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"In guten Händen" mit Maggie Gyllenhaal Mit Vibrator gegen Hysterie

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Eine wahrlich elektrisierende Erfindung: der Vibrator.

Die eine verzweifelt am Haushalt, die andere hegt trotz Witwentums noch Lustgefühle, die Dritte macht das Wetter so traurig, dass sie nicht mehr singen kann. Die Diagnose ist im viktorianischen England immer gleich: Hysterie. Das Heilmittel: intime Stimulation. "In guten Händen" erzählt mit britischem Humor von einer der außergewöhnlichsten Erfindungen überhaupt.

London 1880: Der junge Arzt Mortimer Granville (Hugh Dancy) verzweifelt an seinem Beruf. Neueste Erkenntnisse in Sachen Keime werden ignoriert, statt mit gewaschenen Händen und sauberen Verbänden werden die Patienten mit Blutegeln und Wunderpillen behandelt. Da überrascht es nicht, dass sich die Hospitäler meist neben den Leichenschauhäusern befinden. Nachdem Granville wieder einmal gekündigt wird, weil er gegen die Vorschriften verstoßen hat, beschließt er, den Kampf aufzugeben und seinen Lebensunterhalt fortan bequem in einer Privatpraxis zu verdienen.

Er landet bei Dr. Robert Dalrymple (Jonathan Pryce), der sich einem ganz bestimmten Themengebiet verschrieben hat: Den Frauen, genauer gesagt, der Hysterie, die die Damen der viktorianischen Gesellschaft geradezu "epidemisch" zu befallen scheint. Gegen die "Plage unserer Zeit", die der Hyperaktivität des Uterus zugeschrieben wird, geht Dalrymple aber nicht mit Wechselbädern, Reiten im Herrensitz oder gar Zwangseinweisung und Operation vor, er hat eine neue Methode entwickelt: Der sensibelste weibliche Körperteil wird mit gut geölten Fingern in langsamen Kreisbewegungen massiert - und schließlich wird der hysterische Anfall, inklusive Kurzatmigkeit, Rötung der Haut und Flattern der Augenlider herbeigeführt und der "Krampf" löst sich. Einfach ist das nicht, so manche Behandlungsdauer überschreitet die volle Stunde.

"Mühsame und anstrengende Arbeit"

Fasziniert steigt Mortimer in die Praxis ein und hat bald einen durchschlagenden Erfolg bei den Patientinnen. Dass Dalrymples rebellische Tochter Charlotte, die sich hingebungsvoll um die Armen und Vergessenen in den Arbeitervierteln kümmert, ihm vorwirft, sein Talent mit dieser trivialen Arbeit zu verschwenden, kann Mortimer nicht stoppen.

03HYPressesatz.jpgDoch die mühsame und anstrengende Tätigkeit fordert ihren Tribut: Eine Art "Tennishand", eine hartnäckige Sehnenscheidenentzündung, droht die Zukunft des jungen Arztes zu zerstören. Nicht nur die medizinische Laufbahn, sondern auch die Aussicht auf die Übernahme der Praxis und die Hand der jüngeren Tochter Dalrymples, der reizenden Emily.

Per Zufall löst ein Besuch bei seinem alten Freund und Wissenschaftler Edmund St. John-Smythe (kaum wiederzuerkennen: Rupert Everett) all seine Probleme auf einen Schlag. Der wohlhabende Edmund verbringt seine Tage damit, sich allerlei technisches Gerät auszudenken, die jüngst entdeckte Elektrizität macht es möglich. Doch vielleicht lässt der elektrische Staubwedel sich woanders besser einsetzen als im Haushalt?

Die zufällige Erfindung des Rubbel-Knubbels, Giggli-Wiggli, Jolly-Molly oder schlicht Vibrators wird zum Erfolg. Handschonend erweist Mortimer fortan nicht nur seinen hysterischen Patientinnen, sondern auch der sexuellen Befreiung der Frau im Allgemeinen einen großen Dienst. Inmitten des unverhofften Reichtums erkennt der junge Arzt aber auch, worauf es ihm wirklich ankommt im Beruf und im Leben. Und das es die nervtötende, aber liebenswerte Charlotte ist, die bei ihm die Funken sprühen lässt.

Wahre Begebenheit, romantisch verpackt

"Nach wahren Begebenheiten. Wirklich." So fängt der Film über die ungewöhnliche Erfindungsgeschichte des Vibrators an und sagt damit die Wahrheit. Fast zumindest. So wurde das elektrische Gerät tatsächlich vom Briten Joseph Mortimer Granville erfunden, allerdings sollte "Granville's Hammer" der Muskelentspannung dienen. Dass das Gerät aber durch die Behandlung der "weiblichen Hysterie" durch sogenannte "Perkussion" zum Verkaufsschlager wurde, war ganz und gar nicht im Sinne des Erfinders, im Gegenteil: "Ich habe bislang keine weiblichen Patienten perkussiert und werde das auch in Zukunft nicht tun, einfach weil ich mich weder durch die unklaren Gestaltungen hysterischer Zustände noch die charakteristischen Erscheinungsformen der Hypochondrie täuschen lassen", ließ Granville die Öffentlichkeit wissen.

07HYPressesatz.jpg"Ich fürchte, das werde ich bis zum Ende meiner Tage bereuen", seufzt die Filmfigur Granville alias Hugh Dancy und spricht damit wohl den Satz aus, der der historischen Figur am nächsten kommt. Denn die Komödie leistet sich zugunsten der flotten Dialoge und amüsanten Verwicklungen so einige geschichtliche Ungenauigkeiten. So verliebt sich der Erfinder des Vibrators ausgerechnet in eine Vorläuferin der Suffragetten, eine emanzipierte Frauenrechtlerin, die sich für das Wahlrecht der Frauen einsetzt.

(Zu) moderne Zeiten

Maggie Gyllenhaal spielt Charlotte Dalrymple ohne Zweifel mit Schwung, ihre Charlotte ist frech, witzig, durchsetzungsfähig und hat Herz. Und sie ist modern. So modern, dass man sich fragt, ob eine Frau Anno 1880 wirklich schon für die sexuelle Selbstbestimmung eingetreten ist und Hysterie glasklar als Sammeldiagnose für unbefriedigte Frauen, deren Männer sie nicht genügend lieben, einordnen konnte. Vor allem in diesem Vokabular. Und in schwarzen, schulterfreien Korsagekleidern, die eher einer neuen Lagerfeld-Kollektion als einem historischen Kostüm ähneln. Auch bei Mortimer, der die "1880er" selbstbewusst als "Höhepunkt der medizinischen Revolution" bezeichnet, kommt man ins Grübeln, ob das ein junger viktorianischer Arzt, dem die verhängnisvolle Auswirkungen von Keimen wahrscheinlich nur ungefähr klar waren, so formuliert hätte.

Das Thema bietet sich jedoch ohne Zweifel für den trockenen britischem Humor an. Im 19. Jahrhundert wurde davon ausgegangen, dass Frauen frei von jeglicher Form sexuellen Begehrens sind, entsprechend unbeeindruckt kann auch Jonathan Pryce als Dr. Robert Dalrymple über die weiblichen "Anfälle" hinweggehen und sie als Therapieerfolg verbuchen – mit Sex oder Orgasmen hatte das für das Verständnis der Männer aus dem viktorianischen England nichts zu tun.

PackshotIGHDVD2DFSK.jpgSo witzig sich etwa die mit Messing und rotem Plüsch behangenen Untersuchungsstühle jedoch ausnehmen, hätte man der US-amerikanischen Regisseurin Tanya Wexler hier und da etwas mehr Mut gewünscht, das Thema "Hysterie", das für Generationen von Frauen stigmatisierend war, noch kritischer anzugehen - das wäre durchaus auch mit noch mehr Ironie gelungen. So erfährt man erst im Nachspann, dass erst im Jahr 1952 weibliche Hysterie nicht länger als Krankheit, sondern als Mythos angesehen wurde. Die einzige Möglichkeit, die Frauen oft blieb, aus ihrem von Männern eingeschränkten Dasein als Hausfrau und Mutter auszubrechen. Insgesamt ist Wexler aber eine Komödie gelungen, die trotz des pikanten Themas nie schlüpfrig oder plump daherkommt.

Eine Warnung noch für Rupert-Everett-Fans: Auch wenn man eine Weile braucht, um ihn zu erkennen, er spielt tatsächlich Lord Edmund St. John-Smythe, und zwar mit einer geradezu Oscar-Wilde-reifen Ironie. Dennoch fragt man sich bei seinem Anblick, wer um Gottes Willen eigentlich der Erfinder der Schönheitschirurgie war.

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Quelle: n-tv.de