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"Il bene René": Im wahren Leben ein Rausch aus Gewalt und Kriminalität, auf der Leinwand ein spannender Gangsterfilm.
"Il bene René": Im wahren Leben ein Rausch aus Gewalt und Kriminalität, auf der Leinwand ein spannender Gangsterfilm.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 01. März 2011

Im Kino: "Der Engel des Bösen": Die Faszination des Verbrechens

von Markus Mechnich

Verbrechen haben eine ganz eigene Faszination. Damit wird gerade im Kino gerne gespielt. Regisseur Michele Placido hat die Geschichte des wahrscheinlich berühmtesten Gangsters Italiens, Renato Vallanzasca, ins Kino gebracht. Ein schneller Film für ein ebenso schnelles Leben.

Dass Verbrecher in Italien ein höheres Ansehen genießen als anderswo auf der Welt, gehört zu den Vorurteilen über das Land von Mafia und Camorra. Möglicherweise gibt es aus geschichtlichen Gründen eine etwas diffizilere Einstellung zum Staat, insbesondere in den südlichen Regionen, aber auch dort werden Verbrechen bestraft und Kriminelle sind grundsätzlich geächtet. Doch auch im Stiefel Europas ist man nicht frei von der Faszination, die galante Schwerverbrecher ausüben. Und so hat Regisseur Michele Placido mit der Geschichte eines der bekanntesten Kriminellen Italiens überhaupt einen dankbaren Stoff aufgegriffen. Entstanden ist ein spannender Gangster-Film mit authentischen Charakteren und einem vorhersehbaren Ende, der dennoch nie langweilig wird.

Cool wie die Siebziger: Die Gang des Renato Vallanzasca.
Cool wie die Siebziger: Die Gang des Renato Vallanzasca.

Renato Vallanzasca, gespielt von Kim Rossi Stuart, wurde schon in früher Kindheit zum ersten Mal kriminell. Mag der damals freigelassene Zirkustiger noch ein Kavaliersdelikt gewesen sein, so ist seine darauf folgende Karriere im Abseits der Gesellschaft steil und mit Blut getränkt. Mit 27 Jahren ist der "schöne René", wie er fortan in der Unterwelt genannt wurde, schon der Anführer einer der gewalttätigsten Verbrecherbanden Mailands. Eine steile Karriere, selbst für ein Kind der siebziger Jahre.

Harte Bilder in schneller Folge

Mit seinem Aufstieg in der Unterwelt gerät der Frauenheld Vallanzasca, der bei all seinen Taten immer noch eine Art Ehrenkodex zu befolgen scheint, in einen eskalierenden Strudel aus Gewalt und Tod, der unweigerlich in den Untergang führen muss. Der echte Vallanzasca, mittlerweile 60 Jahre alt, büßt bis heute im Gefängnis und sitzt seine Strafe von vier Mal lebenslänglich plus 260 Jahre Haft ab.

Regisseur Michele Placido erzählt den leicht anrüchigen Stoff chronologisch und mit einer Abfolge von harten Bildern. Wenn Vallanzasca im Gefängnis verprügelt wird, dann ist das nichts für Zartbesaitete. Dennoch verfällt der Regisseur nie der Versuchung, dem Gangster eine übermäßige Verehrung zuteil werden zu lassen. Vielmehr wird die nackte und grausame Realität zur Dokumentation herangezogen. Relativ unberührt bleibt allerdings die Frage, warum ein gewalttätiger Verbrecher wie Renato Vallanzasca zu einem Helden werden konnte. Damit wird der Zuschauer alleingelassen.

Gangster ihrer Zeit

Getragen wird der Film vom guten Casting und der authentischen Ausstattung im Stil der wilden siebziger Jahre. Kim Rossi Stuart spielt seine Rolle als Vallanzasca ebenso gut wie, erstaunlicherweise, Moritz Bleibtreu als schießwütiges Bandenmitglied, das sich hinter schütterem Haar und dicker Sonnenbrille versteckt. Zusammen mit dem Rest der Gang wirkt das manchmal etwas zu cool, aber das Drehbuch löst dieses Problem mit der eindringlichen Darstellung des Niedergangs der einzelnen Bandenmitglieder wieder auf.

Die Kehrseite: Vallanzasca wird Vater, während er im Gefängnis sitzt. Im Bild Consuelo (Valeria Solarino) und Renato Vallanzasca (Kim Rossi Stuart).
Die Kehrseite: Vallanzasca wird Vater, während er im Gefängnis sitzt. Im Bild Consuelo (Valeria Solarino) und Renato Vallanzasca (Kim Rossi Stuart).(Foto: picture alliance / dpa)

"Der Engel des Bösen" ist ein guter Gangsterfilm geworden, der ebenso schonungslos die grausamen Seiten des Verbrechens aufzeigt, wie auch die seelischen Abgründe, in die sich die Gang von Vallanzasca manövriert. Die Faszination des Verbrechens klärt er nicht auf, das will Placido aber auch zu keinem Zeitpunkt. Das ist vielleicht eher eine Frage für Historiker, warum Figuren wie ein Andreas Baader oder eben ein Renato Vallanzasca in dieser Epoche so viele Sympathien zuteil wurden. Jedenfalls fand Gewalt gegen das "System" oder den Staat in dieser Zeit eine bemerkenswerte Akzeptanz, von der auch Gangster profitierten. Man denke auch den französischen Star-Verbrecher Jacques Mesrine oder den Top-Terroristen Carlos. Später waren es Wirtschaftskriminelle oder Hacker, die als "gute Verbrecher" galten. Jede Zeit hat eben ihre Gangster. Ob mit Pistole, Scheckbuch oder Notebook bewaffnet.

Quelle: n-tv.de