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"Der beste US-Horrorfilm seit 20 Jahren" "Let Me In": Wahre Liebe kennt kein Alter

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Aus der Sicherheit der eigenen Wohnung heraus beobachtet Owen seine Umwelt.

Wild Bunch Germany

1983. In den USA sitzt ein ehemaliger Schauspieler im Weißen Haus und krempelt die Vereinigten Staaten von Grund auf um. Er läutet nach dem Scheitern der Genfer Abrüstungsverhandlungen die heiße Phase des Kalten Krieges ein und verkündet den Start des Raketenabwehrprogramms SDI. In dasselbe Jahr fällt die Operation "Urgent Fury", die Invasion Grenadas durch die US-Armee unter dem Vorwand, der kubanischen Armee zuvorzukommen. Reagan hasst den Kommunismus und das "Reich des Bösen". Er ist konservativ und bekennender Presbyterianer, was sich zunehmend auch in seiner Politik widerspiegelt.

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Hier lernen sich die beiden kennen ...

(Foto: Saeed Adyani)

Zur gleichen Zeit in Los Alamos, New Mexiko. In irgendeinem farb- und lieblos gestalteten Wohnblock lebt Owen (Kodi Smit McPhee; "The Road", "Unter der Sonne Australiens"), ein Scheidungskind. Er ist 12 Jahre und der geborene Außenseiter. Freunde hat der zierliche Junge keine. In der Schule stets das Opfer, oft verprügelt und gedemütigt, verbringt er die meiste Zeit allein zu Hause in seinem Zimmer und beobachtet die Welt aus sicherer Entfernung - auch wie zwei neue Mieter in den Block einziehen: ein kleines Mädchen und ein älterer Mann, direkt neben die Wohnung, in der er mit seiner alkoholkranken Mutter (Cara Buono; "Die Sopranos") lebt -, oder er schlägt seine Zeit auf dem direkt vor der Haustür liegenden, kleinen, schäbigen Spielplatz tot, dem nur der spätwinterliche Schnee etwas stille Würde verleiht.

Seelenverwandte

Eines späten Nachmittags malträtiert er in der Dunkelheit mit seinem Messer einen Baumstamm am Spielplatz und brabbelt dabei leise vor sich hin, bis er plötzlich innehält, weil er sich beobachtet fühlt. Er dreht ganz langsam den Kopf - und da steht das Mädchen. Völlig geräuschlos muss sie sich angeschlichen haben. Sie heißt Abby (Chloe Moretz; "Kick-Ass",  "The Eye"). Und auch sie sieht nicht wie das blühende Leben aus, das jeden Tag mit einem breiten Lächeln im Gesicht die Welt freudestrahlend begrüßt. Ihre Augen blicken traurig in die weiße Welt, gequält. Ihr Kopf hängt nach unten, ebenso die Schultern. Sie sieht verletzlich aus in ihrem dunklen Kapuzenpulli. Das Leben scheint es auch mit ihr nicht sehr gut zu meinen.

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Die Magie des Würfels verzaubert Abby.

(Foto: Saeed Adyani)

Und so kommt es, wie es kommen muss: Die beiden freunden sich in ihrer gemeinsamen Einsamkeit an. Ein Zauberwürfel bricht das Eis. Owen überlässt ihn Abby, die so etwas noch nie gesehen hat, auch in der Hoffnung, sie am Tag darauf wiederzusehen. Seine Hoffnung erfüllt sich: Als er tags darauf zur Schule geht, findet er den Würfel - und am Abend in der Dunkelheit Abby auf dem Spielplatz. Die Freude darüber ist ihm anzusehen.

Es gibt immer einen Haken

Aber irgendetwas scheint mit Abby und ihrem Vater (Richard Jenkins; "Burn After Reading", "Eat Pray Love") nicht zu stimmen: Abby läuft barfuß, spürt die winterliche Kälte nicht. Owen sieht sie nur, wenn es dunkel ist. Sie kennt ihren Geburtstag nicht. Dazu scheint sie unter plötzlich einsetzenden Krämpfen zu leiden. Das Schlimmste für Owen sind aber die nächtlichen Geräusche aus ihrer Wohnung neben seinem Zimmer. Jemand schreit jemanden mit einer tiefen Stimme an, aber es ist nicht Abbys Vater.

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Seelenverwandt: Owen und Abby.

(Foto: Saeed Adyani)

Nach und nach kommt Abbys dunkles Geheimnis ans Licht: Als sie ihn in seiner Wohnung besucht, muss er sie extra "hereinbitten". "Let me in", haucht sie. Und er erfüllt ihr den Wunsch. Wie sich herausstellt, ist sie ein Vampir, im Körper eines zwölfjährigen Mädchens. Owen ist deswegen aber nicht geschockt. Er liebt Abby und Abby liebt ihn. Als sich dann im Ort die geheimnisvollen Todesfälle häufen, vermutet der Sheriff eine satanische Sekte hinter dem Treiben, denn die Opfer werden alle blutleer gefunden. Aber die Wahrheit ist eine andere, eine traurige, die Owens und Abbys Liebe vor eine Zerreißprobe stellt.

Adaption als Hommage

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Sieht so ein blutrünstiger Vampir aus? Abby (Chloe Moretz).

(Foto: Saeed Adyani)

"Let Me In" ist Matt Reeves‘ ("Cloverfield") Adaption des schwedischen Horrorfilms und Überraschungserfolgs "So finster die Nacht", nach dem gleichnamigen Bestseller von John Ajvide Lindqvist. Sowohl der schwedische Streifen als auch Reeves‘ "Hommage" sind mit Kritikerlob überschüttet worden. Für den Großmeister des Horrors, Stephen King, ist "Let Me In" nicht nur ein Horrorfilm, "es ist der beste US-Horrorfilm in den vergangenen 20 Jahren". Wer bin ich, Stephen King zu widersprechen?

Aber er hat auch recht: "Let Me In" ist mehr als nur ein simpler Horrorfilm. Zwar wird dem typisch vampirischen Treiben auch Aufmerksamkeit geschenkt, im Mittelpunkt des Films steht aber die sich entwickelnde Beziehung zwischen Owen und Abby - vom zart aufkeimenden Beginn bis zum bittersüßen Ende. So wie ihre Liebe zueinander wächst, wachsen die beiden Protagonisten auch selbst daran, werden erwachsener, reifer, selbstbewusster.

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Regisseur Matt Reeves schafft mit "Let Me In" einen der besten Horrorfilme der vergangenen Jahre.

(Foto: Saeed Adyani)

Neben den beiden grandiosen Jungschauspielern stimmt bei "Let Me In" auch die Atmosphäre: Düster, fast schwarz-weiß, wie die Denke der damaligen politisch-herrschenden Klasse. Die USA zu Beginn der 1980er Jahre sind kein Ort für eine glückliche Kindheit. Den letzten Schliff bekommt "Let Me In" noch durch das bedrückend-zauberhafte Musikarrangement von Michael Giacchino, bekannt etwa für die Titelmusik der TV-Serien "Lost" und "Fringe".

Wer sich abseits des "Twilight"-Hypes einmal einen Vampirfilm mit Tiefgang und richtigen Gefühlen anschauen will, kommt an "Let Me In" nicht vorbei.     

Quelle: n-tv.de

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