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Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) und Bernward Vesper (August Diehl) bei ihrer Verlobungsfeier
Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) und Bernward Vesper (August Diehl) bei ihrer Verlobungsfeier(Foto: © Markus Jans/zero one film)
Montag, 17. Oktober 2011

"Wer wenn nicht wir": Literatur, freie Liebe und Gewalt

Von Andrea Beu

Es gibt nicht wenige deutsche Filme über die "Rote Armee Fraktion" RAF - mehr oder weniger dokumentarisch, realistisch oder auch reißerisch. Das Thema scheint immer noch von großem Interesse zu sein, auch nach Jahrzehnten lässt es uns nicht los und wird filmisch immer wieder aufgegriffen.

"Wer wenn nicht wir" von Regisseur Andres Veiel nun – der sich mit dem Thema bereits 2001 mit "Black Box BRD" dokumentarisch befasst hatte - setzt in der Vorgeschichte des deutschen Terrorismus ein, viel früher also als die meisten anderen Filme zu dieser Thematik, nämlich schon 1961 – eigentlich noch eher, Ende der vierziger Jahre, in der Kindheit eines der Protagonisten.

Brave Blusen: Gudrun Ensslin (Mitte) mit ihrer Freundin Dörte (Vicky Krieps) bei einer Vorlesung in Tübingen.
Brave Blusen: Gudrun Ensslin (Mitte) mit ihrer Freundin Dörte (Vicky Krieps) bei einer Vorlesung in Tübingen.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

Wir werden mit dem strengen, vom Vater autoritär geführten Elternhaus von Bernward Vesper (August Diehl) im Jahr 1949 in den Film eingeführt – Will Vesper, einst ein gefeierter Nazi-Dichter, nun geächtet, aber immer noch mit repräsentativem Haushalt samt Hausmädchen und starren Regeln, erklärt seinem todtraurigen Sohn, warum er die Katze erschossen hat, erschießen musste: "Katzen gehören einfach nicht zu uns. Katzen sind die Juden unter den Tieren." Er erklärt es dem Jungen sogar recht liebevoll, aber mit dieser Szene sind die Fronten klar: wer die Regeln in der Familie aufstellt und wes Geistes Kind der Vater immer noch ist, ein Unbelehrbarer ohne Reue.

Zeitsprung, zwölf Jahre später: Bernward Vesper studiert in Tübingen, er besucht dort Vorlesungen des Gelehrten Walter Jens, will Schriftsteller werden wie sein Vater, der ihn auch dazu ermutigt: die Texte seines Sohnes kommentiert er mit "So habe ich auch mal angefangen. Du musst unbedingt weitermachen!" In Tübingen trifft Bernward an der Universität auf Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) und ihre Freundin Dörte. Erst kommen er und Dörte sich näher, dann auch er und Gudrun, daraus wird für kurze Zeit eine Dreiecksbeziehung, die Dörte aber bald verlässt. Zwischen Gudrun und Bernward beginnt eine extreme Liebesgeschichte, heftig, schmerzhaft, zerstörerisch, hin- und hergerissen zwischen der Idee der freien Liebe und der dennoch existenten, quälenden Eifersucht.

"Du kannst es doch besser machen!"

Pfarrershaushalt mit sieben Kindern: Mutter Ensslin (Susanne Lothar) mit ihrer Familie.
Pfarrershaushalt mit sieben Kindern: Mutter Ensslin (Susanne Lothar) mit ihrer Familie.

Gudrun kommt aus einem Pfarrershaushalt, sie hat sechs Geschwister und ist die einzige, die studieren darf. Auf ihr liegen also alle Hoffnungen und Erwartungen der Eltern, vor allem des Vaters. Der war zwar kein glühender Nazi wie Bernwards Vater, sondern ein Hitler-Gegner, aber nicht im aktiven Widerstand, was die Tochter ihm als Feigheit vorwirft. Seine Erwiderung: "Gudrun, du kannst es doch besser machen!"

Ihre intellektuelle Verbindung zu Bernward beruht auf der gemeinsamen Begeisterung für Literatur: Bernward will einen Verlag gründen – um "alte, verkannte Werke" (dazu zählt er auch die seines Vaters) und Neues herauszubringen. Ein Leben voller Widersprüche, die sich durch den ganzen Film ziehen: in ihrem Verlag "Studio Neue Literatur" bringen sie eine Anthologie gegen den Atomkrieg heraus, mit Beiträgen hochkarätiger Autoren wie Böll, Enzensberger, Fried, Hermlin und Seghers. Zugleich verlegen sie die völkischen Werke Will Vespers – er hatte Bernward dieses Versprechen auf dem Krankenbett abgerungen. Bernward verteidigt das mit den Worten, man müsse die Werke Will Vespers doch kennen, um sie kritisieren zu können. Eine Gratwanderung zwischen familiärer Bindung und dem Wunsch und Bewusstsein, an der Aufbruchstimmung der neuen Zeit teilzuhaben, es besser zu machen als die Väter-Generation.

Freie Liebe und Liebe zur Literatur: Gudrun Ensslin und Bernward Vesper.
Freie Liebe und Liebe zur Literatur: Gudrun Ensslin und Bernward Vesper.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

An ebenjenem Punkt entzündet sich wiederholt der Grundkonflikt zwischen Gudrun und Bernward. Der Drang, an den herrschenden Verhältnissen etwas zu ändern, ja etwas ändern zu MÜSSEN, wird immer stärker. Ihre Vorstellungen, WIE man das tun könnte, gehen jedoch immer weiter auseinander. Bernward, ein Mann der Worte, will den Weg über die Kunst, über die Literatur gehen, indem er gegen die bestehenden Verhältnisse anschreibt. Gudrun reicht das nicht – für sie ist das ein "Rückzug in bürgerliche Kategorien", man müsse die gesellschaftlichen Grundbedingungen ändern, dann verändere sich auch der Einzelne. Immer stärker wird bei ihr der Gedanke: "Etwas erkennen und trotzdem nichts tun – den Vorwurf will ich mir nicht machen lassen."

Zeiten des Aufruhrs

Es ist die Zeit der großen weltweiten Veränderungen, des Aufbruchs, des Aufbegehrens – gegen den Vietnamkrieg, gegen die Unterdrückung der Schwarzen in den USA, gegen alte Nazis in der neuen Bundesregierung. Bernward und Gudrun, die inzwischen geheiratet und in Berlin einen Neuanfang gewagt haben, sind dort mittendrin in den Studentenunruhen.

Aufregender Aufbruch: Fahrt zum neuen Leben in Berlin.
Aufregender Aufbruch: Fahrt zum neuen Leben in Berlin.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

Mitte der 60er hatten sie noch die Kanzlerkandidatur von Willy Brandt unterstützt und sich SPD-Wahlslogans ausgedacht. Als jedoch nach dem Auseinanderbrechen der CDU/FDP-Koalition 1966 die CDU mit der SPD eine große Koalition bildet und das ehemalige NSDAP-Mitglied Kiesinger Kanzler wird, wenden sich auch Gudrun und Bernward enttäuscht von der SPD ab und der außerparlamentarischen Opposition zu.

Sie begegnen dabei kämpferischen Politaktivisten wie Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann, die mit Aktionen wie einem symbolischen Bombenanschlag auf die Berliner Gedächtniskirche, bei dem es Flugblätter regnet, die dumpfe Masse aufrütteln wollen (was nicht gelingt). Das Bewusstsein wird stärker: wir müssen es anders machen, nicht mehr nur reden, sondern handeln. Wer, wenn nicht wir. Wann, wenn nicht jetzt.

Gudrun Ensslin mit Felix, dem gemeinsamen Sohn mit Bernward Vesper.
Gudrun Ensslin mit Felix, dem gemeinsamen Sohn mit Bernward Vesper.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

Als Gudrun schwanger wird und sie im Mai 1967 ihren Sohn Felix bekommen, nähern sie und Bernward sich noch mal einander an, doch mit der bald folgenden schicksalhaften Begegnung mit Andreas Baader nimmt ihre Geschichte eine radikale Wende. Baader, frisch aus dem Gefängnis entlassen, tritt viel konsequenter, bedingungsloser, auch selbstsicherer – geradezu großkotzig – auf als Bernward: "Ich komme gerade aus dem Knast, da faselt man nicht vom Widerstand, da gibt’s was auf die Fresse."

Radikaler mit vielen Facetten

Bernward Vesper erwischt Gudrun Ensslin und Andreas Baader (Alexander Fehling) im Bett.
Bernward Vesper erwischt Gudrun Ensslin und Andreas Baader (Alexander Fehling) im Bett.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

Seine radikale und auch schillernde Persönlichkeit fasziniert Gudrun. Neben seinem kämpferischen, radikalen Auftreten fährt er ein schickes Cabrio und hat auch einen Auftritt in einem Schwulen-Nachtclub – eine Facette von Baader, die bisher wenig bekannt war. Bernward (der selbst häufig fremdgeht), erwischt Gudrun und Andreas im Bett – was er für sich in Anspruch genommen hat, muss er bei ihr auch tolerieren, aber für ihn ist nun in dieser Konstellation kein Platz mehr, die Kleinfamilie zerbricht. Gudrun verlässt ihr Kind, um an der Seite von Andreas für eine bessere Welt zu kämpfen, im bewaffneten Untergrund.

Ensslin und Baader in seinem schicken roten Revoluzzer-Cabrio.
Ensslin und Baader in seinem schicken roten Revoluzzer-Cabrio.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

Baaders absoluter Anspruch, mit den bürgerlichen Konventionen und der Familie zu brechen, bereitet ihr anfangs Schwierigkeiten – aber, wie Regisseur Veiel meint: "Sie ist bereit, das Kind zu opfern für eine höherstehende Moral." Der Gedanke dahinter: "Ich bin verantwortlich für den Zustand dieser Welt, und wenn ich Kinder in diese Welt setze, dann muss ich als erstes dafür sorgen, dass diese Welt es wert ist, in ihr aufzuwachsen. Und das rechtfertigt es auch, das Kind zurückzulassen."

Bernward, allein mit dem Kind, finanziell am Ende, ist verzweifelt und verfällt den Drogen. Als Gudrun und Andreas nach dem Kaufhaus-Anschlag 1968 in Frankfurt am Main vor Gericht kommen, verteidigt Bernward als Zeuge sie dort leidenschaftlich – aber sie kommen nicht mehr zueinander. Der Rest ist (allseits bekannte) Geschichte.

Spannender Ansatz

Gudrun Ensslin mischt sich mit Nachdruck ein, als Bernward Vesper auf der Frankfurter Buchmesse interviewt wird.
Gudrun Ensslin mischt sich mit Nachdruck ein, als Bernward Vesper auf der Frankfurter Buchmesse interviewt wird.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

Die Entstehung der RAF anhand der Beziehung von Politaktivisten zu ihrer Elterngeneration aufzuziehen, das Ganze sozusagen von ganz vorne aufzurollen und schon viele Jahre vor dem ersten Zusammentreffen von Ensslin und Baader einzusetzen, um die Entwicklung der Motivation vom intellektuellen hin zum bewaffneten Kampf zu zeigen, ist ein spannender Ansatz. Der Film will auch zeigen, dass es nicht unbedingt immer so ist wie oft behauptet, dass "hier Kinder einen Aufstand gegen ihre faschistoiden Eltern machen, sondern dass sie etwas weiterführen" (Veiel).

Allerdings liegt dazu der Schwerpunkt doch zu stark auf der Beziehung Gudrun – Bernward. Und man merkt dem Film an, dass er ursprünglich fast drei Stunden lang war und dann auf gut zwei gekürzt wurde. Offenbar ist im letzten Teil viel der Schere zum Opfer gefallen. Viele Faktoren, die bei der Entstehung des bewaffneten Widerstands eine Rolle spielten, geraten in den Hintergrund. Vor allem in der zweite Hälfte geht vieles zu schnell, manche Wandlung ist nicht oder nur schwer nachzuvollziehen.

Andreas Baader - radikal, bedingungslos, kämpferisch.
Andreas Baader - radikal, bedingungslos, kämpferisch.(Foto: © Markus Jans/zero one film)

August Diehl als Bernward Vesper etwa hat nur wenige Filmszenen, um den Wandel vom kämpferischen Literaten und verlassenen Ehemann zum durchgeknallten Drogenabhängigen glaubhaft darzustellen – das kann in der Kürze kaum gelingen. Auch Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin agiert zwar in der ersten Hälfte eindrucksvoll, kann aber als RAF-Anführerin nicht überzeugen. Die größte Enttäuschung war für mich Alexander Fehling, der den Haudrauf Andreas Baader zu sehr spielt und nicht wirklich verkörpert. Dennoch ist "Wer wenn nicht wir" ein spannendes Doku-Drama, das hervorragend die Atmosphäre zeigt, in der der deutsche Terrorismus und die Haltung "Gewaltloser Widerstand bringt nichts" entstehen konnte.

Aktuelles Thema

Die Diskussion darüber: Wie weit darf man gehen, um etwas zu verändern? Ist der Einsatz von Gewalt ein legitimes Mittel, gegen Sachen, gegen Menschen?, hat derzeit wieder an Aktualität gewonnen. Bei den jüngsten Anschlägen auf Anlagen der Deutschen Bahn im Großraum Berlin wurden von Politik, Polizei und Bahn einige Male Parallelen zu den Anfängen der RAF gezogen – hat es damals nicht genau so angefangen? Mit Gewalt gegen Dinge, bevor es Gewalt gegen Menschen wurde?

Unabhängig davon, ob aus den derzeitige Ereignissen tatsächlich eine Atmosphäre des Terrors entsteht, ob die Proteste gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan oder die Bankenkrise friedlich oder gewaltsam verlaufen - je nach politischer Einstellung sind die RAFler Terroristen, Helden oder auch Vorbilder. "Wer wenn nicht wir" zeigt in Ansätzen, wie sie dazu wurden.

"Wer wenn nicht wir" hat von der Deutschen Film- und Medienbewertung das Prädikat "Besonders wertvoll" erhalten und wurde beim diesjährigen Deutschen Filmpreis mit der bronzenen "Lola" in der Kategorie "Bester Spielfilm" ausgezeichnet.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de