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"Tyrannei des Schmetterlings" Wenn Schätzing die Menschheit auslöscht

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Frank Schätzings "Die Tyrannei des Schmetterlings" widmet sich den Fragen der Künstlichen Intelligenz, Bewusstseinsbildung und Multiversen.

Es beginnt mit einer Leiche und einem rätselhaften Datenstick. Beides führt die Ermittler zu einem Hightech-Konzern á la Google - und in die Welt von KI, IOT, Hi-Mems und Multiversen. Frank Schätzings Blick in eine nahe Zukunft ist Wahnsinn.

In einer Schlucht oberhalb von Sierra City wird in einer Schlucht ein arg ramponierter Wagen entdeckt. Er hängt in einem Baum. Unweit davon eine weibliche Leiche. Ein tragischer Unfall? Oder wurde der Wagen, immerhin ein topgepanzerter und aufgemotzter AMG, abgedrängt und die Fahrerin somit in den Tod getrieben? Das sind die ersten Fragen, die Undersheriff Luther Opoku beschäftigen, als er sich vor Ort umschaut.

Die nötigen Antworten könnte ihm ein im Wagen gefundener Datenstick liefern. Er steckte im Fahrersitz, als wäre er dort extra platziert worden. Luthers Problem: Es ist kein handelsüblicher USB-Stick, sondern ein personalisierter ID-Stick - und er führt zu einem der größten und mächtigsten Internet-Hightech-Konzerne der Welt, größer als Google, erfolgreicher als Apple: Nordvisk.

Die Stille vor der Auslöschung

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"Die Tyrannei des Schmetterlings" (Hörverlag) enthält in der Deluxe-Version ein Interview mit Autor Frank Schätzing.

Was wie ein Krimi beginnt, entpuppt sich danach schnell als neuer Thriller des "Schwarm"-Bestsellerautors Frank Schätzing. Der hat zwar auch "normale" Krimis in petto, seine größten Erfolge feierte der Kölner aber mit Wissenschaftsthrillern. Schätzing blickt dabei nicht mal in die ferne Zukunft, sein Erfolg besteht darin, dass der Stoff seiner Bücher theoretisch schon heute passieren könnte. Das gilt auch für sein neuestes Werk "Die Tyrannei des Schmetterlings", als ungekürzte Hörbuchversion wie schon seine vorherigen Audiobücher im Hörverlag erschienen, kongenial interpretiert von Sascha Rotermund.

Und während die Bundesregierung über die Folgen der Digitalisierung herumschwafelt, packt Schätzing das Thema an. Gekonnt und in aller Breite. Wer "Die Tyrannei des Schmetterlings" hört, denkt unweigerlich an Google und deren Mutter Alphabet, an Facebooks jüngsten Datenskandal, an Filme wie "I, Robot", "Terminator" oder "Avatar" und auch an Tom Hillenbrands "Hologrammatica" oder Dan Browns "Origin".

Spontane Neuordnung

Frank Schätzing

Frank Schätzing ist einer der weltweit bekanntesten deutschen Bestsellerautoren. Seinen grö0ten Erfolg feierte der Kölner mit dem 2004 erschienenen Wissenschaftsthriller "Der Schwarm". Bis heute wurde das Buch mehr als 4,5 Millionen Mal verkauft und in nahezu 30 Sprachen übersetzt. Während andere Bücher für das deutsche Fernsehen bereits verfilmt wurden, etwa "Die dunkle Seite" und "Mordshunger" für RTL, gelang das bei "Der Schwarm" noch nicht, obwohl die Filmrechte bereits verkauft wurden. Sie liegen bei der Schauspielerin Uma Thurman sowie Ica und Michael Souvignier. Schätzing lebt mit seiner Frau Sabrina in Köln und will sich nun erst einmal der Musik widmen.

Doch vor allem Browns jüngstes Werk lässt Schätzing mit seinem Thriller alt aussehen. Wenn Brown das Thema Künstliche Intelligenz nur anreißt, denkt Schätzing es bis zum Ende: Was wäre, wenn ein genialer Tech-Pionier mit einem nicht ganz klassischen Geldgeber eine bahnbrechende Idee in die Tat umsetzt? Wenn seine Idee die Menschheit besser machen und voranbringen könnte? Wenn er den kleinen Schritt geht, der sich als großer für die Menschheit entpuppt?

Wenn er diesen Schritt geht, versuchen ihm andere auf die Füße zu treten. Oder seine Idee stellt sich irgendwann gegen ihn - und gegen die Menschheit. Schätzings Theorie ist simpel und allumfassend gleichermaßen: Wenn man einem selbstlernenden Supercomputer-System die Aufgabe gibt, die perfekte Büroklammer zu entwickeln, wird das zur zwangsläufig zur Auslöschung der Menschheit führen, denn in sein Streben nach Perfektion werden immer mehr Ressourcen fließen und nichts kann ihn auf der Suche nach der perfekten Büroklammer stoppen. Irgendwann auch der Mensch, sein Schöpfer, nicht mehr.

Die alte Welt wird fortgespült

Sascha Rotermund

Sascha Rothermund wurde 1974 in Arnsberg geboren. Nach seinem Schauspielstudium in Hannover folgten viele Engagements an Theatern von Bremen bis Berlin. Im Fernsehen war er etwa in der ZDF-Serie "Küstenwache" und in der RTL-Comedy "4 Singles" zu sehen. Seit 2003 ist Rotermund zudem ein gefragter Hörbuch- und Synchronsprecher. Er lieh seine Stimme Joaquin Phoenix, Christian Bale oder Omar Sy ("Ziemlich beste Freunde"). Bekannt ist er als Synchronsprecher von Benedict Cumberbatch ("Sherlock"). Als Hörbuchinterpret liest er etwa Jonathan Franzen.

Und so schickt Schätzing seinen Hauptprotagonisten Luther Opoku in eine Welt, die er nicht kennt. Eine fast schon ironische Welt, in der die Silicon-Valley-Elite mit dem (namentlich nicht genannten) US-Präsidenten über Datenschutz, Immigranten und die Zukunft der USA spricht. Und in die Höhle des Löwen, in das Innere des mächtigen Internet-Hightech-Riesen Nordvisk, mächtiger als Google, aber nicht so bekannt, weil man keine sozialen Plattformen betreibt und ausschließlich wissenschaftlich und mit Open-Source-Projekten arbeitet. Es ist ein Unternehmen, dessen Fleisch aus Robotik, Softwareentwicklung und Biotechnologie besteht, dessen Kopf sich mit Big Data, Smart Data und dem Internet der Dinge (IOT) beschäftigt, dessen Herz aber die von Menschenhand erschaffene Künstliche Intelligenz Ares ist, die mittlerweile ein Eigenleben führt, einen eigenen Willen entwickelt und sich die Frage "Wer bin ich?" selbst beantworten kann.

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Schauspieler, Synchron- und Hörbuchsprecher Sascha Rotermund

Luther entdeckt, dass es durch Ares möglich ist, nicht nur in Paralleluniversen zu reisen, sondern sogar in Multiversen. Die dortigen Erden unterscheiden sich nur geringfügig, meist nur in einer Kleinigkeit von der unseren, von seiner eigenen. PU 453 beispielsweise ist eine Erde, die rund 50 Jahre in der Zukunft liegt, freilich eine Zukunft, die von Ares geformt und "optimiert" worden ist.

Ein typischer Schätzing

Und da kommt Schätzing zum Punkt, gewohnt kraftvoll und bildgewaltig: Wieso sollte in einer vollkommenen Welt der Mensch, wie wir ihn heute kennen, eigentlich noch eine Rolle spielen, so unvollkommen wie er nun einmal von Natur aus ist? Wieso sollte ihn eine Künstliche Intelligenz mit eigenem Bewusstsein nicht von der Erde tilgen wollen? Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt: Viren, Bakterien, Nano-Insekten - oder eben "Ripper" von einer anderen PU, einer Parallelerde. Ripper, die von Ares gesteuert werden und die als Hi-Mems (Hybrid Insect Micro-Electro-Mechanical Systems) keine natürlichen Feinde auf unserem Planeten haben.

Jetzt muss sich der Zuhörer von "Die Tyrannei des Schmetterlings" entscheiden, ob er die nur allzu nah erscheinende Zukunftsversion Schätzings noch als positive wahrnehmen will oder sich in seinem Kopfkino die negative Variante Bahn bricht. Weder Schätzing noch wir wissen, was in 50 Jahren hier auf der Erde los sein wird, welche Auswirkungen der Klimawandel haben wird, wie Google das Denken und Handeln von uns beeinflussen wird.

Noch kann man von einer besseren Welt träumen, wie einst Jules Verne, in dessen große Fußstapfen Schätzing mit seinem neuesten Werk getreten ist. Verne entwarf Zukunftsszenarien, die sich später als Realität entpuppt haben. Das könnte bei Schätzings "Die Tyrannei des Schmetterlings" auch der Fall sein. Ob man das will, ist eine ganz andere Frage. Luther Opoku zumindest hätte gern auf den Fund des ID-Sticks verzichtet.

"Die Tyrannei des Schmetterlings" bei Audible hören

Quelle: n-tv.de

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