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"Nasse Socken und Herren-Slips" Deichkind geben "Befehl von ganz unten"

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Hut ab! Deichkind melden sich zurück.

Universal Music

Arbeit nervt. Trotzdem haben Deichkind ein neues Album gebastelt. Zwischen Spaßgesellschaft und Gesellschaftskritik klingt ihr "Befehl von ganz unten" gewohnt doppeldeutig - und lässt einen mit zwei Wörtern im Schädel zurück: Leider geil.

Es war einmal, da war das mit Deichkind relativ einfach, Digger. Da war der Name der - natürlich - in Hamburg verwurzelten Band nämlich Programm. Ihr Kahn schipperte im gleichen hanseatischen Hip-Hop-Fahrwasser wie Fettes Brot oder die Absoluten Beginner die Elbe hinab. "Nicke mit dem Beat und beweg' dein' Arsch, wenn das Deichkind am Mic ist, Bon Voyage", wiesen sie uns mit der Unterstützung einer gewissen Nina an diesem Mic an - und wir taten, wie uns geheißen. Doch das ist verdammp lang her, um es mal ganz unhanseatisch zu sagen. Jene Nina ist inzwischen Yoga-Lehrerin. Nicht in Hamburg, sondern in Berlin. Und Deichkind leben zwar noch heute, ihr Dampfer hat jedoch eine weitgehend neue Besatzung. Die hat das musikalische Ruder längst scharf herumgerissen und auf ihrer Odyssee in jüngster Zeit diverse Genre-Schiffsrouten gekreuzt. Genickt wurde vielleicht noch 2000. Doch schon seit 2006 dominiert im Schlaraffenland der Deichkinder das Remmidemmi.

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"Angst haben wir nicht."

(Foto: Universal Music)

"Dieses Hamburg-Ding gibt es eigentlich nicht mehr", räumt der MC und Bassist Porky alias Sebastian Dürre, auf den einstigen Waterkant-Rap-Dunstkreis angesprochen, ein. Schließlich lebt die Hälfte der Bandmitglieder nicht mal mehr in der Hansestadt. "Da bleibt das Herz halt", fügt allerdings der Hamburg treu gebliebene Sänger Ferris Hilton alias Ferris MC alias Sascha Reimann hinzu. In gewisser Weise ist es bezeichnend, dass sie beide es sind, die uns im Interview gegenübersitzen. Denn sowohl Porky als auch der zuvor schon als Solokünstler zu Ruhm, Ehre und Anerkennung gelangte Ferris kamen erst vor einigen Jahren zu der in den 90er-Jahren gegründeten Formation. Insofern haben die beiden mit der einstigen Anordnung, den Arsch zu bewegen, eigentlich nichts groß zu tun. Dafür aber natürlich umso mehr mit dem "Befehl von ganz unten" - wie das neue Deichkind-Album heißt.

Ein scharfes Messer

Das fünfte Werk von Porky, Ferris, DJ Phono alias Henning Besser sowie dem MC und Deichkind-Gründungsmitglied Kryptik Joe alias Philipp Grütering steht ganz in der Tradition der beiden Vorgänger "Aufstand im Schlaraffenland" (2006) und "Arbeit nervt" (2008). Und das heißt in erster Linie: Electro. Irgendwie. Daran, was es darüber hinaus heißt, scheiden sich indes die Geister. Electro-Dance, Electro-Punk, Electro-Rap, Electro-Proll - das sind nur einige der Schubläden, in die Deichkind schon gesteckt wurden, seit sie ihre Baggies gegen Müllsäcke und Klebebänder eingetauscht haben. Und tatsächlich fällt es schwer, die Truppe in einem Spektrum, das ungefähr von den altehrwürdigen Devo über Daft Punk bis hin zu den Atzen reicht, angemessen zu verorten.

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Fertig zum Ausgehen: der Deichkind-Style 2008.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Aber nein! So pubertär wie die Berlin-Tempelhofer Techno-Topfschläger von den Atzen sind die Hanseaten nun wirklich nicht. Stattdessen scheinen beim musikalischen Kindergeburtstag à la Deichkind die Grenzen zwischen anarchistischer Spaßguerilla und handfester Gesellschaftskritik immer wieder zu verschwimmen. Die Titelsongs der Alben von 2006 und 2008 sind dafür ebenso Beispiele wie etwa die aktuelle Single "Bück dich hoch". Wo also endet der Spaß und beginnt das politische Statement? "Politik ist ein ganz, ganz scharfes Messer, an dem man sich schnell auch schneiden kann", gibt sich Porky betont vorsichtig. Zwar hätten sie alle in der Band eine Haltung, die sie auch vermitteln wollten, aber ohne darauf zu pochen, diese Meinung bei anderen durchzudrücken. Vielmehr genieße die Gruppe das Spiel mit dem politischen Moment. "Du kannst eigentlich alle Songs von allen Seiten betrachten", so Porky. "In all den Jahren und all den Songs stand immer nur im Raum, dass es ja vielleicht irgendetwas Politisches sein könnte. Aber was genau, kann ja auch keiner sagen."

Die Angst vor der Schlange

Gleichwohl bilden Songs wie "Arbeit nervt" oder "Remmidemmi" schon gerne mal den Soundtrack zu linken Demonstrationen. Dass die Gruppe dem in der Vergangenheit selbst Vorschub verlieh, indem sie auf einigen Antifa-Veranstaltungen aufgetreten ist, betrachtet Porky inzwischen kritisch: "Weil: Die hacken sich auch gegenseitig die Köpfe ein und sind jenseits von Toleranz und dem, was eigentlich auf deren Fahne geschrieben steht. Deswegen haben wir uns da auch wieder zurückgezogen." Haben Deichkind etwa Angst vor der Vereinnahmung? "Nein, Angst haben wir nicht. Also nicht vor so etwas. Ich habe vielleicht Angst davor, wenn ich mal kacken geh', dass eine Schlange von unten kommt", wischt Ferris die Frage vom Tisch, während Porky ernsthafter reagiert: "Da passen wir schon auf. Wir lassen uns nicht instrumentalisieren. Das geht auch gar nicht. Dafür sind wir viel zu wild."

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Es geht auch (noch) schicker: Aktuelles Band-Foto.

(Foto: Universal Music)

Ziemlich wild sieht es wohl auch in der "roten Kiste" aus, von der ein Song auf "Befehl von ganz unten" handelt. Sie gibt es, so Porky und Ferris, wirklich - in ihr hortet die Gruppe all die schönen Dinge, die in einer Band-Karriere eben so anfallen können und Sammlerwert haben. Jedenfalls, wenn es sich um eine Männer-Band handelt. Die Begeisterung, mit der die Jungs darüber sprechen wie andere über einen Furz, den sie gerade gelassen haben, offenbart die ganz und gar andere, definitiv unpolitische und - wie manche meinen - gar prollige Seite der Formation. "Wir haben die auch vom Gesundheitsamt mal testen lassen", plaudert Ferris über die Kiste aus dem Nähkästchen. "Es gibt die Bereiche Gelb, Rot und Grün. Und sie war im grünen Bereich! Die Kiste ist wirklich hardcore-gefährlich. Sie frisst die Viren und Bakterien einfach auf."

"Mit Pissfleck im Pyjama"

Dass für den Song ausgerechnet die deutschen Punk-Urgesteine Slime als Begleit-Kapelle engagiert wurden, passt dabei wieder einmal nur allzu gut ins ambivalente Bild. Und das natürlich gewollt. "Das ist wieder dieses trotzige Spiel", erklärt Porky. "Auf der einen Seite nehmen wir uns eine Band wie Slime, die klar für etwas steht. Auf der anderen Seite performen wir mit denen einen Song, der von einer roten Kiste handelt, in der nasse Socken und Herren-Slips sind." Und Slime, das sei "rough" und habe dadurch einfach "Flavour", ergänzt Ferris - bei aller Wertschätzung für die Beatsteaks oder Die Ärzte, an die man bei der Diskussion, wen man für eine Zusammenarbeit anfragen könne, auch gedacht habe.

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War die Welt noch nicht bereit? 2005 landeten Deichkind beim Bundesvision Song Contest nur auf Platz 14.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Man müsse sich ihn als "kleinen Teenie" vorstellen, der "mit einem Pissfleck im Pyjama eine Kassette von seinem Bruder geklaut und wie eine Pumuckl-Kassette reingemacht hat", sagt Porky. "Und dann kam da Slime raus." Er und Ferris sind beide Kinder der 70er-Jahre. Und wer in dieser Zeit aufgewachsen ist und später nicht Modern Talking gehört hat, kann bei "Nazis raus" oder "Legal, illegal, scheißegal" möglicherweise mitpogen - vorausgesetzt, die Gelenke spielen noch mit. Die Kids von heute indes wissen damit wohl genauso wenig anzufangen wie mit der collagenhaften Aneinanderreihung von Namen und Begriffen wie "Große Nase Steffi Graf", "Hannelore Suicide" oder "Hasselhoff und Mauerfall" im - Nena lässt grüßen - Song "99 Bierkanister" auf dem neuen Album. Drohen die Deichkinder etwa zu einer Band für alte Säcke zu werden? "Nee!", erschallt es unisono. "Es ist wirklich abgefahren, was für Leute alles auf unseren Konzerten sind. Avirex-tragende Kampfgesellen neben Techno-Kids - da ist echt alles dabei", versichert Porky. Und Ferris betont: "Jugendlich-naive Songs gibt es ja schon auch noch bei uns."

Ohne Masterplan

Als Beispiel nennt der Sänger das Lied "Illegale Fans", in dem sich die Band ziemlich unverhohlen hinter Raubkopierer stellt. Den Einwurf, dass dies als Gruppe, die nicht zuletzt von CD-Verkäufen lebt, doch irgendwie paradox sei, weist Porky zurück: "Nein, wir leben ja nicht davon." Viel entscheidender seien inzwischen die Konzert-Einnahmen. "Der Musikindustrie geht es so gut wie nie. Wem es schlecht geht, das ist die Plattenindustrie." Während zwar die Labels unter dieser Verschiebung zu leiden hätten, brächte die Entwicklung auch Vorteile mit sich. "In gewisser Weise ist das auch ein Filter, der konstruierten, ausgedachten und nicht authentischen Künstlern die Plattform entzieht", so Porky.

Dafür, wie man mit dem "Wilden Westen Internet" umgehen soll, gebe es nun mal noch keinen "Masterplan", sagt der Musiker. Den hätten auch die "Dinosaurier" im Musikgeschäft nicht. Manche Maßnahmen wie das Sperren von Musikclips auf Video-Plattformen schadeten den Bands stattdessen regelrecht, sagt Porky. Und vor allem: "Teenies zu verknacken ist auch nicht der richtige Weg."

Leider (un)geil

Auch wenn Deichkind insbesondere für ihre berühmt-berüchtigten Live-Auftritte bekannt sind, haben sie dennoch in ihre CD "Befehl von ganz unten" einiges investiert. Für die Arbeit daran zogen sie sich aufs platte Land in Mecklenburg-Vorpommern zurück. "Irgendwo in der Kälte, kein Programm, kein Internet, Tanz-der-Teufel-Wald, Holzhacken", umschreibt Ferris die Erfahrung, die sich im Endeffekt jedoch bezahlt gemacht habe. In den "Rambo-artigen Verhältnissen" sei die Gruppe einfach viel effektiver zu Werke gegangen als etwa bei einer weiteren Aufnahmesession in München, bei der die Ablenkungsmöglichkeiten der Großstadt ständig gelockt hätten.

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Das Album "Befehl von ganz unten" ist ab sofort im Handel.

(Foto: Universal Music)

Dass bis zur Fertigstellung des Albums rund drei Jahre ins Land gezogen sind, hat indes nicht in erster Linie damit zu tun, dass die Band ihr eigenes "Arbeit nervt" zu oft gehört hätte. 2009 verstarb der als festes Deichkind-Mitglied geltende Produzent der Gruppe, Sebastian Hackert, mit nur 32 Jahren. "Eine persönliche Tragödie, weil wir ihn als Freund geliebt haben", sagt Porky. Und ein tiefer Einschnitt, der die Formation an den Rand der Auflösung brachte. "Aber kreatives Potenzial sprudelt trotzdem. Auch wenn du einen Baum mit einer rostigen Kettensäge vergewaltigst, so dass nur noch ein Stumpf da ist, kommt irgendwann an der Seite wieder ein grüner Zweig raus", erklärt Porky, weshalb sich die Gruppe trotzdem am Ende aus der Schockstarre befreit hat.

"Die Platte von Deichkind war nich' so mein Ding, doch ihre Shows sind - leider geil", spielt die Band im Song "Leider geil" mit ihrem eigenen Ruf. Wer sich von den Live-Qualitäten der Gruppe überzeugen will, kann dies auf ihrer Deutschland-Tournee im März tun. Aber auch das Album ist allemal einen - selbstredend legalen - Download wert. Wann sie sich denn heute das letzte Mal "Leider geil" gedacht hätten, wollen wir zum Abschluss des Gesprächs von Porky und Ferris wissen. Die Erwartung, dass sie "in diesem Interview" antworten würden, erfüllt sich nicht. Leider ungeil. Stattdessen kommt Porky die vorherige Ankunft bei der Plattenfirma in Berlin in den Sinn: "Wir sind in einem vollgestopften ICE angekommen. Platte unter Vertrag, du verkaufst keine Scheiben. Aber am Bahnhof wartet ein Phaeton. Das ist: Leider geil."

Quelle: n-tv.de

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