Unterhaltung
Fulminante Bilder à la Spielberg: Pferd Joey im Film "Gefährten".
Fulminante Bilder à la Spielberg: Pferd Joey im Film "Gefährten".(Foto: DreamWorks Pictures)
Donnerstag, 16. Februar 2012

Reitstunden mit Spielberg: "Gefährten" ist kein Ponyhof

von Volker Probst

Ein Pferdefilm? Ja, ein Pferdefilm. Aber auch ein Kriegsfilm. Irgendwie. In "Gefährten" bringt Steven Spielberg zusammen, was scheinbar nicht zusammen gehört. So bildgewaltig, dass nicht nur Mädchen sich dem kaum entziehen können.

Sagen wir es geradeheraus: Es geht um ein Pferd. Insbesondere der männliche Betrachter neigt hier zu einer natürlichen Abwehrreaktion. Denn, sind wir doch mal ehrlich: Ponyhof-Prosa, Reitstall-Romantik und Geschichten vom Gaul sind was für Mädchen. Oder kennen Sie etwa auch nur einen Jungen, der einen Satz wie "Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde" ins Poesiealbum geschrieben hätte? Nein? Eben.

Spielberg sah das Bühnenstück und wusste, dass er es verfilmen würde.
Spielberg sah das Bühnenstück und wusste, dass er es verfilmen würde.(Foto: DreamWorks Pictures)

Nun ist es ja auch nicht so, dass es in der Vergangenheit eine dramatische Unterversorgung an Erzählungen über heldenhafte Hoppepferdchen und ihre zweibeinigen Zuchtmeister gegeben hätte. Die Geschichte von Black Beauty wurde schon zu Stummfilm-Zeiten erstmals verfilmt. Fury galoppierte bereits in den 50er-Jahren als Serienheld über die Bildschirme. Wenig später lernte mit Mr. Ed ein Wallach sogar sprechen. Und mal ganz zu schweigen von der TV-Serie Wendy, mit der irgendwelche Vierbeiner-Fantasien schließlich auch noch farbfernsehfreundlich wurden. Die gleichnamige Zeitschrift, die womöglich schon Ihre Banknachbarin seinerzeit im Schüler-Abo hatte, gibt es übrigens noch immer. Die zugehörige Webseite ist, wie sollte es anders sein, vor allem eins: rosa.

Die Voraussetzungen für "Gefährten", bei uns zu punkten, sind also an sich denkbar schlecht. Doch mindestens drei Begleitumstände machen einen stutzig. Erstens: der englische Titel. Während im Deutschen Rosamunde-Pilcher-Assoziationen geradezu programmiert sind, bringt der Originalname des Films schließlich zusammen, was scheinbar nicht zusammengehört: "War Horse". Die ersten drei Buchstaben lassen auch den Ex-Zivi aufhorchen. Cineastische Schlachtgetümmel? Ja, warum denn nicht? Zweitens: Es braucht nicht viel Recherche, um herauszufinden, dass dem Streifen nicht nur ein Buch (von Autor Michael Morpurgo), sondern auch eine Bühnen-Adaption vorausgegangen ist. Und die feierte in London und New York phänomenale Erfolge. Irgendetwas scheint an der Geschichte also dran zu sein. Und last but not least drittens: Regie bei "Gefährten" führte nicht etwa ein Frauen verstehender Pferdeflüsterer wie Robert Redford, sondern kein Geringerer als Steven Spielberg. Eben jener Steven Spielberg, der mit Leinwand-Abenteuern  wie "Indiana Jones" schon die Augen kleiner Jungs zum Strahlen brachte. Er wird ja wohl keinen Mädchen-Film drehen?

Menschlichkeit und Hoffnung

Nein, "Gefährten" ist keine Erzählung über Ferien auf dem Ponyhof. Aber wenngleich seine Handlung in die Zeit des Ersten Weltkriegs eingebettet ist, ist der Streifen ebenso kein Kriegsfilm. Jedenfalls nicht in erster Linie. "Der Krieg dient lediglich als Kulisse", sagt Spielberg selbst über sein neuestes Werk. Anders als etwa bei "Der Soldat James Ryan" oder den von ihm mitproduzierten Serien "Band of Brothers" und "The Pacific" sei es ihm in diesem Fall nicht zuvorderst darum gegangen, ein möglichst realitätsgetreues Schlachtgemälde zu inszenieren. Stattdessen versuche "Gefährten" genau den Spagat, den der Originaltitel schon irgendwie nahelegt - den, ein "Familienfilm" zu sein.

Newcomer Jeremy Irvine überzeugt in seiner Rolle als Albert auf ganzer Linie.
Newcomer Jeremy Irvine überzeugt in seiner Rolle als Albert auf ganzer Linie.(Foto: DreamWorks Pictures)

Spielberg wäre dabei nicht Spielberg, wenn er nicht zugleich ein höheres Ziel im Sinn hätte als "nur" das, buntes Popcorn-Kino für Mama, Papa, Kind zu bieten. Stattdessen, so sagt der Regisseur, ginge es auch um Werte - "Werte, von denen ich mir wünschen würde, dass sie junge Menschen aus 'Gefährten' mitnehmen". Und auch wenn die Hauptfigur des Films ein Pferd ist - zentral dürfte er damit nicht zuletzt einen Wert meinen: Menschlichkeit - über alle menschgemachten Grenzen hinweg.

"Der Film trifft keine Aussage darüber, wer im Recht oder Unrecht ist", sagt Spielberg. "Im Mittelpunkt steht das Verhältnis der Charaktere zu diesem Pferd. Pferde kennen keine Politik. Ihr Hauptaugenmerk gilt der Last, die sie tragen." Genau das aber verleihe der Erzählung "ihre Humanität inmitten des Krieges." Auch wenn die Handlung von "Gefährten" eine gänzlich andere und der historische Hintergrund diesmal nicht der Zweite, sondern der Erste Weltkrieg ist, drängen sich Parallelen zu Spielbergs mit sieben Oscars ausgezeichnetem Meisterwerk "Schindlers Liste" da geradezu auf. Erst recht, wenn der Regisseur über die Aussage von "Gefährten" resümiert: "Es ist eine Geschichte über die Hoffnung und darüber, dass es sie selbst unter den schrecklichsten Umständen geben kann."

Ein wahrer Wildfang

Die von Spielbergs Haus-und-Hof-Kameramann Janusz Kaminski in elegischen Bildern eingefangene Geschichte beginnt damit, dass der englische Farmer Ted Narracott (gespielt von Peter Mullan) das rassige Pferd Joey bei einer Auktion ersteigert. Die Ehefrau (Emily Watson) des trinkfreudigen Bauern ist davon ganz und gar nicht begeistert, schließlich steht dem Paar finanziell das Wasser bereits bis zum Hals. Zudem erweist sich Joey als wahrer Wildfang, der als Ackergaul offenbar ganz und gar nicht zu gebrauchen ist. Das ändert sich jedoch, als sich Sohn Albert (Jeremy Irvine) der Sache annimmt - zwischen ihm und Joey entwickelt sich eine geradezu magische Verbindung.

Auch der deutsche Schauspieler David Kross hat eine Rolle in den Film - als Gefreiter Gunther Schröder.
Auch der deutsche Schauspieler David Kross hat eine Rolle in den Film - als Gefreiter Gunther Schröder.(Foto: DreamWorks Pictures)

Sie findet jedoch ein jähes Ende, als der Krieg ausbricht. Um dem Ruin zu entgehen, verkauft Alberts Vater das Pferd kurzerhand an die britische Kavallerie. Als Schlachtross zieht Joey an die Front. Sein neuer Besitzer Captain Nicholls (Tom Hiddleston) meint es unter den gegebenen Umständen an sich gut mit ihm - doch er wird nicht lange im Sattel sitzen. Während für Joey nun eine Odyssee beginnt, die ihn inmitten der Kriegswirren über alle Fronten führt, meldet sich Albert freiwillig zum Militär. Werden Mensch und Tier überleben und am Ende womöglich sogar wieder zusammenfinden?

Die in den Giftgas-Angriffen gipfelnden Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs sind bekannt. Insgesamt fielen knapp 17 Millionen Menschen den Gräueln des Krieges zum Opfer. Weniger präsent ist indes, dass in den Schlachten an der Schwelle zwischen althergebrachter Kriegsführung und modernen Massenvernichtungswaffen auch noch unzählige Tiere eingesetzt wurden - darunter hundertausende Hunde und zig Millionen Pferde. Der Hintergrund der von Spielberg gezeichneten Geschichte ist in dieser Hinsicht also durchaus real.

Sechs Oscar-Nominierungen

So real wie der beziehungsweise die Hauptdarsteller des Films. Denn tatsächlich sind es 14 verschiedene Pferde, die Joey in dem Streifen verkörpern. Im Gegensatz zu zahlreichen früheren Produktionen, in denen man es mit dem Tierschutz nicht so genau nahm, wurde bei "Gefährten" den Machern zufolge peinlichst exakt auf einen guten und artgerechten Umgang mit den Vierbeinern geachtet. So kümmerte sich nicht nur ein erfahrener, internationaler Trainer-Stab um die Pferde, die Dreharbeiten standen auch unter der ständigen Aufsicht der Tierschutzorganisation "American Humane Association". Was dabei an - im wahrsten Sinne des Wortes - tierischen Leistungen herausgekommen ist, ist bisweilen wirklich beeindruckend. Schließlich fand bei den gezeigten Darbietungen der Pferde kaum Tricktechnik Verwendung - außer in einer Szene, in der sich Joey in einem Geflecht aus Stacheldraht verfangen hat.

Einen Oscar dafür wird es wohl nicht geben, denn noch ist eine derartige Trophäe für Tiere nicht vorgesehen. Gleichwohl ist "Gefährten" bei den kommenden "Academy Awards" sechsmal nominiert, unter anderem als "Bester Film". Keine Frage, der Streifen bewegt sich hart an der Grenze zwischen Kitsch und Klischee auf der einen sowie fulminanter Bild- und Erzählgewalt auf der anderen Seite. Typisch Spielberg halt, könnte man sagen. Sich dem zu entziehen, fällt jedoch auch gestandenen Männern schwer. Was kostet nochmal das Wendy-Abo?

"Gefährten" läuft ab 16. Februar in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de