Musik

"Kindermörder könnte ich nie sein" Marilyn Manson - als Bösewicht geboren?

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Nicht jedermanns Sache: Marilyn Manson.

Agata Alexander / Universal Music

"Schockrocker" - mit diesem Attribut wird Marilyn Manson gern belegt. Nicht ganz zu Unrecht, wie der Musiker im Gespräch über sein neues Album "Born Villain", Zombie-Fantasien und das Schulmassaker in Columbine offenbart. Allerdings: Hinter jeder harten Schale steckt stets auch ein weicher Kern.

"Ich liebe Lily - meine Katze. Ich scheue mich nicht, das zu sagen. Das macht mich kein bisschen weniger taff." Während der Musiker Brian Warner, besser berühmt und berüchtigt als Marilyn Manson, dies sagt, sitzt er komplett in Schwarz gekleidet, mit dunkler Sonnenbrille, fahlem Make-Up und verschmiertem Lippenstift im Gesicht in einem breiten Sessel in der mondänen Suite eines Berliner Luxushotels. Schräg hinter ihm steht ein Piano. Auf dem Tisch vor ihm tauchen drei Kerzen den Raum in schummriges Licht, während auf dem Sofa ihm gegenüber eine Handvoll Journalisten kauert und lauscht.

Herr Manson spricht wie immer mit knödelnder Stimme - irgendwo zwischen Kehlkopf-Entzündung, verschlucktem Rasiermesser und Darth Vader. Er redet bedächtig, viel und lang. Die anwesenden Journalisten kommen höchstens dazu, ihm ein paar Stichworte zu liefern. Ansonsten neigt der mittlerweile 43-Jährige, der doch tatsächlich ganz unpassend für das einstige Klappergestell ein kleines Bäuchlein bekommen hat, zum Monolog. Seine Gedanken springen nicht selten im Zickzack hin und her. Beinahe jede Aussage wägt er noch einmal ab, erklärend, analysierend oder doch nur ausschweifend. Keine Frage: Er ist eloquent, intelligent und witzig. Auf seine ganz eigene Art und Weise. Und die ist zweifelsohne nicht jedermanns Sache.

Abgrundtief und abgründig

Schließlich gehört Mansons Liebesgeständnis an seine Katze zu den harmlosen Aussagen, die er in seinem rund 30 Minuten währenden Vortrag trifft. Andere wirken da, wenn man sie nur Schwarz auf Weiß liest, schon wesentlich heftiger, ja, vielleicht sogar skandalös. Hat man jedoch den Kontext vor Augen, sind sie - wie Mansons Beteuerung, was für ein harter Kerl er doch trotz Mieze sei - eher skurril und zeugen von schwarzem Humor. Abgrundtief und abgründig. Aber nicht selten auch hintersinnig. So gesehen, erscheint Marilyn Manson wie eine Art "Pulp Fiction", Splatter-Film oder Horror-Komödie auf zwei Beinen. Ein ums andere Mal kann er sich dabei selbst ein Lachen über das Gesagte nicht verkneifen. Ob man mit lacht oder sich empört abwendet, kann wohl jeder nur für sich entscheiden.

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Denkt er vielleicht gerade über eine Verflossene nach?

(Foto: Lindsay Usich / Universal Music)

Beispiele gefällig? Ob er denn angesichts seiner bisherigen Beziehungsdesaster mit Partnerinnen wie Burlesque-Star Dita von Teese oder der fast 20 Jahre jüngeren Schauspielerin Evan Rachel Wood inzwischen gelernt habe, mit Frauen auszukommen, fragt zum Beispiel ein Kollege, als Manson gerade mal Luft holt. "Nein", antwortet der Musiker und führt aus: "Ich weiß, dass ich niemals ein Kindermörder sein könnte. Kinder sind üblicherweise kleiner als Frauen. Also, wenn du keine passenden Kartons oder Umschläge hast, wirst du geschnappt. Aber Frauen? Hey, ich muss hier nicht über Selbstmord reden. Die schneidest du in der Mitte auseinander und wirfst sie in einen Container. Andererseits hast du dann zwei Teile von einer Frau. Macht es das vielleicht noch komplizierter?"

Wohl ahnend, wie ihm Sätze wie diese bei falscher Lesart ausgelegt werden könnten, wägt Manson dann jedoch in gewohnter Manier wieder ab: "Ich sage nicht, dass ich Frauen oder Kinder töten würde. Was ich sagen will, ist, dass ich es nicht gerne habe, wenn viel geweint wird. Deswegen versuche ich charmant zu sein - auf meine spezielle Art."

"Was ist moralisch?"

Da ist sie wieder, seine spezielle Art. Auf diese ist er nach eigenem Bekunden sogar romantisch: "Ohne romantisch zu sein, könntest du kein Künstler sein. Selbst wenn du ein Serienkiller bist, ist das in gewisser Weise romantisch. Es ist die Leidenschaft, die das ausmacht."

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Provokationen im Grenzbereich sind zweifelsohne sein Spezialgebiet.

(Foto: Delaney Bishop / Universal Music)

Manson spricht dergleichen scheinbar gelassen aus, trotz oder gerade wegen des wohl bis dato schwärzesten Punkts in seiner Musikkarriere. Dass einige nach dem Schulmassaker an der Columbine High School 1999 die Schuld für den Amoklauf bei ihm suchten und er unzählige Morddrohungen erhielt, ist keinesfalls spurlos an ihm vorüber gegangen. "Das FBI hat sogar mein Telefon abgehört", erklärt er. Dabei hätte sich später herausgestellt, dass die Attentäter noch nicht einmal Anhänger seiner Musik gewesen seien: "Wisst ihr was: Tatsächlich waren Sie Rammstein-Fans."

Dann fängt der Musiker erneut an, im Grenzbereich zu sinnieren. "Mein Vater war in Vietnam. Er hat mir das Schießen beigebracht, als ich etwa fünf Jahre alt war. Ich bin sehr geübt. Ganz ehrlich, wenn ich wollte, könnte ich ein Scharfschütze sein", erklärt Manson. Und weiter: "Wenn du zur Armee gehst, sollst du Leute töten. Die US-Regierung sagt, das wäre völlig in Ordnung. Aber Töten ist Töten am Ende des Tages. Mein Vater hat Menschen getötet. Charles Manson hat keine Menschen getötet und sitzt lebenslänglich im Gefängnis. Was ist moralisch und was nicht?"

"Der Held ist eine Pussy"

Immer wieder sind es Fragen wie die nach Moral und Amoral, die den Sänger mit dem Namen des durchgeknallten Mord-Anstifters Charles Manson im Künstler-Pseudonym umtreiben. Auch bei seinem neuen Album namens "Born Villain", zu Deutsch etwa "Bösewicht von Geburt". In dem Statement stecke eine gewisse Ironie, sagt der Musiker. "Ich bin in einer christlichen Schule aufgewachsen. Im Christentum steht fest, dass man als Sünder geboren wird. Auch wenn man nur ein Baby ist, das noch nicht einmal in seine Windeln geschissen hat. Dir wird gesagt, dass du Buße tun und zu Jesus beten musst. Daran glaube ich nicht", so Manson.

"Es geht nicht darum, böse zu sein. Für mich ist der 'villain' jemand, der sich nicht scheut, die Regeln zu brechen, um zu schützen, woran er glaubt", erklärt der Musiker weiter sein Konzept. So gesehen, sei der Bösewicht doch eigentlich heroischer als etwa der Held in Filmen, Büchern oder Erzählungen. "Der Held würde die Regeln nicht brechen. Er ist fromm, großspurig und anmaßend. Im Grunde ist er eine Pussy."

Nichts mit "Re"

Dass Manson hingegen zwar eine Pussy-Katze hat, aber ansonsten ein harter Hund ist, hatten wir ja schon. Trotzdem befand er sich in den vergangenen Jahren offensichtlich in so etwas wie einer Lebenskrise. "Ich hatte das Gefühl, auf eine seltsame Art krank zu sein. Metaphorisch gesprochen war es, als ob du jeden Abend ein wundervolles Abendessen zu dir nehmen würdest, dann aber nach Hause gehst und dir übel wird. Du lernst, dich daran zu gewöhnen und anzupassen, ohne zu realisieren, dass es zu deinem Leben geworden ist", erklärt der Sänger. Und weiter: "Ich wusste nicht, dass ich von mir selbst vergiftet wurde. Und das war nicht durch eine Reha, Religion oder was auch immer mit 'Re' zu beheben. Ich musste einfach verstehen lernen, dass ich nicht die Person sein will, die ich bin. Und auch nicht die Person, die ich war. Ich wollte einfach die Person sein, die ich sein sollte."

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Gründet Manson demnächst gar eine Gruppe mit Johnny Depp?

(Foto: picture alliance / dpa)

Und diese Person ist offenbar wieder deutlich näher an dem Aufrührer und Provokateur, als der Manson seinen Ruhm begründet hat. Das zeigt nicht nur das Gespräch mit ihm, sondern auch die Musik auf seinem neuen Album. "Auf meinen vorherigen beiden Alben fing ich an, in eine Falle zu tappen. Auf ihnen habe ich damit experimentiert, persönlicher zu sein", räumt Manson ein, wohl wissend dass beide Werke bei Fans und Kritikern gefloppt sind. "Das war scheiße. Denn ich habe mich scheiße gefühlt, als ich diese Platten gemacht habe."

"Born Villain" indes weist tatsächlich wieder verstärkt in Richtung früherer Erfolgsalben wie "Antichrist Superstar" oder "Mechanical Animals". Oder, um es mit Manson selbst zu sagen: "Die Platte klingt, wie ich aussehe. Schmutzig. Ich habe nämlich nicht geduscht." Während Songs wie "Hey, Cruel World" oder "Overneath The Path Of Misery" ordentlich stampfen und scheppern, könnte man bei "The Flowers Of Evil" gar meinen, die guten alten Bauhaus hätten an dem Lied mitgewirkt. Dem ist nicht so. Sehr wohl aber war Mansons Uralt-Kumpel Johnny Depp als Gitarrist und Schlagzeuger an der Cover-Version des Carly-Simon-Klassikers "You're So Vain" beteiligt, den es allerdings nur als digitalen Bonus-Track geben wird. "Vielleicht gründen wir ja eine neue Band", orakelt Manson scherzhaft.

Wie ein Zombie-Film

Möglicherweise, so erklärt der Musiker, habe er in der Vergangenheit irgendwo die Streichhölzer verloren. "Nicht aber den Funken." Um ihn wieder zu entfachen, unterzog er sich selbst einer Art Katharsis, lagerte nahezu seinen gesamten Besitz ein und zog in ein kleines Appartement über einem Spirituosen-Laden. "Nur weiße Wände, ein schwarzer Boden, meine Gemälde, Musikinstrumente, Bücher und Filme." Hier ergründete Manson auch neue Herangehensweisen an die Musik. "Ich habe mit anderen Leuten im Zimmer Lieder gesungen - das hatte ich zuvor noch nie getan." Wenn er zur Musik im Kopfhörer sang, so dass die Umstehenden nur seine Stimme hören konnten, sei das wie ein Striptease gewesen. "Aber es fühlte sich nicht demütigend, beschämend oder schwierig an - es war aufregend!", erklärt Manson.

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Das Album "Born Villain" ist ab sofort im Handel erhältlich.

(Foto: Universal Music)

"Diese Platte kann man mit einem Film-Genre, das ich sehr gerne mag, vergleichen: Zombie-Filme", führt der Musiker weiter aus. "Wenn man in einer Situation steckt, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, muss man damit umgehen und improvisieren." Und in Richtung eines der lauschenden Kollegen auf der Couch gibt Manson mit trockenem Tonfall mal wieder eine Kostprobe seines bizarren Humors: "Du würdest vielleicht als erster gegessen. Aber das weiß ich natürlich nicht."

Hinter der harten Schale des "Schockrockers" steckt ein ziemlich weicher Kern. Das ist spätestens dann klar, als Herr Manson sich aus seinem Sessel erhebt, um noch schnell für das eine oder andere Handy-Foto zu posieren. Sicher, so räumt der Sänger ein, es gebe Menschen, die seine Musik hassen. Er aber wolle nur für Leute spielen, die ihm auch zuhören wollten. Und mit Blick auf das Album "Born Villain" bilanziert er: "Ich wollte eine Platte machen, die einen etwas fühlen lässt. Und vor allem natürlich eine, die Frauen dazu bringt, sich die Kleider vom Leib zu reißen. Das ist Rock'n'Roll." Dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen.

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Quelle: n-tv.de