroen und dem ewigen musikalischen Querkopf im Studio. Die Grundlage der Kollaboration bildete das Werk des deutschen Dramatikers Frank Wedekind, der mit "Lulu" eine Figur erschuf, die mit ihrer betonten Sexualität zum Stoff von Büchern, Theaterstücken und Opern wurde. Und hier beginnen die Probleme: Während sich Reed routiniert durch abgründige Verse voller Schmutz, Dreck und Verzweiflung greint (Frustration/In my lexicon of hate/You’re feeling less like a whore but you/Stimulate - "Frustration"), wissen Metallica offensichtlich nichts mit der windschiefen Spoken-Word-Performance Reeds anzufangen. Orientierungslos versucht Lars Ulrich mit Free-Jazz-Einlagen am Schlagzeug Inhalt und Form zusammenzubringen, wo jeder Turbokleber versagen würde.

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"Das Album ist das Beste, was ich jemals verzapft habe" - Lou Reed, begeistert.

(Foto: AP)

Man könnte "Lulu" der Einfachheit halber ins Kuriositätenkabinett verweisen: Wann hört man schon gefeierte Legenden, die so völlig ungerührt aneinander vorbei spielen wie Musikschüler beim ersten großen Elternabend? Die in einem Sumpf aus musikalischer Planlosigkeit und fehlgeleitetem intellektuellen Anspruch gemeinsam baden gehen? Im Opener "Brandenburg Gate" läuft ein 08/15-Blueslick ins Nirgendwo, während Reed offenbar beim Einsingen aus Versehen auf den Aufnahmeknopf gedrückt hat. Das schleppende Riff von "The View" verträgt sich zwar mit dem Prediger-Stil Reeds, lässt aber auch sämtliche Ohrmuskeln einschlafen. Spätestens zu "Mistress Dread" sollten die Lauscher aber wieder sperrangelweit offen stehen: Wie ein besoffener Homer Simpson in der Badewanne lallt und jammert Reed atonal neben das Riff von "Disposable Heroes" vom seligen "Master of Puppets"-Abum.

Spätestens hier dürfte der letzte Metallica-Fan hektisch nach der Stop-Taste fingern und sich für seinen Komplettisten-Wahn verfluchen. Ja, es wird tatsächlich Menschen geben, die sich "Lulu" kaufen. Obwohl sie gewarnt waren: Das Album steht als Komplettstream im Internet. Da hätte es allerdings auch bleiben sollen. Stattdessen bewerben Metallica und Lou Reed - und die Plattenfirma, selbstredend - die CD mit viel Tamtam als Meisterwerk. Und das ist das eigentlich Ärgerliche an "Lulu": Dass dieser Schund tatsächlich auf Vinyl und CD gepresst wurde, um damit Geld zu machen.

Wer die Platte trotzdem kaufen möchte, kann dies im n-tv Shop tun.

Quelle: ntv.de