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Musik aus der Schatzkiste Er ist wieder da: Andreas Kümmert

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Andreas Kümmert am 5. März 2015 beim deutschen Vorentscheid "Unser Song für Österreich" für den Eurovision Song Contest 2015 - er gewann und zog sich dann zurück.

(Foto: dpa)

Er war weg vom Fenster. So sah es jedenfalls von außen aus. Aber gerade, als man anfing, sich zu fragen: Was macht eigentlich …? erscheint nun ein neues Album von dem ESC-Aussteiger. n-tv.de traf den Musiker zum Gespräch in Berlin.

Da ist er wieder. Der Mann, der für den ESC auserkoren war und der dann in der letzten Minute absprang. Das haben ihm viele übel genommen. Ohne zu wissen, was ihn dazu getrieben hat. Vorverurteilt wurde er allerdings schon, bevor er "unser Kandidat" war. An seiner Stelle flog Ann-Sophie. Und scheiterte. Die Arme, die konnte ja auch nichts dafür. Und Andreas Kümmert? Der konnte auch nichts dafür. Dafür, dass er so ist wie er ist, dass er erst "The Voice" gewonnen hat und dann Deutschland beim Eurovision Song Contest 2015 vertreten sollte. Leicht hätte der bärtige, korpulente 30-Jährige es eh nicht gehabt, gegen all die Verrückten, Schönen, Durchgeknallten, die aus den anderen Ländern geschickt wurden. Andreas Kümmert ist eher so ein Bodenständiger, der alles in seine Stimme legt. Sein neues Album "Recovery Case" spielt nun doppeldeutig mit der Zeit, die er hinter sich hat. Auf der einen Seite war "Recovery", also die Wiederherstellung, dieses Mannes, der von einer fiesen Angstneurose heimgesucht wurde und dem drohte, alles über den Kopf zu wachsen, dringend nötig, auf der anderen Seite wollte er aber allen Leuten und auf alle Fälle zeigen, was in ihm steckt. Und sein "Case", seine Truhe, ist tatsächlich voller Schätze. n-tv.de traf den zunächst schüchtern wirkenden Mann in Berlin und entdeckte im Laufe des Gesprächs einen Künstler, der unglaublich offen über sein Innerstes erzählt, der dennoch ganz genau weiß, was er will - und was er kann.

n-tv.de: Mal ganz simpel gefragt, aber ernst gemeint: Wie geht es dir?

Andreas Kümmert: So weit sehr gut.

Wie du dir vorstellen kannst, haben auch wir damals sehr viel über den ESC und dich berichtet – da fragt man sich natürlich schon, auch jetzt noch: Mensch, was war denn da los? Und was hast du die ganze Zeit bis jetzt gemacht?

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Bart, Sonnenbrille, Glatze: Andreas Kümmert beim "Umsonst und draußen"-Festival in Würzburg im Juni 2016.

(Foto: imago/HMB-Media)

Zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich zwei recht erfolgreiche, ziemlich ausverkaufte Tourneen durchgezogen habe, das ist ja leider ein bisschen untergegangen. Und dann hab' ich mich mit meinem Team daran gemacht, das neue Album zu entwickeln. Naja, und außerdem habe ich natürlich versucht, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, so gut es ging (lächelt). Ich musste verarbeiten, was da alles passiert ist, und bin seitdem auch in therapeutischer Behandlung. Ich bin auf dem Weg der Besserung (lacht).

Du redest erstaunlich offen über deine Gemütslage und alles, was damit zusammenhängt. Normalerweise tut ja jeder eher so, als ob ständig alles bestens wäre. Wir wissen ja, dass du einfach nicht mehr konntest, und anstatt Ausreden zu präsentieren, stehst du dazu. Du hast dich um dich gekümmert und jetzt präsentierst du dich wahrscheinlich stärker als zuvor, oder?

Ich habe mir ganz genau überlegt, ob und wie ich darüber sprechen möchte. Und bin zu dem Ergebnis gekommen, ich kann das und ich will das. Belasten tut mich das ehrlich gesagt überhaupt nicht.

Du hast eine Menge Prügel einstecken müssen, oder?

Kann man so sagen, ja.

Hast du auch positiven Zuspruch erhalten?

Das gab es auch, klar. Und ich denke sogar, dass das überwogen hat. Aber wenn man erstmal in so einem Tunnel ist, dann erkennt man das Gute oftmals gar nicht mehr und dann hat man ganz schnell das Gefühl, das Schlechte überwiegt.

Hast du es denn hinterher wieder erkennen können?

Ich habe es mir erzählen lassen, denn ich hatte irgendwann aufgehört, mir alles durchzulesen. Es war teilweise so primitiv, dass ich mich für die, die so schlimme Kommentare geschrieben haben, schon geschämt habe.

Wer oder was hat dir geholfen?

Mir haben meine Freundin und meine Familie geholfen. Und eine Therapie. Mit der Einsicht, dass diese Angstattacke, die mich letztlich zu der Absage gezwungen hat, ein Resultat der Art und Weise war, wie schon vorher mit mir umgegangen wurde. Mir haben vor der ESC-Show ja Leute geschrieben, dass ich doch bitte verrecken soll. Zum Beispiel. Da war schon massiv. Ich sollte auf der Bühne sterben – das haben Leute auf Facebook geschrieben, an meine Pinnwand, Menschen, die ich gar nicht kenne.

Da würde es wohl jeder mit der Angst zu tun bekommen, auch ohne vor einem riesigen Publikum zu stehen.

Es ist eigentlich weniger Angst, was ich da empfinde, sondern eher eine große Traurigkeit, weil ich mich natürlich gefragt habe, was ich diesen Personen getan habe. Der Prozess, herauszufinden, dass diese Menschen mich ja gar nicht meinen können, weil sie mich ja gar nicht kennen, der hat eine Weile gedauert (lächelt). Aber diese Angststörung, die ist da so groß geworden, dass ich das einfach absagen musste.

Hast du es irgendwann bedauert, dich der Öffentlichkeit so ausgesetzt zu haben?

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"Ich entspreche eben nicht den Idealen eines typischen Rockstars."

(Foto: imago/HMB-Media)

Ja, schon, aber das, was man auf einer Bühne macht und wie man wirklich ist, das sind zwei Paar Schuhe. Auf der Bühne muss ich ja ganz gut sein, sonst hätte ich es wohl nie so weit geschafft. Aber ich entspreche eben nicht den Idealen eines typischen Rockstars und damit haben viele ein Problem.

Man fragt sich schon, warum: Dein Bart erinnert an ZZ Top, gerade männliche Künstler müssen nicht den üblichen Schlank-Standards entsprechen, denen Frauen noch mehr unterworfen sind, und von Kopf bis Fuß tätowiert bist du schließlich auch. Was läuft da falsch?

(lacht) Das kann ich dir nicht erklären. Es ist schon faszinierend, wie böse der Mensch sein kann. Ich glaube, dass die Leute einfach viel von ihrem eigenen Frust auf einen projizieren, und sich an einem abarbeiten wollen. Heute ist der Drang, so sein zu müssen wie die anderen, auch noch größer, finde ich.

Aber das hatten wir früher auch, man war Punk oder Popper oder Öko, und man wollte zu einer Gruppe dazugehören.

Ja, aber heute ist das alles krasser, finde ich. Und wenn man den Regeln nicht entspricht, dann wird man fertiggemacht. Gemobbt, gerne namen- und gesichtslos im Internet. Warum kann nicht jeder so sein, wie er will und warum kann man die anderen nicht einfach lassen?

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Haha, Heroinschick ist aber was anderes ...

(Foto: imago/HMB-Media)

Da hast du recht. Hast du vor deiner Musiker-Karriere etwas anderes gelernt?

Ja, mein letzter "gesellschaftlich anerkannter Job" war Schreiner. Da war ich so 19, 20. Ich fand es aber immer sehr schwer, muss ich gestehen, mich den Gegebenheiten einer normalen Arbeit unterzuordnen.

Das geht vielen so.

(lacht) Als ich damals zu "The Voice Of Germany" ging, da konnte ich von der Musik schon leben. Ich bin in Pubs und Clubs aufgetreten, oft vier Mal die Woche. Ich habe gut davon leben können, wie jeder andere, der arbeitet, auch.

Bist du denn "in der Provinz" geblieben?

Ja, ich mag meine Provinz (lacht). Es hat sich ja auch einiges geändert: Früher wurde ich eher belächelt, auch, als ich Straßenmusik gemacht habe, und plötzlich sollte ich mich in das Goldene Buch der Stadt eintragen. (zögert) Ich habe auf jeden Fall gelernt, wer meine Freunde sind und wer nicht.

Deine Plattenfirma denkt auf jeden Fall, dass es mit dir weitergeht, sonst säßen wir nicht hier mit deinem neuen Album.

Sieht so aus, ja.

Du hast langsame Stücke, Stücke zum Mitsingen, aber auch sehr rockige Songs dabei. Auf jeden Fall berühren sie einen. Glaubst du, dass du mit Musik etwas verändern kannst?

Naja, das hat ja Bob Dylan schon versucht, und ich glaub' eher nicht, dass Musik wirklich etwas ändern kann. Vielleicht für den Moment, man kann sich wohler fühlen, oder erkannt oder verstanden. Aber so gesellschaftlich glaub' ich eher nicht.

Aber Musik ist etwas, was Menschen verbindet, da stimmst du mir doch zu, oder?

Na klar, Texte sagen einem manchmal ja irre viel, man kann auch mal alles andere drumherum vergessen. Das ist eine Zuflucht.

Mit Andreas Kümmert sprach Sabine Oelmann

Das Album "Recovery Case" erscheint am 23. September - bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

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