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Auf neuer Mission: Polarkreis 18.
Auf neuer Mission: Polarkreis 18.(Foto: Jenny Schäfer/Universal)
Freitag, 26. November 2010

"Allein, allein"? Nein, "Frei"!: Winterreise am Polarkreis 18

Mit "Allein, allein" landeten Polarkreis 18 einen Megahit: 40 Wochen hielt sich der Song in den Charts. Nun melden sich die Dresdner mit ihrem neuen Album "Frei" zurück - ein Konzeptalbum, inspiriert vom romantischen Liederzyklus "Winterreise" des Komponisten Franz Schubert. n-tv.de ging mit Sänger Felix Räuber und Pianist Ludwig Bauer im Interview auf Schlittenfahrt.

n-tv.de: Euer neues Album heißt "Frei". Nur vier Buchstaben - und trotzdem ein großes Wort. Warum also "Frei"?

Ludwig Bauer: Was du eben gesagt hast, ist schon ein Teil des Grundes. Wir sind genau auf der Suche nach derart großen Begriffen, die erst mal eine sehr plakative Wirkung haben und wie in Stein gemeißelt dastehen, beim näheren Hinschauen aber viele Ebenen aufmachen und paradoxe Züge in sich tragen. Der Freiheitsbegriff, der quasi seit Anbeginn der Menschheit eine Rolle spielt, ist genau so ein Begriff.

Felix Räuber: Genau wegen dieser extremen Mehrdeutigkeit ist das Wort "Frei" für das Album spannend. Jeder Mensch definiert das für sich komplett eigenständig. Und auch wir haben unsere persönliche Definition davon auf dem Album gewagt.

Und wie sieht diese persönliche Definition aus?

Felix: Nicht nur das Album heißt "Frei", sondern ja auch der erste Song darauf. In ihm thematisieren wir die Zwänge und abstrakten Entscheidungsformen, die mit dem Freiheitsbegriff einhergehen. Eigentlich beschreiben wir damit das Gegenteil von Freiheit - um letzten Endes festzustellen, dass man die wahre Freiheit nur in sich selbst finden kann.

Das Album als Ganzes ist indes als Konzeptalbum angelegt - angelehnt an die "Winterreise" von Franz Schubert. Was hat euch inspiriert?

Felix: Uns inspirieren eigentlich prinzipiell eher romantische Themen - Bilder und Motive, die verklärt sind, die etwas Sehnsüchtiges oder Melancholisches haben, die Fern- und Heimweh in sich tragen. Dass das für uns so wichtig ist, ist uns erst so richtig klar geworden, als wir dieses Album angegangen sind.

Die neue Single von Polarkreis 18 ist "Unendliche Sinfonie".
Die neue Single von Polarkreis 18 ist "Unendliche Sinfonie".(Foto: Jenny Schäfer/Universal)

Und wie seid ihr konkret auf Schuberts "Winterreise" gekommen?

Felix: Das geschah eher intuitiv. Wir hatten uns nicht vorgenommen, eine moderne Interpretation zu schreiben. Vielmehr haben wir nach einer imaginären Wäscheleine gesucht, an die wir unsere Lieder hängen und mit der wir das Ganze strukturieren können. Da kamen wir darauf, einen Protagonisten einzusetzen, der das Album durchlebt, auf dem die wichtigsten Stationen eines ganz normalen Lebens einmal durchgegangen werden - so etwa Geburt, Verlust, unerfüllte Liebe und Tod. Irgendwann sagte uns unser Produzent Sven Helbig, dass das ja eine Art moderne Winterreise sei. Daraufhin sind wir das Ganze noch etwas fokussierter angegangen. Aber man hört auf der Platte nun keine Schubert-Zitate in dem Sinne. Es geht lediglich um einen imaginären inhaltlichen Rahmen.

Nicht nur das Album verfolgt ein Konzept, sondern auch ihr als Band. Ihr nennt euch "Polarkreis 18", euer letztes Album hieß "The Colour of Snow" und jetzt die "Winterreise". Was ist so schön am Winter?

Ludwig: Nun ja, der Winter weist ja auch diese gewisse Paradoxie auf. Auf der einen Seite scheint es zwar so, dass die Natur draußen in einen todesähnlichen Schlaf übergeht, auf der anderen ist das aber doch auch eine sehr schöne Jahreszeit …

Felix: Und es gibt dieses Paradox, dass man sich im Winter so auf den Sommer freut. Ich glaube, das genau macht den Winter aus: Die Sehnsucht nach etwas Anderem, nach einer besseren Welt sozusagen. Das ist eben genau dieses romantisch Verklärte, das uns so reizt.

Ist das als Konzept nicht irgendwann ausgereizt?

Felix: Ja, aber mittlerweile ist das ja gar nicht mehr so unser Konzept. Bei der "Winterreise" geht es in erster Linie auch nicht um den Winter, sondern eher um die Sinnsuche eines Wanderers. Und unsere Platte heißt auch nicht "Winterreise", sondern "Frei", weil sie eben eigentlich etwas sehr Starkes, Aufbrechendes, Kraftvolles und Frühlingshaftes in sich trägt.

Ihr seid ja meistens auch weiß gekleidet …

Felix:  Ja, auch das assoziieren viele bei uns immer mit dem Winter. Wir verbinden das aber gar nicht zwingend damit, sondern eher mit Eleganz, Klarheit und Mehrdeutigkeit. Auf Weiß kann man einfach wirklich jede Farbe legen, die man will: Hält man etwa eine rote Lampe davor, ist man rot, bei einer grünen, ist man grün. Uns gefällt es, eine Art Projektionsfläche für die Dinge zu sein.

Eure Musik ist ja durchaus klassisch angehaucht und beinhaltet viele orchestrale Elemente. Woher kommt das?

Felix: Zum Großteil wohl aus unserer Kindheit, da wir alle in Familien aufgewachsen sind, in denen oft klassische Musik gehört wird. Und es hängt sicher auch mit unserer Dresdner Herkunft zusammen. Wir hatten einfach schon immer Zugang zu Theater und Oper.

Ludwig: Und ich denke, im Laufe der Zeit hat sich auch herauskristallisiert, dass uns die Arbeit mit einem Orchester selbst wahnsinnig berührt. Und wenn wir selbst spüren, dass das unsere Emotionalität so trägt und verstärkt, dann ist das für uns auch der richtige Weg.

Felix: Auf jeden Fall. Das ist wie bei der Farbe Weiß: Das Orchester, das wirklich keiner Epoche zuzuordnen ist, als zeitlose und elegante Klangfarbe, die eine unglaubliche Größe, Energie und Kraft besitzt. Das hat uns natürlich immer total beeindruckt: Einmal im Leben vor einem Orchester zu stehen und seine eigenen Kompositionen, die man im stillen Kämmerlein geschrieben hat, von hundert Leuten gespielt zu hören, ist ein großer Traum.

Zugleich gibt es natürlich die Pop-Einflüsse. Es heißt, eine wichtige Band für euch sei Blur gewesen …

Felix: Ja, in der Jugend kam natürlich die Rock-, Pop- und Experimentalmusik dazu. Ich denke, unsere Musik ist weder vordergründig Klassik noch Pop oder Elektronik oder Rock, sondern trägt von allem etwas in sich. Das liegt zum Großteil daran, dass wir sechs Menschen sind, die in einem demokratischen System arbeiten und jeder seinen Einfluss mitbringt.

Ihr wurdet früher oft mit der isländischen Gruppe Sigur Rós verglichen. Ehrt oder nervt das?

Felix: Also, vor fünf, sechs Jahren war das tatsächlich ein ziemlich großer Einfluss. Mittlerweile würde ich aber sagen, dass davon vielleicht noch Ansätze erkennbar sind, aber sowohl Sigur Rós als auch wir eine eigene Entwicklung genommen haben. Jetzt werden wir verglichen von Sigur Rós bis zu Modern Talking. Ich glaube, das ist ein ganz guter Beleg dafür, dass man uns dann doch nicht so richtig einordnen kann.

Die Aufnahmen zu eurem Vorgängeralbum "The Colour of Snow" sollen ziemlich aufreibend gewesen sein. Da wurde von nächtelangen Sitzungen mit tränenden Augen vor den Computern berichtet …

Felix: (lacht) Ja, das war diesmal auch so …

Wirklich?

Felix: Nein, also, diesmal haben wir versucht, alles ein bisschen strukturierter anzugehen. Dazu haben wir uns sogar unser eigenes Studio in Dresden gebaut. Damit ist bei uns auch ein Arbeitsalltag eingezogen. Wir haben uns jeden Vormittag um 11 Uhr getroffen und sind um 20 Uhr wieder gegangen - zunächst fünfmal, später siebenmal die Woche. Das so zu strukturieren und nicht mehr ganz so viele Nächte vorm Rechner zu sitzen, war auch wichtig. Sonst wären wir wahrscheinlich schon nach den ersten drei Wochen total fertig gewesen und hätten nicht mehr weitermachen können.

Sechs Männer, ein demokratisches System.
Sechs Männer, ein demokratisches System.(Foto: Jenny Schäfer/Universal)

Mit "Allein, allein" ist euch ja ein Riesenhit gelungen. Wie groß ist jetzt der Druck, daran anzuknüpfen?

Felix: Das ist tatsächlich, glaube ich, keine so gute Sache. Aber dass wir den Song an sich haben, natürlich schon. Wir sind extrem stolz auf das Lied. Das Lied hat mit einem einzigen Wort etwas so punktuell und fokussiert angesprochen, dass es wirklich Tausende Menschen für sich persönlich nachempfinden konnten. Ich glaube, das ist ein überdauernder Popsong, der noch ein paar Jahre lang in den Köpfen der Menschen sein wird. Aber natürlich resultiert daraus ein kommerzieller Druck, der für uns neu ist.

Dabei seid ihr ja schon eine Weile im Musikbusiness unterwegs …

Felix: Ja, aber man muss das Umfeld sehen, aus dem wir kommen. Bei unserem allerersten Album, vor "The Colour of Snow" und vor "Allein, allein", war es so, dass wir vier, fünf Jahre in unseren Zimmern gesessen und daran gearbeitet haben. Da haben wir uns gar nicht dafür interessiert, was die Leute draußen denken, sondern wirklich nur an unserer eigenen Vision gebaut. Dann kam auf einmal diese extreme Außenresonanz. Und jetzt ist es schon so, dass wir nach der Fertigstellung des Albums viel genauer drauf gucken, wie die Chart-Performance und der ganze Kram ist. In den letzten Tagen ist mir tatsächlich aufgefallen, dass das schon irgendetwas mit uns gemacht hat.

Das heißt, ihr macht euch den kommerziellen Druck auch selbst?

Felix: Ja, auf jeden Fall spürt man den ab einem gewissen Punkt. Wir haben echt versucht, das bei dem Album ein Stück weit abzulegen, indem wir uns eher einen künstlerischen Druck gemacht haben, uns zu überlegen, was unsere Stärken sind und was uns ausmacht. Aber jetzt, da die Platte fertig ist, wir aus unserem Dresden wieder raus sind, in die Welt müssen und auf einmal im Universal-Hauptquartier in Berlin sitzen, bekommt man doch irgendwie leichte Nervosität.

Ihr scheint als Band - Nomen est omen - irgendwie zu "polar"isieren. Sogar euer Label hat seinerzeit auf seiner Webseite zu "The Colour of Snow" ein "Pro und Contra" veröffentlicht. Woran liegt das?

Felix: Ich glaube, das liegt einerseits daran, dass wir als deutsche Band einen internationalen Sound forcieren, der einen gewissen Pathos und Bombast in sich trägt, den einige Leute als "drüber" und zu überfrachtet empfinden. Und weil wir versuchen, Popsongs in dieser Größe darzustellen. Mit einer Akustikgitarre gespielte Popsongs gibt es auch in Deutschland viel. Aber selten wird Pop wirklich groß und breitwandmäßig aufgezogen.

Könnt ihr mit dieser polarisierenden Rolle gut leben?

Felix: Ja, zu polarisieren ist doch gut. Viel blöder wäre es, gar keine Meinung hervorzurufen. Daran merkt man ja, dass die Musik etwas Starkes in sich trägt - egal, ob das nun starker Hass oder starke Liebe ist.

Bei eurem neuen Album "Frei" indes attestiert euch die Plattenfirma einen Sound, der "Polarkreis weder jung noch nach Dresden klingen" lässt. Wie würdet ihr denn klingen, wenn ihr nicht aus Dresden kommen würdet?

Felix: Das kommt ja darauf an, wo wir dann stattdessen herkommen würden. Aus Zwickau oder aus Paris?

Such es dir aus …

Felix: O.k., sagen wir mal, wir kämen aus Berlin. Da ist alles natürlich viel, viel schnelllebiger als in Dresden. Und das würde sicher einen extrem großen Einfluss auf uns haben. Diese Vielfalt an Eindrücken ist in Dresden einfach nicht gegeben. Die Stadt hat so etwas leicht Träges und konservativ Beruhigtes in sich, dass wir uns da einfach total gut "satteln" und erden können.

Das Album "Frei" ist ab sofort im Handel erhältlich.
Das Album "Frei" ist ab sofort im Handel erhältlich.(Foto: Universal)

Also zieht es euch von dort offenbar auch nicht weg. Wie wichtig ist euch Dresden als Basis?

Ludwig: Sehr wichtig. Wir sind schon Menschen, die viel Ruhe brauchen und den Rückzugsraum dafür, den Kopf klar zu kriegen und Ideen lange und konzentriert verfolgen zu können. Das haben der Studiobau und das Album uns letztlich auch noch einmal bestätigt. Konkretes Beispiel: Als wir mit dem Album angefangen haben, hatten wir über 50 Lieder. Der reine Kreativanteil ist also bei uns schon sehr hoch. Und es sehr wichtig, die Ruhe und den Fokus zu finden, um aus dem, was in uns brodelt, das Optimum herauszuholen.

In Dresden habt ihr vor kurzem auch an einem Theaterstück mitgewirkt: "Reckless. Steinernes Fleisch" von Cornelia Funke. Wie kam es dazu?

Felix: Das kam durch unseren Produzent Sven Helbig, der mit der Dresdner Kultur extrem verwoben ist, zumal er hier selbst ein Orchester gegründet hat (die Dresdner Sinfoniker, Anm. d. Red.). Zudem hat uns das Staatsschauspiel auch auf dem Kieker, weil wir sozusagen "die" Dresdner Band sind. Diesen Lokalstatus genießen wir sehr. Mittlerweile können wir da etwa sogar in den Kostümfundus und uns etwas für unsere Konzerte besorgen. Auch unser Record-Release-Konzert machen wir jetzt dort im Schauspielhaus. Da entsteht eine wirklich schöne Zusammenarbeit.

Heißt das, Polarkreis 18 soll auf lange Sicht mehr als "nur" eine Popgruppe sein?

Felix: Ich glaube, das ist jetzt schon so. Gerade eben erst haben wir auch etwas mit dem Ballett der Semper-Oper und dem Dresdner Knabenchor gemacht. Ein Soundtrack für einen Film ist sicher auch denkbar. Prinzipiell ist das genauso wie bei der Musik: Unsere Interessen sind für alle möglichen Bereiche total offen.

Mit Felix Räuber und Ludwig Bauer von Polarkreis 18 sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de