Kino

"Übernehme gern Verantwortung" Kretschmann und Heine reden Tacheles

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Olaf Heine, Fotograf, Filmemacher und Mensch.

(Foto: Romney)

Während einer Baupause wird das Tacheles, sagenumwobener und durchaus umstrittener Ort in Berlin-Mitte, für eine Weile zwischengenutzt. Im Rahmen der Berlin Film Lounge läuft heute noch einmal eine Hommage an das Haus - der Kurzfilm "Tacheles". Gedreht hat ihn Olaf Heine, seines Zeichen vor allem Fotograf, mit Star-Schauspieler Thomas Kretschmann, ebenfalls Fotograf. Beide Männer verbindet eine jahrelange Freundschaft, privat und beruflich, und sie haben sich Gedanken gemacht - Gedanken, die durchaus Mut machen. In einem eigens für die Berlinale eingerichteten Kino wird heute zum Beispiel noch einmal - bevor der Raum dann anderweitig kulturell genutzt wird - Wim Wenders' Filmklassiker "Der Himmel über Berlin" gezeigt. Mit Kretschmann und Heine hat ntv.de Tacheles geredet und sich Mut machen lassen.

ntv.de: Ein Kurzfilm, nur 12 Minuten - und doch berührt der Film unglaublich.

Olaf Heine: Danke. Warum?

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Das Plakat zum Film "Tacheles".

Ich denke, es ist die Mischung aus Bild, Text, Musik, Schnitt, Ort. Ich würde ihn mir nochmal angucken.

OH: Dann ist doch alles gut gelaufen (lacht).

Erzählt trotzdem bitte mal, wie es dazu gekommen ist, dass der Fotograf Olaf Heine mit dem Schauspieler Thomas Kretschmann einen Kurzfilm über die nicht unumstrittene und hart umkämpfte Institution Tacheles gemacht hat.

OH: Ich kenne das Kunsthaus Tacheles tatsächlich noch aus den Neunzigern, ich bin Anfang der Neunziger als Fotografiestudent in die Stadt gekommen. Es soll ja - so heißt es in der Presse - ein Fotomuseum werden. Und dank einer glücklichen Fügung wurde mir der Zutritt gestattet, bevor der Umbau fortgeschritten war. Das Gebäude hat so eine lange Geschichte und ist so traditionslastig - das wollte ich gern festhalten. Vielleicht für die nächsten Generationen. Die meisten verbinden das Hausbesetzertum mit dem Tacheles, aber die Geschichte des Gebäudes ist so viel weitreichender. Geschichte braucht einen Boten, einen Vermittler, jemanden, der die Geschichte erzählt. So kam ich auf die Idee, Thomas in der Rolle des Boten zu besetzen, allein schon wegen seiner Vita, die ja Analogien zu der Geschichte des Gebäudes aufweist.

Und du hast den sehr schönen Text verfasst?

OH: Genau, mit der Autorin Mirna Funk zusammen. Sie war es auch, die die Idee hatte, den Film mit der Figur "Engel der Geschichte" beginnen zu lassen, ursprünglich aus einem Gemälde von Paul Klee von 1920. Das war seit 1921 im Besitz von Walter Benjamin und er hat das auf seiner Flucht nach 1933 immer bei sich gehabt. Dieser Engel hat ihm Hoffnung gegeben und inspirierte ihn zu seinen Thesen "Über den Begriff der Geschichte". Es gibt gesellschaftliche Parallelen zwischen der Zeit, aus der dieser Text stammt, den 1930er Jahren, der Zeit, in der das Tacheles-Gebäude besetzt wurde und der jetzigen Zeit, in der wir wieder engstirnige und ängstliche Menschen erleben, die ihren Hass auf Wehrlose projizieren. Das Tacheles ist ein leerstehendes, marodes Gebäude und es lag zehn Jahre im Dunkeln. Aber es hat Menschen seit 100 Jahren immer wieder Hoffnung gegeben und sie inspiriert. Und deshalb wäre es schön, wenn es nun wieder zum Leben erweckt werden würde. Ich brauchte dafür eine Figur, einen Engel, der diese Reise durch das Gebäude antritt. Es musste aber auch eine Reise sein vom Dunkeln ins Helle. Eine Reise durch die Geschichte. Vom Gestern zum Morgen. Thomas hat selbst so eine Reise ja hinter sich.

Durch seine Flucht aus der DDR 1983. Ihr kennt euch schon lange …

OH: Ja, wir arbeiten eng zusammen, seit 20 Jahren. Ich wollte seine Vita mit in den Kontext einflechten, in den Dialog. Seine Geschichte steht symbolisch für dieses Haus. Thomas ist jemand, der eingesperrt war und sich damit nicht zufriedengeben wollte. Der aus dem starren System ausbrechen und sein Schicksal in die eigene Hand nehmen wollte. Und der keine Angst hatte. Er hat immer nach vorn geschaut. Das ist eine Geschichte, aus der wir lernen können.

Hast du keine Angst gehabt?

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Thomas Kretschmann - vor und hinter der Kamera erfolgreich.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Thomas Kretschmann: Nee. (zögert) Aus irgendwelchen Gründen war es klar für mich, dass es funktionieren würde. Ich bin aber vor allem gar nicht irgendwo konkret hingegangen, sondern ich bin weggegangen. Ich hatte mir nichts vorgestellt, nichts ausgemalt, ich wollte nur Eigenverantwortung für mein Leben übernehmen.

Wie war der Dreh mit Olaf?

TK: Also - ich habe nichts aufgerollt und nichts verarbeitet, wenn du das meinst. Wir haben einfach gedreht. Ich kenne Olaf schon lange als Fotograf und wir arbeiten regelmäßig an gemeinsamen Fotografien. Daher kennen wir uns gut und wissen, wie der andere tickt, was er sieht und was er will, was er vorhat. Wenn wir fotografieren, dann treiben wir uns beide an. Ich habe das jetzt erst einmal genommen, wie es kam, und es hat mir Spaß gemacht. Und eigentlich war das so wie immer, wenn wir zusammenarbeiten, nur dass die Bilder sich dieses Mal bewegen.

Und der von Olaf bereits benannte Bogen zu dir …

TK: … das habe ich anfangs, beim Drehen, gar nicht so überrissen, dass das was mit mir zu tun hat (lacht). Meine persönliche Geschichte wurde mir erst später bewusst, ich bin da eher wie ein Fotomodell reingestolpert. Ich habe erst einmal schöne Bilder gesehen und die Poesie, die dann durch den Text dazukommt, die habe ich erst als Produkt gesehen.

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Berlin - du bist so wunderbar!

(Foto: imago images / photothek)

OH: Du hast das Script nicht gelesen (lacht). Aber ganz ehrlich: Das Thema Tacheles ist ein schwieriges Thema, da muss man extrem aufpassen, wie man damit umgeht. Ich habe hier in den Neunzigern gefeiert, Punkt. Interessiert hat mich aber die tiefere Geschichte hinter dem Gebäude, ich habe für mich den Faden gesucht, wie kann man daraus eine Geschichte machen, die den Wandel in unserer Gesellschaft darstellt und der uns an die Hand nimmt und sagt: Habt keine Angst! Wir leben in einer Zeit, wo es unglaublich viel Angst gibt. Angst, die auch mit der Vergangenheit zu tun hat. Und mit den jetzt Flüchtigen. Das Bild vom Engel tröstet. Es mahnt an die Trümmerhaufen, die wir in der Vergangenheit aufrichteten.

So ein Haus hat ja auch einen Charakter …

OH: Genau, und dann kommt noch ein Darsteller und sein Charakter dazu, also Thomas Kretschmann, der Engel der Geschichte. Und die treten in einen Dialog und motivieren, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Ohne solche Vermittler, ohne solche Boten, ohne solche Engel fehlte uns der Mut, die angemessenen und radikalen Fragen zu stellen. Ich möchte die Menschen motivieren: Schaut nicht immer zurück, sondern lebt im Hier und im Jetzt und gestaltet euer Umfeld mit! Und das beginnt mit einem Haus, kann aber auch Berlin sein, Deutschland, diese Welt. Es ist an uns, die Zukunft zu gestalten!

Die Zwanzigerjahre sind angebrochen und es werden viele Vergleiche gezogen zum letzten Jahrhundert, wo die Zwanziger einem Tanz auf dem Vulkan glichen …

TK: Aber wie Olaf schon sagte: Ein Mittel ist, keine Angst zu haben, ist, sich den Dingen zu stellen.

OH: Es ist so einfach, sich zurückzulehnen und mit Zynismus oder Boshaftigkeit auf Wehrlose zu schauen und zu sagen, "Die sind schuld an meiner Misere". Es ist viel mutiger, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, so, wie Thomas das gemacht hat. Wenn man sich mit den Dingen abfindet und zufriedengibt, ist das einfach - aber alles in eine Waagschale zu werfen, das ist mutig.

Journalisten gehen im Treppenhaus des ehemaligen Kulturzentrums Tacheles. Foto: Paul Zinken/Archivbild

Treppenhaus des ehemaligen Kulturzentrums Tacheles.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

TK: Ich muss noch etwas ergänzen: Ich hatte schon Angst, über die Grenze zu rennen. Aber dass ich das mache, das stand fest.

Weil es keine Alternative für dich gab?

TK: Nein, es gab keine Alternative für mich, sonst hätte ich es nicht gemacht. Es war ja nicht abzusehen, dass ich meine Familie wiedersehen kann oder meine Freunde, aber ich fand es so unerträglich in der DDR, ich konnte nicht bleiben.

Warst du skeptisch, als die Mauer aufging, Thomas?

TK: Total! Jemand wie ich durfte ja nach Berlin nur fliegen und ich habe dem Frieden anfangs nicht getraut, ich dachte immer nur: Was ist, wenn die jetzt die Mauer wieder zumachen? Dann sitz' ich da … ich hatte echt Albträume.

Olaf, der Film ist dein Regie-Baby …

OH: Es ist nicht das erste Mal, dass ich etwas gedreht habe. Ich habe schon Musikvideos und Werbung gedreht. Und vor 18 Jahren auch schon mal einen Kurzfilm. Aber hier ist es gar nicht der Dreh, der im Vordergrund steht, das ist eher Poesie für mich. Fotografie mit anderen Mitteln. 

TK: Wir haben gedreht, wie wir sonst fotografieren, finde ich.

OH: Genau. Nur das 50 Leute um uns herumstanden. Aber unsere Zusammenarbeit ist immer spannend. Für Thomas war das bestimmt Schulfilmniveau …

TK: Das sieht aber nicht so aus, mein Lieber!

OH: Aber Film reizt mich schon, das stimmt. Die Möglichkeit ist mir immer willkommen.

Übernehmt ihr eigentlich gerne Verantwortung?

TK: Bei diesem Projekt fühlen wir uns wahrscheinlich vor allem dem anderen gegenüber verantwortlich.

OH: Ja, aber du meinst bestimmt etwas anderes: Ja, ich habe mich vorbereitet auf das Tacheles-Projekt und habe mit vielen Leuten gesprochen, die hier gelebt haben. Machen wir uns nichts vor, die Zeit verklärt einiges. Das Ding hier war wahnsinnig aufregend und es war ein Abenteuerspielplatz. Aber es scheint nicht nur toll gewesen zu sein, es war auch düster, dreckig, hat nach Pisse gestunken und war brandgefährlich. Einmal ist eine Besucherin durch eine Öffnung in den Tod gestürzt. Ehemalige Ostberliner Bewohner haben mir erzählt, dass sie von den Westdeutschen rausgeekelt wurden. Wenn man mit den Besetzern spricht, dann trifft man sowohl auf romantische Verklärung der Umstände als auch auf Ablehnung und Hinterfragung der damaligen Zustände. Auf jeden ehemaligen Bewohner, der das alternative Lebenskonzept und die Künstlerinitiative romantisiert, kommen scheinbar zwei, die davon sprechen, dass es in dem besetzten Haus vorwiegend Zwiespalt, Streitereien und sogar Mobbing gab. Es scheint also wirklich weit entfernt von Friede, Freude, Eierkuchen gewesen zu sein.

Mit Olaf Heine und Thomas Kretschmann sprach Sabine Oelmann

Heute läuft im Tacheles um 19 Uhr der Kurzfilm "Tacheles" (der Regisseur ist anwesend, Einlass ab 18 Uhr) und danach "Himmel über Berlin", ein immer wieder sehenswerter Klassiker.

Quelle: ntv.de