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"Komm nach Hause und befriedige mich" Die Liebe der Marke Placebo

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Placebo im Jahr 2013: die Gründungsmitglieder Stefan Olsdal (l.) und Brian Molko (r.) sowie Drummer Steve Forrest.

(Foto: Kevin Westenberg / Universal Music)

Einst eine kleine Indie-Band, sind sie heute eine der größten Rockgruppen des Planeten. Mit dem Album "Loud Like Love" melden sich Placebo lautstark zurück. Und Frontmann Brian Molko packt im n-tv.de Interview aus - über echte und falsche Freunde, Höhen und Tiefen, Liebe und Eifersucht und darüber, was ihm die Nerven raubt.

n-tv.de: Die erste Single aus eurem neuen Album "Loud Like Love" hieß "Too Many Friends". Hast du etwa zu viele Freunde?

Brian Molko: Tatsächlich hat mich genau diese Frage in gewisser Weise zu dem Song inspiriert. Einige persönliche Freunde erzählten mir, dass sie in den sozialen Netzwerken keine Freundschaftsanfragen mehr annehmen würden - eben weil sie zu viele Freunde hätten. Ich fand das eine seltsame Aussage. Wie kann man denn zu viele Freunde haben? Da fing ich an, darüber nachzudenken, wie viele Freunde ich eigentlich habe.

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Offiziell gründeten sich Placebo 1994.

(Foto: Joseph Llanes / Universal Music)

Und wie viele Freunde hast du?

Ich denke, ich kann sie an zwei Händen abzählen. Ich habe viele Bekannte, aber nur einige wenige wahre Freunde fürs Leben. Ich nutze die sozialen Netzwerke allerdings auch nicht. Bei meinem Lebensstil und den ganzen Reisen, die ich deswegen unternehme, ist es für mich ohnehin schon sehr schwierig, mit meinen echten Freunden in der realen Welt in Kontakt zu bleiben. Die Vorstellung, Tausende virtuelle Freunde zu haben, ergibt für mich keinen rechten Sinn. Warum sollte ich Zeit darauf verwenden, mit Menschen in Kontakt zu sein, die ich nie getroffen habe, wenn es mir schon schwerfällt, mit Leuten Kontakt zu halten, die ich liebe und die mir wirklich etwas bedeuten?

Du bist im vergangenen Dezember 40 geworden. Wie viele Freunde haben dir denn dazu gratuliert?

Oh, Hunderte. Aber das waren Fans.

Du spielst auf die virale Kampagne der Placebo-Fans unter dem Motto "Molko Y'know #Molkofouroh" an ...

Ja, sie haben ja diese Riesengeschichte ins Rollen gebracht, bei der sie von Russland bis Lateinamerika überall Poster mit meiner Silhouette aufgehängt haben. Das hat mich sehr gerührt. Und es zeugt von der positiven Energie, die die sozialen Netzwerke auch haben können. Nur so kann man etwas Derartiges realisieren. Ich habe ja auch nichts gegen die Technik an sich. Das wäre genauso lächerlich wie beim Filesharing - man kann die Technik nicht zurückdrehen und muss das pragmatisch sehen. Nicht die Technik an sich ist negativ. Es kommt nur darauf an, wie die Menschen mit ihr umgehen.

Wie war es denn sonst für dich, 40 zu werden? Hast du Probleme mit dem Älterwerden?

Nein, überhaupt nicht. Ganz ehrlich: Ich fühle mich, als würde ich jetzt gerade erst damit anfangen, erwachsen zu werden. Ich habe die vergangenen 10, 15 Jahre damit verbracht, mich sehr kindisch zu verhalten. Als ich jünger war, hatte ich einen wirklich ausgeprägten Peter-Pan-Komplex. Wenn ich jetzt reifer werde und das Gefühl habe, mich ins Erwachsensein vorzutasten, ist das keine große Sache. Es beschäftigt mich gar nicht. Es ist doch nur eine Zahl, die auf dem Dezimalsystem beruht. (lacht)

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Im November 2013 spielen sie unter anderem in der größten Halle Berlins, der "O2 World".

(Foto: Kevin Westenberg / Universal Music)

Das tut die Zahl 20 auch. 2014 ist es genau 20 Jahre her, dass du mit deinem Band-Kollegen Stefan Olsdal die ersten gemeinsamen Songs geschrieben hast. In der Folge habt ihr es geschafft, von einer kleinen Indie-Band zu einer der erfolgreichsten Rockbands überhaupt zu werden. Gab es eigentlich einen Moment, in dem ihr diese Wendung realisiert habt?

Man hat schon ein Gespür dafür. Man kriegt schließlich mit, dass die Hallen größer werden. Als das passiert ist, waren wir zudem sehr darauf aus, uns von der Fessel, eine Indie-Band zu sein, zu befreien. Wir wollten als Rock'n'Roll-Band ernst genommen werden. Und als uns das gelungen ist, hat sich das auch wirklich gut angefühlt. Aber es gibt auch eine andere Seite der Medaille: Man begreift, dass es auch wieder abwärts gehen kann. Und man fragt sich, wie man das Erreichte erhalten und darauf aufbauen kann. Wenn ich heute auf unsere Entwicklung blicke, bin ich einfach nur dankbar. Dafür, dass die Leute sich immer noch für uns interessieren und uns zuhören. Und dafür, dass Stefans und meine Partnerschaft beim Songschreiben ebenso alle Höhen und Tiefen überdauert hat wie unsere Freundschaft.

Ihr habt also alles richtig gemacht …

(lacht) Nun, vielleicht nicht alles. Aber letztendlich sind wir angekommen. Es gab auch einige wirklich dunkle Momente und Phasen von Selbstdemontage - ohne dass wir diese beabsichtigt hätten. Ich glaube, mehr als 50 Prozent des Geheimnisses von Langlebigkeit machen Ausdauer, Beharrlichkeit und die Weigerung aufzugeben aus. Und ich könnte mir ja auch gar nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu machen. Ich habe die Uni abgeschlossen, war arbeitslos und entschlossen, auch nicht arbeiten zu gehen, ehe ich nicht einen Plattenvertrag in der Tasche habe. Und zwei Jahre später ist es passiert. Außer der Band-Geschichte habe ich nie etwas anderes gemacht. Ich kann nichts sonst und bin praktisch nicht vermittelbar. (lacht)

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Nun ja, du hast immerhin auch den erwähnten Universitätsabschluss in Schauspiel. Das Goldsmith College, an dem du studiert hast, hat dich im Dezember 2012 mit einer Ehrenmitgliedschaft gewürdigt. Man kann sich das im Internet anschauen. Hast du dich in der Situation wohlgefühlt?

Nein. Das ist schon verrückt: Wenn ich etwa bei Rock am Ring vor 50.000 Menschen stehe, fühle ich mich vielleicht ein bisschen nervös, aber ich habe die Kontrolle. Stehe ich indes in meiner alten Universität vor 200 Leuten und versuche, eine Rede zu halten, bin ich ein nervliches Wrack. Die Auszeichnung war eine fantastische Ehre für mich. Im Nachhinein sehe ich das auch als wirklich positive Erfahrung. Aber vor und während der Verleihung fühlte ich mich absolut unwohl - mit diesem Umhang und Hut. Ich war seit 4 Uhr morgens wach, konnte nicht schlafen und war mit den Nerven echt am Ende. Ich habe jedoch gehört, dass das nichts Ungewöhnliches sei. Graham und Alex von Blur soll es ganz genauso gegangen sein, als sie ihre Ehrenmitgliedschaft erhielten.

Eine Sache, die für mich Placebo wirklich auszeichnet, ist, dass ihr noch nie mit einem Album wirklich enttäuscht habt ...

Oh, vielen Dank. Nett, dass du das sagst.

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Zwei Europäer und ein US-amerikanisches Gegengewicht - ist das ihr Geheimnis?

(Foto: Kevin Westenberg / Universal Music)

Wie siehst du das im Rückblick? Gab es für dich - mal abgesehen von den persönlichen Spannungen in der Band, die es auch gab - musikalische Aufs und Abs?

Für mich ist es schwer, unvoreingenommen zurückzuschauen. In der Rückschau tendiert man dazu, sich auf das Negative und die Dinge, von denen man glaubt, dass man sie hätte besser machen können, zu fokussieren. Es gibt Momente, von denen ich denke: Ja, das haben wir ziemlich gut geschrieben oder umgesetzt - speziell, wenn ich mir die Umstände oder unsere Lebensweise zu der entsprechenden Zeit vergegenwärtige. Genauso gibt es Momente, in denen ich im Rückblick manche Songs unreif und unausgegoren finde. Aber wenn ich mit einer positiveren Haltung zurückblicke, sehe ich vor allem eins: ein wirklich sehr großes Verlangen danach, zu experimentieren und nicht in irgendwelche Raster zu verfallen. Wenngleich wir sicher ab und an daran auch gescheitert sind, haben wir trotzdem wirklich immer unser Bestes versucht, uns nicht selbst zu wiederholen. Das ist vielleicht auch ein Grund für Langlebigkeit.

Ich habe die persönlichen Spannungen in der Band schon angesprochen. Sie haben dazu geführt, dass euer Schlagzeuger Steve Hewitt 2007 die Band verlassen hat. Ihr habt ihn durch den gerade erst 26-jährigen US-Amerikaner Steven Forrest ersetzt. Wie läuft es mit ihm?

Sehr gut. Stefan und ich sind Europäer. Wir sind von Natur aus eher reserviert und melancholisch veranlagt. Steven hingegen ist unglaublich enthusiastisch. (lacht) Er ist ein wunderbares Gegengewicht.

Dein Vater war Banker und wollte ursprünglich, dass auch du im Finanzwesen arbeitest. Ist der Song "Rob The Bank" auf eurem neuen Album deine späte Rache dafür?

Nein, nicht wirklich. Das mit dem Finanzsektor ist in gewisser Weise eine Familientradition bei mir. Aber seit ich ungefähr elf war, stand für mich unumstößlich fest, dass ich etwas im Bereich Kunst und Darstellung machen würde. Ich habe mich schon sehr früh für Schauspiel und Theater interessiert. Und ich habe mich bald mit der Idee angefreundet, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe gelernt, dass man Vertrauen zu sich selbst und den Mut haben muss, seinen Überzeugungen nachzugehen, um etwas zu erreichen. Ich glaube, das hat mir im Kontext mit der Band später sehr geholfen. Was "Rob The Bank" angeht, führt der Titel natürlich in die Irre. Es geht in dem Song nicht um die Finanzkrise ...

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Das Album "Loud Like Love" ist ab sofort erhältlich.

(Foto: Universal Music)

Dabei könnte man das bei Zeilen wie "Rob the bank of England and America, rob the bank of the entire Euro Zone" durchaus erst einmal denken. Aber dann heißt es ja: "But take me home. Make Love" …

Ja, tatsächlich ging es mir bei dem Song darum, mich mit obsessivem körperlichen Verlangen und Eifersucht auseinanderzusetzen. Das fügt sich auch in das unterschwellige Thema des ganzen Albums ein. Für mich besteht das Album aus zehn Kurzgeschichten, die einzig und allein ein Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten - das seit jeher mit Abstand am meisten beleuchtete Thema in populären Songs.

Natürlich die Liebe …

Ja, und ich finde, man kann über Liebe nicht wirklich sprechen, ohne auch über Besessenheit, Eifersucht und hitzige Gefühle zu sprechen. Es gibt nun einmal diese Gefühle in Beziehungen. Und genau darum geht es in dem Song. Der Erzähler sagt im Wesentlichen: "Mir ist egal, was du tust. Von mir aus begehe so viele Verbrechen, wie du willst. Du kannst dich meinetwegen über Menschen mit Behinderungen lustig machen. Du kannst die übelsten Vorurteile haben. Du kannst dich unmöglich benehmen, vulgär sein und in der Öffentlichkeit in der Nase bohren. Mir scheißegal - so lange du am Ende des Tages nach Hause kommst und mich befriedigst. Und solltest du jemals jemand anderen ansehen, werde ich dich verdammt noch eins töten." (lacht)

Okay, ich bin überzeugt, dass es in dem Lied nicht um die Finanzkrise geht …

(lacht) Nein. Aber sie ist ein guter Aufhänger für den Song. Und ich habe es geschafft, "Liechtenstein" in einem Text unterzubringen. Darauf bin ich auch echt stolz.

Wie wäre es, wenn ich mit dir trotzdem über die Finanzkrise diskutieren wollte. Könnten wir das oder interessiert dich dergleichen überhaupt nicht?

Oh, es ist nicht so, dass mich das per se nicht interessieren würde. Aber ich lese keine Börsennachrichten. Und den Wirtschaftsteil überblättere ich immer. Ich muss zugeben, dass ich nie wirklich verstanden habe, wie die Finanzwelt funktioniert. Ich habe nie Geld ausgegeben, das ich nicht hatte, nie mit Aktien spekuliert oder Investitionen getätigt - außer in Eigentum und Kunst. Und das nur, weil ich nun mal ein Zuhause brauchte und es großartig finde, wenn ich mir ein Kunstwerk von jemandem, über den ich in Kunstgeschichte in der Schule gelernt habe, an die Wand hängen kann. Hey, ich habe noch nicht mal eine Kreditkarte. Aber ich kenne so einige Leute, die 2008 viel Geld verloren haben. So gesehen, hatte ich wahrscheinlich Glück - meine Ignoranz hat sich bezahlt gemacht. (lacht)

*Datenschutz

Du hast in deiner Karriere eigentlich alles erreicht. Nicht nur die großen Hallen, ihr habt auch ein außergewöhnliches Konzert vor Angkor Vat gegeben und mit zahlreichen anderen Musikgrößen kollaboriert …

Auch darauf bin ich übrigens sehr stolz. Mit Leuten wie Michael Stipe, David Bowie, Robert Smith oder Frank Black zusammenarbeiten zu können, ist wirklich ein Riesenprivileg.

Was für Ziele hast du noch mit Placebo?

Ich würde schlicht sagen: relevant zu bleiben. Und uns selbst und unsere Zuhörer zu überraschen.

Und vielleicht ja auch, noch den einen oder anderen Song zu covern. Welches Lied hätte es denn verdient, dass wir es irgendwann auch noch mal in einer Placebo-Version zu hören bekommen?

Ich habe eine echt lange Playlist an Songs, die wir covern sollten, auf meinem Computer. Ich habe mit der Band und unseren Managern immer Witze darüber gerissen, dass ich eines Tages "Total Eclipse Of The Heart" von Bonnie Tyler covern möchte. Aber jetzt müssen wir das wohl gar nicht mehr, denn ich glaube, wir haben die Stimmung des Songs in "Too Many Friends" einfließen lassen - mit dem Piano am Anfang. Für mich ist das Placebos "Total Eclipse Of The Heart"-Moment. Das macht mich glücklich.

Mit Brian Molko sprach Volker Probst

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Am 16.09.2013 ab 21 Uhr präsentieren Placebo live aus London eine exklusive 90-minütige TV-Show, die via YouTube rund um den Globus mitverfolgt werden kann. Zudem befindet sich die Band im November und Dezember 2013 in Deutschland auf Tournee: Leipzig (15.11.), Köln (16.11.), München (19.11.), Frankfurt am Main (27.11.), Berlin (28.11.), Hamburg (5.12.).

Quelle: n-tv.de

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