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"Deutscher Rap ist furchtbar" Samy Deluxe spricht Klartext

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Gebranntes Kind? Samy Deluxe.

(Foto: David Königsmann / EMI Music)

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper - und einer der umstrittensten. Denn: Auf Konventionen pfeift Samy Deluxe. Mit dem Album "SchwarzWeiss" meldet sich der 33-Jährige gewohnt wortgewaltig zurück. Und auch im n-tv.de Interview redet er Tacheles.

n-tv.de: Weniger politische Texte, weniger Gesang, rohe Beats, harter Rap: Bei deinem Album "SchwarzWeiss" hat man das Gefühl, ein gebranntes Kind kehrt nach Hause zurück.

Samy Deluxe: Hast du? Okay.

Aus zwei Gründen. Zum einen musikalisch: Du hast viel ausprobiert, vor allem auf deinem Vorgänger-Album "Dis wo ich herkomm" sind viele Reggae-, Funk- und Dancehall-Einflüsse zu hören. Du rapst dort oft melodischer oder singst sogar. Die Kritik aus Teilen der Rap-Szene daran war ziemlich deutlich. Von einigen wurde dir abgesprochen, noch ein Vertreter des deutschen Hiphop zu sein. Wolltest du denen jetzt beweisen, dass du immer noch Rapper bist?

Also die Kritik an meinem letzten Album, wo Journalisten im Netz recherchieren können, was jemand wo gesagt hat - das ist etwas, was ich persönlich nicht mache. Die Resonanz, die ich bekommen habe, war durchweg positiv. Außerdem war das Projekt als solches so wichtig für mich, dass es ab dem Moment, wo es fertig wurde, schon ein Erfolg war. Denn es war wichtig für mich zu wissen, dass ich diesen Schritt machen kann: Rapmusik ist zwar weiterhin die Grundlage meiner Existenz, aber ich muss mich nicht diesen Dogmen beugen, die ich mir selbst, die Hiphop-Szene oder irgendwer sonst mir über das Jahrzehnt davor auferlegt hat. Ich war an einem Punkt angekommen, wo ich gesagt habe: Selbst wenn nur noch hundert Leute zu meiner Show kommen, aber die sind cool, dann bin ich auch cool. Und dann waren die Shows aber so voll wie immer, und das Album hat sich besser verkauft als alle davor.

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Der Rapper engagiert sich neben der Musik auch sozial.

(Foto: David Königsmann / EMI Music)

Wobei mir natürlich klar war, dass solche Kritik kommen würde. Ich bin ja selbst so. Wenn jetzt Nas oder Jay-Z anfangen würden zu singen, egal wie gut sie das machen würden, würde ich es auch kategorisch ablehnen. Aber das war Teil des Prozesses, und ich habe gemerkt, dass das, was ich inhaltlich und musikalisch präsentiert habe, dazu geführt hat, dass sich viel mehr Leute auf eine andere Art mit mir identifizieren konnten. Weil einfach da anzuknüpfen, wo es viele Leute von mir erwarten - in den guten alten Hiphop-Zeiten, das war zu dem Zeitpunkt nicht möglich, weil ich es nicht so gefühlt habe. Und auf dem neuen Album jetzt fließen für mich noch genauso viele Musikstile und Inspirationsquellen ein. Aber alles eben eher durch ein Hiphop-Spektrum gepresst.

Das heißt, das Album davor war ein Experimentierfeld für dich?

Musik machen ist eh immer experimentieren. Wenn du mit 20 weißt, wie dein Album mit 30 klingt, sollte man den Beruf nicht machen. Ich habe noch keine Ahnung, wie mein nächstes Album klingen wird. Das war auch bei der Produktion von "SchwarzWeiss" so. Ich hätte mich, glaube ich, zwischen drei Alben entscheiden können. Deshalb nenne ich es für mich auch das vierte SchwarzWeiss-Album, weil ich vorher schon dreimal an dem Punkt war, wo ich dachte, das Album ist fertig, aber jedes Mal mindestens die Hälfte der Songs wieder durch neue ersetzt wurde. Ein Kern von vier oder fünf Songs ist jetzt drauf, die wirklich von Anfang eine Rolle spielten.

Welche Lieder sind das, die du als erstes hattest?

Dazu gehört "Eines Tages", das ich in der Endphase der "Dis wo ich herkomm"-Produktion auf der Gitarre komponiert hatte, dann aber nicht mehr für so notwendig empfand, weil ich schon andere Stücke in ähnlicher Richtung hatte. "Straßenmusik" ist auch einer der ersten Songs, oder "Wer wird Millionär". Aber ganz oft hat sich während der Produktion die Fahrtrichtung geändert. Es gab immer mehr Momente, in denen ich einfach mit Freestylen Lust hatte, Musik zu machen. Einfach ohne viel Kopf reinzustecken. "Hebt die Hände hoch" ist so ein Freestyle-Moment gewesen, wo ich gemerkt habe: Ah, das mit dem Beat und der Hook hat so eine Kraft. Aber das ist natürlich nichts, wo ich auf den Text besonders stolz bin oder mich jemals hingesetzt und den aufgeschrieben hätte. Das sind eben auch Sachen, die entstehen und eine Seite von mir auf den Punkt bringen.

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Samy Deluxe sieht sich selbst nicht als politischen Menschen.

(Foto: David Königsmann / EMI Music)

"Samy ist zurück auf seinem Hiphop-Film" rapst du in "Hände hoch". Du hast viel gemacht in den vergangenen Jahren, warst Buchautor, Fernsehmoderator, Talkshow-Gast und hast Projekte mit Jugendlichen organisiert. Hattest du das Gefühl, zu weit vom Hiphop entfernt zu sein?

Nein, bei mir entwickeln sich die Dinge nicht so theoretisch. Mein Leben ändert sich einfach immer, und dadurch ändert sich meine Musik. Beim letzten Album war das Inhaltliche für mich einfach extrem wichtig. Ich habe meinen Verein Crossover für Jugendliche aufgebaut (Ziel ist eine bessere Integration, Anm. d. Red.), war viel mit Jugendlichen unterwegs, mit meinem Sohn. Ich war mehr in einer Vorbildrolle als als einfacher Musiker unterwegs. Das hat dann eindeutig meine Musik auch reflektiert. Und jetzt war ich einfach ein Jahr lang allein im Studio. Mein Sohn wohnt jetzt 8000 Kilometer weit weg in den USA mit seiner Mutter. Ich muss zwölf Stunden fliegen, um ihn zu sehen. Das bekomme ich natürlich auch nur alle paar Monate hin.

Eigentlich ist ja auch schizophren, was Rap-Puristen betreiben. Schließlich lebt Hiphop ja schon immer davon, alle möglichen Musikstile durch den Fleischwolf zu drehen und zu sampeln. Aber sobald jemand sich zu weit vom Rap entfernt, fällt die Szene über ihn her. Nimm das Beispiel Casper. Ist dieses Rap-Puristentum etwas typisch Deutsches?

Ich habe über Casper eigentlich nur gute Sachen gehört, so wie über mich auch. Wenn er oder ich unsere Zeit damit verbringen würden, den wenigen dummen Leuten, die das nötig haben, zuzuhören, wäre das Verschwendung. Wenn ich etwas über Leute in der Öffentlichkeit sage, dann es ist es etwas Positives. Wenn Du mich jetzt fragst, wie ich "Blablabla" finde, und ich habe nichts Positives über den zu sagen, sage ich nur: keine Ahnung. Ich suche einfach nicht nach dem Negativen, deshalb finde auch extrem wenig davon.

Meine Fragen zielen die ganze Zeit in diese Richtung, weil ich den Eindruck habe, dass sich der deutsche Hiphop in den vergangenen Jahren sehr verengt hat ...

... das auf jeden Fall, da gebe ich dir recht ...

... und zwar musikalisch wie textlich.

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"Musik machen ist immer experimentieren."

(Foto: David Königsmann / EMI Music)

Andererseits gab es schon immer Dogmen. Früher warst du zum Beispiel uncool, wenn du als Rapper nicht noch einen Breaker auf der Bühne hattest. Das war dann nicht genug Hiphop. In den letzten Jahren war es dann dieses Street-Rap-Ding: Wenn du nicht irgendwann mal etwas Kriminelles gemacht hast oder aus einem sozialen Brennpunkt kommst, hast du keine Berechtigung, zu rappen. Es gibt immer Dogmen. Doch die werden meistens nicht von den Leuten in der Szene aufgestellt, die ganz vorne mit dabei sind.

Trotzdem sagst du auf deinem Album, dass deutscher Rap in den Müll gehört. Auch wenn es als Battle-Rap gemeint sein mag: Was stört dich am deutschen Hiphop des Jahres 2011?

Dabei geht es wirklich nur um die Kunstform. Das können Leute, die vielleicht nicht so in der Rap-Szene drin sind, schwer verstehen: Warum redet der die ganze Zeit so schlecht über andere? Das gehört eben dazu, so wie bei Liebesliedern immer wieder bestimmte Sinnbilder vorkommen. Wenn ich ein Soul-Sänger wäre und meine Zeile würde heißen: "Ich finde Dich so schön wie den Mond", würdest du ja auch nicht fragen: "Hey, ist ja ein merkwürdiges Sinnbild. Warum der Mond und nicht die Sonne?" Deutscher Rap gehört in den Müll, weil ich es sage. Abgesehen davon höre ich deutschen Rap nicht. Ich finde es furchtbar, das ist die schlimmste Musik, außer vielleicht deutscher Schlagermusik, die noch schlimmer ist. Also, deutscher Rap von dem Grundklischee her, was er in den letzten Jahren ausgesagt hat und wofür er steht. Da ist so wenig gute Musikalität drin und so wenige gute Stimmen. Das war mal für mich ein Hauptkriterium, dass ein Rapper eine gute Stimme haben muss.

Außerdem liebe ich Ami-Rapper, die mit tausenden anderen Rappern zu tun haben, und einfach sagen, dass Rap scheiße ist. Das kann man einfach behaupten, das ist heute alles ein kommerzielles Ding. Ich kann mich da als Protagonist, der davon lebt, natürlich selbst nicht beschweren. Aber natürlich waren die geilsten Zeiten die, als wir Rapper das exklusiv im kleinen Kreis mit ein paar hundert Leuten hatten. Heutzutage ist alles Großraumdissen-Niveau und die Leute tanzen nur zu dem Kram, den sie schon per Video gesehen haben. Die Welt ist ganz anders, aber gewisse Grundästhetiken einer Kunstform müssen erhalten bleiben.

Wie hat sich das bei dir verändert?

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Irgendwann will er auswandern - "auf jeden Fall".

(Foto: David Königsmann / EMI Music)

Zu den Zeiten, wo mein erstes Album rauskam, war Big Al mein Lieblingsrapper. Und zu den Zeiten, als ich "SchwarzWeiss" geschrieben habe, waren meine Lieblingsrapper J. Cole, Slaughterhouse und Eminem. Ich bin eben von verschiedenen Sachen beeinflusst. So ist "Vater im Himmel" dadurch geprägt, dass Rapper wie Jay-Z oder Nas es schon geschafft haben, über so tiefgründige oder emotionale Themen aus ihrem Leben Songs zu schreiben. Und Slaughterhouse und J. Cole sind einfach mal wieder Rapper, denen es um einen guten Reim, um Punch-Lines und Wortspiele geht. Es war cool, zu hören, dass es einem auch noch darum gehen kann. Das hat auch mich beeinflusst. Die Jahre davor habe ich einfach mehr langsamen Rap gehört.

Auch wenn du keine Lust auf Negatives hast: Ich möchte zum zweiten Grund kommen, warum ich das Gefühl habe, du seist ein gebranntes Kind. Auf "Dis wo ich herkomm" warst du sehr politisch und hast dich mit den sozialen Verhältnissen in Deutschland auseinandergesetzt. Für die gleichnamige Single wurdest du allerdings auch als politisch naiv und dumm, ja sogar nationalistisch kritisiert, weil du dort rapst: "Und wir haben kein' Nationalstolz, und das alles bloß wegen Adolf - ja toll, schöne Scheiße, der Typ war doch eigentlich Österreicher." Lässt dich die Kritik wirklich kalt - oder bist du deshalb auf "SchwarzWeiss" wieder weniger politisch?

Das zeigt, wie Medien heute funktionieren. Wenn am Anfang deiner Kampagne für das neue Album sich ein Typ hinstellt und sich jeder darauf bezieht, erzeugt es das Bild, als hätten mich tausend Leute kritisiert. In Wirklichkeit war es nur ein Typ, den ich auch noch versucht habe, für ein Internet-TV-Format für eine Diskussion zu gewinnen. Aber das wollte er nicht.

Würdest du dich denn selbst als politischen Rapper bezeichnen?

Ich weiß gar nicht, was das ist. Ich bin zumindest kein politischer Mensch, ich war noch nie wählen. Ich habe keine Ahnung, wie irgendjemand heißt, außer Angela Merkel. 

Du setzt dich ja aber sehr intensiv mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinander.

Auseinandersetzen heißt ja meist, einfach nur schlaue Worte in irgendwelchen Talkshows zu verlieren und sich dann besser zu fühlen. Aber ich mache einfach meine Musik, und vielleicht kann ich Leuten dabei Denkanstöße geben. Und ich gehe mit meinem Verein Crossover sehr regelmäßig in Schulen. Ich bin einfach jemand, der sich vielleicht mehr Gedanken macht als andere. Aber ich will einfach nicht diese Labels.

Mich würde trotzdem interessieren, wie deine Zustandsbeschreibung für Deutschland im Jahr 2011 aussieht.

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Das Album "SchwarzWeiss" ist seit 29. Juli 2011 im Handel.

(Foto: EMI Music)

(lacht) Das kann ich auf keinen Fall. Was ich aber sagen kann: Durch das "Dis wo ich herkomm"-Projekt, und zwar die positive und die negative Resonanz, habe ich gemerkt, dass sich dieses Land so sehr mit Begrifflichkeiten auseinandersetzt, das am Ende das Thema gar nichts mehr zählt. Du und ich könnten der gleichen politischen Meinung sein, dann sage ich einmal Hitler, und du könntest gleich schreiben, dass ich ein Nazi bin. Das und die vielen Projekte wie mein Verein und mein Buch "Dis wo ich herkomm" haben dazu geführt, dass ich Ende 2009 in Interviews das Gefühl hatte, als wäre ich der hippe neue Sozialarbeiter, als wäre ich gar nicht mehr Rapper. In der 17. Frage ging es dann mal um Musik.

Außerdem habe ich gemerkt, dass gute Ansätze schnell zerstört oder nicht gehört werden. Ich habe ein Buch, ein Album und ein TV-Format gemacht, um zu zeigen, Deutschland könnte doch ganz cool sein, wenn wir uns damit auseinandersetzen. Und dieser Sarrazin schreibt ein Buch, und alle haben sich darauf gestürzt. Deutschland hat nur durch die Aussage von einer einzigen Person direkt Rückschritte gemacht. Alle sind wieder paranoid und schicken ihre Kinder lieber nicht auf Schulen mit zu hohem Ausländeranteil, weil sonst die dummen Gene auf ihre Kinder überspringen könnten. Es ist einfach krass, wie eh keiner will, dass etwas besser wird. So wie ich in "Keine wahre Geschichte" erzähle, dass ihr eh alle lieber euer Massaker hören wollt. Ihr werdet euer Massaker schon kriegen. Aber nicht von mir, denn ich werde auf jeden Fall irgendwann auswandern. Auf keinen Fall lasse ich mir mein Leben von diesem Land kaputt machen oder davon, dass alle anderen frustriert sein wollen.

Mit Samy Deluxe sprach Till Schwarze

"SchwarzWeiss" von Samy Deluxe im n-tv Shop bestellen

Samy Deluxe ist im August, Oktober und November 2011 auf Tour: Hamburg (15.8.), Aschaffenburg (19.8.), Bremen (21.8.), Bielefeld (27.10.), Köln (28.10.), Stuttgart (31.10.), München (3.11.), Erlangen (6.11.), Leipzig (8.11.), Berlin (9.11.), Kiel (10.11.), Münster (11.11.)

Quelle: n-tv.de

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