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Die gefesselte Sigrun Karrenbrock (Constanze Weinig) ahnt, dass sie sterben wird.
Die gefesselte Sigrun Karrenbrock (Constanze Weinig) ahnt, dass sie sterben wird.(Foto: dpa)
Montag, 10. Oktober 2011

Tatort: "Das erste Opfer": Spannend - und trotzdem blutleer

von Nora Warrach

Zum Gruseln war es. Zwei Morde, aus Rache. Und das nächste Opfer hat seine Warnung bereits erhalten. Doch dem Tatort aus Stuttgart ging irgendwann die Luft aus.

Und die Moral von der Geschicht? Vertusche deine Taten nicht. Ja, ja, am Ende kommt dann doch immer alles raus. Egal wie lange die Tat schon her sein mag und niemand je drüber gesprochen hat, nach 15 Jahren werden die drei Fahrerflüchtigen dann doch mehr oder weniger rechtens geschnappt: Einer rechtens durch die Kommissare, die anderen beiden durch Selbstjustiz gemeuchelt.

"Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast", den US-Horrorfilm aus den 90ern, spiegelte der gestrige Stuttgarter Tatort in düsterer und erwachsener Version wider. Erst wird ein Mann in seinem Baucontainer durch eine Radladerschaufel zur Strecke gebracht, wenig später eine Frau bei Bewusstsein mehrmals auf einem Feldweg von einem Geländewagen überrollt. Brutal und finster. Man sieht den Mörder in schwarzer Montur, mit tief ins Gesicht gezogener großer Kapuze, als er auf die Opfer losgeht, kalt und ohne Gnade, eine Szene, die an den Hollywood-Teenie-Streifen erinnert.

Spannend sind sie, die Mordszenen in Stuttgart, rauben dem Zuschauer kurz den Atem. Natürlich hängen die Morde zusammen, denn an beiden Tatorten entdecken die Ermittler das Foto einer jungen Frau. Und so halten Lannert und Bootz, das freundschaftliche und vor allem verständnisvolle Team – "Du weißt doch, mein Babysitter kann nur bis sieben." – in Stuttgart, die zahlreichen Tatverdächtigen auf Trab. Oder auch andersrum, denn die Aussagen – "Haben Sie diese Frau schon einmal gesehen?", "Kennen Sie eine Sigrun Karrenbrock?" – der Tatverdächtigen sind natürlich erlogen. Dem einen oder anderen mag es aufgefallen sein, dass der sportliche Liebhaber der Witwe des Gemeuchelten Heiko Westermann heißt, genau wie der derzeitige HSV-Spieler, den Kommissaren ist das jedenfalls egal.

30kt0204.jpg5258412844994372055.jpgAls sich die Zusammenhänge zwischen den Mordopfern und Joswig, der letztlich das dritte Opfer werden könnte, nach und nach lichten, haben wir eine kleine feine Parallele zu "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast": Nur dass diese Tat 15 Jahre zurückliegt, als die beiden Opfer und Joswig einen Unfall mit Fahrerflucht verursachten, bei dem eine junge Frau ums Leben kam. Genau, die Dame auf dem Foto. Und der Ex-Freund des damaligen Unfallopfers rächt sich nun auf brutale Weise an den drei Tätern, was Lannert und Bootz durch ihre Ermittlungen im letzten Drittel des Tatorts aufdecken. Wobei Joswig am Ende dann doch nicht dran glauben muss. Glück gehabt.

Stellenweise wirkte der Tatort inszeniert, wenig realistisch und ziemlich ernst, die zwei kurzen Mordszenen bildeten die einzig spannenden Minuten. Lannert und Bootz ermittelten etwas lahm, so dass der gern gesehene Kommissarenpepp fehlte, wie man ihn beispielsweise von den Münsteranern oder Kölnern kennt, bei denen es auch zwischen den Ermittlern privat oder beruflich mal kracht und auf jeden Fall immer einige Lacher garantiert.

Zu viel gewollt

Der Versuch, dem Ganzen am Randplot dann doch eine Spur Humor zu verleihen, wie der zufällige Zusammenstoß inklusive Funkenübertragung zwischen Nika aus dem Ermittlerteam und Rico, neu auf dem Revier, wirken eher lächerlich. Und dann hat man auch noch so eine Vorahnung, dass dieser Neue irgendwie in die Taten verwickelt sein könnte. Denn wer sitzt da wohl zwischen den Akten, als Bootz die damalige Unfallakte aus dem verstaubten Archiv holt? Achja, und natürlich heißt Rico am Ende gar nicht Rico, sondern H. und ist der Täter. Leider kamen insgesamt zu viele Tatverdächtige auf den Tisch, so dass man mit diversen Kurzcharakteren konfrontiert wurde, aber keine Zeit hatte, jedwede Empathie oder Antipathie zu entwickeln. Außer für Joswig vielleicht.

Alles in allem also eine leider etwas schwache Erstausstrahlung, in den Nebenrollen sowie im Plot, und trotz der kurzzeitigen Spannung eher ein langweiliger, na gut, sagen wir mittelmäßiger, Stuttgarter Tatort. Und war das ein Versuch, am Rande eine Debatte über Datenschutz im Zuge der Digitalisierung aufzubringen? Wenn ja, war das leider genauso unauffällig auffällig wie Heiko Westermann.

Quelle: n-tv.de