Musik

Schiller - gelebte Rastlosigkeit "Ich habe kein Zuhause, das auf mich wartet"

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Fühlt sich im Iran sicherer als in Berlin-Neukölln: Christopher von Deylen alias Schiller.

Christopher von Deylen alias Schiller feiert dieser Tage das 20-jährige Jubiläum seines Projekt-Flaggschiffs - und das mit Pauken und Trompeten. Ein neues Studioalbum ("Morgenstund") mit illustren Gästen (Mike Rutherford, Nena, Giorgio Moroder, Tangerine Dream, Rebecca Ferguson), ein aufwendig gestaltetes Hardcover-Fotobuch und natürlich auch eine Arena-Tour, die in puncto High End-Inszenierung neue Maßstäbe setzen wird: Schiller hat seine Hausaufgaben gemacht. Das Jubi-Jahr soll ein besonderes werden. Nicht, dass die vorangegangenen 19 Jahre arm an Höhepunkten gewesen wären. Ganz im Gegenteil. Mehr als sieben Millionen verkaufte Tonträger, Award-Auszeichnungen in allen Formen und Farben sowie ein weltweites Live-Publikum, das Jahr für Jahr in Entzückung gerät, wenn der Elektro-Papst aus Deutschland die Türen der größten Arenen öffnet, sprechen eine deutliche Sprache. Das Jubiläumsjahr 2019 soll dem großen Ganzen nun die vorläufige Krone aufsetzen. Mit n-tv.de spricht Christopher von Deylen über die Magie des Morgens, die Launen der Musik und die Menschen im Iran.

n-tv.de: Christopher, 20 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Hast du mit Schiller ein bestimmtes Ziel vor Augen? Und wenn ja: Wie nah bist du dran?

Christopher von Deylen: Mir ging es bei Schiller nie um ein bestimmtes Ziel. Auch wenn es vielleicht altklug und pseudoweise klingt, aber in meinem Fall markiert der Weg das Ziel. Schiller ist mein Leben, meine Mission und all das, was ich brauche, um mich als Mensch und Künstler zu entwickeln.

Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem dir klar wurde, dass du mit Schiller etwas Großes erreichen könntest?

Es gab keinen bestimmten Moment. Mein erstes Live-Konzert war sicherlich prägend. Das erste Mal aus dem Musiklabor raus und rauf auf die Bühne: Das war eine große Challenge für mich. Die Größe war mir aber nie wichtig. Ich wollte etwas Langlebiges kreieren. Schiller ist gelebte Rastlosigkeit. Ich bin ein Mensch, bei dem die Antennen stets auf Empfang sind. Ich will mich und meine Musik ausprobieren. Ich will Fehler machen und daraus lernen. Das funktioniert aber nur, wenn ich mir keine Grenzen setze. Ziele in Form von Erfolg und Charts-Platzierungen lassen nur unnötig Druck entstehen. Und Druck schränkt ein. Leider leben wir in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Druck überall präsent ist. Die Menschen sind permanent im Stress. Man hat kaum noch Zeit zum Luftholen. Innerhalb des Schiller-Projekts entfliehe ich dieser Welt.

Mit deinem neuen Album "Morgenstund" verneigst du dich vor dem Entstehungsprozess als solchen. Es geht um Momente der Stille, um die Augenblicke, in denen sich das Leben jeden Morgen wieder aufs Neue entfaltet. Entstehen deine Songs am Frühstückstisch?

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Ich bin ein Morgenmensch, definitiv. Spätestens mittags ist mein Kopf voll. Dann geht meist nicht mehr viel. Wenn ich morgens aufstehe, sauge ich sofort alles auf. Ich versuche mich von allem inspirieren zu lassen. Gespräche, Geräusche, was auch immer: Meine Antennen sind - wie gesagt - stets auf Empfang. Der Augenblick, wenn sich der Mikrobereich des Lebens in Aufbruchsstimmung begibt, hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. "Morgenstund" ist quasi - wenn vielleicht auch etwas kitschig beschrieben - der Soundtrack zum Tagträumen.

Du träumst auf "Morgenstund" nicht alleine. Mit dabei sind Business-Hochkaräter wie Tangerine Dream, Mike Rutherford, Nena und Giorgio Moroder. Letzteren hast du in Süd-Tirol besucht und die Frage gestellt: "Was liebst du an Musik?" Wie würdest du diese Frage beantworten?

Musik ist für mich die vierte Dimension. Musik kann launisch und zickig sein. Sie kann aber auch einzigartige Emotionen entstehen lassen. Musik ist vertraute Unberechenbarkeit.

Würdest du dein Leben ähnlich beschreiben? Die Unberechenbarkeit des Reisens als vertrautes Fundament des eigenen Daseins?

Ja, ich liebe es, zu reisen. Und ich reise nicht nur, weil ich mir von den Eindrücken neue musikalische Reize verspreche. Manchmal verbindet sich beides, manchmal nicht. Wenn ich auf Reisen bin, fühle ich mich wie ein emotionaler Schwamm. All das, was ich erlebe, registriere und beobachte, verwandelt sich später dann - im Idealfall - in Musik. Es gibt aber auch Reisen, die kein Album nach sich ziehen. Und das ist auch völlig in Ordnung so.

Diesmal hat es aber wieder geklappt. "Morgenstund" nimmt den Hörer beispielsweise mit auf musikalische Reisen durch Kasachstan und den Iran. Welche Bilder sind noch in deinem Kopf, wenn du an die Zeit in Teheran zurückdenkst?

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Wie Schiller Musik für sich interpretiert? "Musik ist für mich die vierte Dimension. Musik ist vertraute Unberechenbarkeit."

(Foto: imago images / Photopress Müller)

Da sind Bilder von herzlichen und liebevollen Menschen. Es sind vor allem Bilder, die mich angesichts des Weltbilds vieler Menschen hierzulande fast schon beschämen. Die Wärme, die die Menschen ausstrahlen und weitergeben, kommt von Herzen. Wenn man wissen will, was dieses Land außerhalb der oberflächlichen Tagesschau-Berichterstattung wirklich ausmacht, muss man dorthin reisen. Die Realität im Iran hat mit der Wahrnehmung des vermeintlich gebildeten Bürgertums hierzulande nämlich nichts zu tun. Das ist natürlich nur meine subjektive Meinung. Mag sein, dass es Leute gibt, die andere Erfahrungen gemacht haben.

Gab es nie angsterfüllende Momente oder Augenblicke, in denen dir der Begriff "Kulturschock" in den Sinn kam?

Nein, niemals. Einen "Kulturschock" erleide ich immer erst dann, wenn ich nach solchen Reisen wieder zurück nach Deutschland komme. Wie gesagt, das meine ich ganz subjektiv, aber ich habe mich in Teheran sicherer gefühlt als in Neukölln.

Sicherheit und Geborgenheit hat für viele Menschen auch immer was von Heimat. Wo bist du eigentlich zuhause? Wo übermannen dich heimatliche Gefühle? Oder ganz einfach: Wo wohnst du eigentlich?

Ich wohne gar nicht. Ich lebe aus dem Koffer. Ich bin nur ich. Ich habe kein Zuhause, das irgendwo auf mich wartet. Sicher, wenn ich irgendwo in der norddeutschen Provinz unterwegs bin, kommen alte Kindheitserinnerungen hoch. Aber die Heimat, oder das Zuhause im klassischen Sinne, gibt es in meinem Leben nicht. Schiller ist meine Heimat. Schiller ist meine Mission. Und für Schiller bin ich heute hier und morgen dort.

Mit Christopher von Deylen sprach Kai Butterweck

Quelle: n-tv.de

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