Von wegen totenstillAuf und Ab mit Billy Talent

Egal, ob junger Hüpfer oder alter Springinsfeld - bei Billy Talent wackelt der Saal. Für alle, die nicht bis vier zählen können, haben die Kanadier ihr neues Album "Dead Silence" getauft. Von "Totenstille" kann dabei jedoch natürlich nicht die Spur die Rede sein.
Egal, ob junger Hüpfer oder alter Springinsfeld - bei Billy Talent wackelt der Saal. Für alle, die nicht bis vier zählen können, haben die Kanadier ihr neues Album "Dead Silence" getauft. Von "Totenstille" kann dabei jedoch natürlich nicht die Spur die Rede sein.
In Berlin gibt es einen schmucken Konzertsaal, den vielleicht schönsten Rock-und-Pop-Konzertsaal der Stadt: das Huxley's. Nicht ganz so schön ist seine Lage auf einem Einkaufsareal zwischen Baumarkt, Bowlingbahn und Supermarkt sowie über einem Automaten-Spielcasino. Natürlich täte das überhaupt nichts zur Sache, wäre da nicht dieses kleine Wörtchen "über". Mit anderen Worten: Der Saal liegt im ersten Stock.
Wenn hier demnächst zum Beispiel der DSDS-Zweitplatzierte Daniele Negroni auftreten wird, dann tut ganz sicher auch das nichts groß zur Sache. Aber ganz ehrlich, als Billy Talent vor einigen Jahren den Laden rockten, tat es das. Dass die Erde aus der Umlaufbahn flöge, wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Küchentisch sprängen, ist sicher nur ein Ammenmärchen. Aber wenn schätzungsweise rund 1000 Teens und Twens auf einmal in einem Saal in einer höher gelegenen Etage beginnen, wie wild auf und ab zu hüpfen, dann kann das ein Gebäude zumindest schon mal ordentlich in Schwingung versetzen.
Wenn Sie keine 20 mehr sind, wird Ihnen Ihre eigene Endlichkeit zusehends bewusst. Und so sehen Sie sich in diesem Moment vor Ihrem geistigen Auge schon mal zwischen Trümmern einen Stock tiefer liegen, nachdem Sie im freien Fall mit Ihrem Rückgrat bei einem Automaten unfreiwillig den Jackpot ausgelöst haben. In dieser Situation hilft nur zweierlei: Unbändiges Vertrauen in die Zuverlässigkeit deutscher Statik. Und ein Bier. Oder vielleicht auch gleich zwei. Und statt nachzudenken, hüpfen Sie dann am besten einfach mit.
"Dead Silence" statt "IV"
Inzwischen reichen Veranstaltungsorte wie das Huxley’s für Billy Talent bei Weitem nicht mehr aus. Wenn die Band demnächst wieder einmal in Berlin auftreten wird, dann mit der Max-Schmeling-Halle in einem Komplex mit der mehr als siebenfachen Kapazität. Im Gepäck wird sie ihr neues Album haben. Es ist das Vierte binnen der vergangenen neun Jahre, in denen sich die Kanadier mit schöner Regelmäßigkeit alle drei Jahre mit neuem Material zurückgemeldet haben.
Dabei lief Berichten über die Entstehung des Albums zufolge diesmal bei Weitem nicht alles so rund, dass man sich sicher sein konnte, die Drei-Jahres-Frist auch wieder einzuhalten. Von Schreibblockaden bei Sänger Benjamin Kowalewicz und Gitarrist Ian D’Sa war da zum Beispiel zu lesen. Oder aber von einer Operation bei Schlagzeuger Aaron Solowoniuk, bei dem bereits vor vielen Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert wurde.
Trotzdem ist das Album also nun pünktlich am Start und wider Erwarten trägt es nach den Vorgängern "Billy Talent" (2003), "II" (2006) und "III" (2009) nicht etwa den Titel "IV", sondern "Dead Silence". Die Begründung der Band, man wolle damit die vorangegangene Trilogie abschließen und ein neues Kapitel in der Geschichte von Billy Talent aufschlagen, kann dabei getrost unter der üblichen Larifari-Rhetorik verbucht werden, die Gruppen gern bei neuen Veröffentlichungen an den Tag legen. Etwa die gleiche Rhetorik wie die, wenn vom besten Album, das man je gemacht habe, die Rede ist. Nein, "Dead Silence" ist nicht das allerbeste Album von Billy Talent. Gleichwohl ist natürlich auch die "Totenstille", die der Titel verheißt, die blanke Koketterie. "IV", äh, Pardon, "Dead Silence" rumst über weite Strecken in der besten Manier der Band.
Auf hohem Niveau
Und zwar in der Manier der Alben "I" alias "Billy Talent" und "II", nachdem der gemäßigte dritte Streich von 2009 viele Fans doch ein wenig enttäuscht hatte. Die Betonung liegt hier genauso auf "ein wenig" wie sie bei der Einstufung von "Dead Silence" als nicht allerbestes Album der Gruppe auf dem Wortteil "aller" liegt. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass sich Billy Talent mit drei Jahren vergleichsweise stets doch recht lange Zeit mit einer Veröffentlichung lassen. Aber egal, womit es zu tun hat - die Abstriche, die man an dem einen oder anderen Werk von ihnen vornimmt, passieren auf verdammt hohem Niveau.
Nach dem beschaulichen Opener "Lonely Road To Absolution" knüppelt das Quartett auf "Dead Silence" erst einmal vier Songs durch, ehe das ruhigere "Stand Up And Run" mit Akustikgitarre dem Hörer wieder eine Atempause gönnt. Vor allem die beiden ersten Single-Auskopplungen "Viking Death March" und "Surprise Surprise" vereinen dabei alles, was diese Band ausmacht: eine treibende Melange aus Punk, Metal, Hardcore und Indie, der eindringliche Schreigesang von Sänger Kowalewicz, die peitschenden Chöre im Hintergrund, Working-Class-Attitüde und eine Melodie, die einen sofort verhaftet.
Was zu den Abstrichen an "Dead Silence" im Vergleich zu den Frühwerken der Gruppe führt, ist, dass diese Wucht, Dynamik und Energie in der zweiten Albumhälfte nicht durchgängig durchgehalten wird. Stattdessen weichen die Punk-Elemente stark zugunsten althergebrachter Rock-Song-Strukturen zurück. Und mit "Cure For The Enemy" und "Show Me The Way" gibt es tatsächlich auch kleinere Durchhänger.
Wer einmal von früheren Krachern der Band wie "Red Flag" oder "Fallen Leaves" infiziert ist, dürstet jedoch unablässig nach mehr davon. Gleichwohl könnte man "Dead Silence" ebenso attestieren, das vielleicht erwachsenste Album von Billy Talent zu sein. Wo früher ungestüm zu Werke gegangen wurde, wird heute mehr durchdacht. Das führt dann auch dazu, dass bislang ungewohnte Komponenten Einzug ins Klangspektrum der Gruppe halten - wie etwa das Piano bei "Swallowed Up By The Ocean".
Angesichts ihrer Entwicklung vom Club- zum Mehrzweckhallen-Füller scheint die Band ja durchaus Einiges richtig zu machen. So werden sich bei der kommenden Tournee die hüpfenden Teens und Twens sicher zugleich auch einer großen Schar Menschen gegenübersehen, die über Fußwippen nicht hinauskommen. Und so oder so bleibt festzuhalten: Beileibe nicht alle Gruppen schaffen es, nach dem vierten Album noch nicht längst abgeschrieben zu sein. Sollten Billy Talent ihr Level auch künftig derart beibehalten, dann wären sie tatsächlich gekommen, um zu bleiben.