Musik

Unterwegs im Zeichen der Ratte The Stranglers feiern 40 Jahre Punk

stranglers3.jpg

Unverwüstlicher, schwarzer Humor ....

Sie spielen Keyboard-Kaskaden, schreiben Konzept-Songs und sind viel zu alt - doch es ist der Furor in Songs wie "No More Heroes", der die Stranglers Mitte der 70er in den britischen Punkrock-Boom hineinzieht. Vier Dekaden später gibt es sie immer noch - rotzig und rüde wie eh und je.

stranglers1.jpg

Vorher ...

Es sind dies die Zeiten, da die Dinosaurie r unter den Bands Jubiläen feiern. Die Toten Hosen haben ihren 30., die rollenden Steine längst den 50. Geburtstag hinter sich, ein halbes Jahrhundert The Who. Und auch die Protagonisten des Punkrock, die Stranglers, haben in diesen Monaten rot eingekreiste Zahlen im Kalender. Posthum werden heuer die Ramones 40 Jahre alt, mit Tommy Ramone weilt nur noch ein Ur-Mitglied unter den Lebenden.

In Großbritannien werden ebenfalls Ehrentage gefeiert: Captain Sensible, kongenialer Gitarrist und Songschreiber von The Damned, mit "New Rose" einst die erste UK-Punkband mit Single-Veröffentlichung, feiert seinen 60. Geburtstag. Er tut das im kleineren Kreis und mit illustren Gästen: Im Londoner Forum spielen am 24. April die legendären Ruts DC, TV Smith, die vergessenen Helden Johnny Moped, dazu Punk-Troubadour Eddie Ten Pole und natürlich The Damned. Das ganze zu "Eintrittspreisen wie 1977", nur 1,70 Pfund. Der Laden war binnen einer Viertelstunde ausverkauft.

Punkrock - alterslos?

Für die Stranglers aus dem britischen Guildford darf es aber gerne eine Nummer größer sein und gefeiert wird auf der ganzen Welt: Die Würger begehen ihr 40-jähriges Jubiläum und touren unablässig über die Kontinente. Unglaublich eigentlich, wenn man bedenkt, dass die Band schon in ihren Gründungstagen deutlich mehr Jahre auf der Uhr hatte als die Jungspunde in den Bands des aufkeimenden Punkbooms: Johnny Rotten etwa ist anno 1977 noch nicht mal ein Twen, Strangers-Schlagzeuger Jet Black ist da schon fast 40. Irgendwie ist es jedoch egal in diesen stürmischen Tagen der musikalischen Revolution, in denen für kurze Zeit alles möglich scheint.

stranglers2.jpg

... und nachfer.

Die Stranglers zelebrieren ihre Heims piele im Londoner "Hope & Anchor"-Club als Saalschlachten. Hier die Band, auf Attacke gebürstet, dort der Mob - spuckend, kratzend, Pogo tanzend. Schlägereien sind an der Tagesordnung. Schnell haben die Würger ihren Ruf weg. Auch Filmemacher Wolfgang Büld ("Manta, Manta") muss das am eigenen Leib erfahren, als er die Band für seine legendäre Doku "Punk in London" 1977 besucht. Er wird bepöbelt, geschubst und beinahe die Treppe hinuntergeworfen.

Keine Helden mehr?

All das passiert auf einem Fundament ungezügelten Schaffensdrangs. Wie im Wahn haut die Band Klassiker um Klassiker raus: "Peaches", "Something better Change", "No More Heroes" - eine grandiose Single reiht sich an die nächste. Das Tryptichon ihrer ersten drei Alben, "Rattus Norvegicus", "No More Heroes" und "Black & White", allesamt Meilensteine des Genres, erscheint binnen gerade einmal 13 Monaten.

stranglers.jpg

Wie die Zeit vergeht ...

JJ Burnel spielt dabei den unter Tausenden von Bands wiedererkennbaren Bass, Gitarrist Hugh Cornwell versieht die Songs mit Vocals zwischen Witz und Wahn, Jet Black liefert den soliden Backbone und Keyboarder Dave Greenfield transportiert seine Vorliebe für die Doors aus der Hippie-Ära direkt auf den dreckigen Asphalt Londons.

Mit Beginn der 80er-Jahre erweitern die Stranglers das Spektrum, lassen die schon auf dem 1979er Album "The Raven" angeklungenen kommerzielleren Töne weiter nach vorn. Der Drogenwalzer "Golden Brown" (1981) wird zum Hit, mit "Aural Sculptures" (1984), darauf Singles vom Schlage "Skin Deep" oder "No Mercy", sind Burnel & Co. endgültig Stammgäste in den Charts. Der Bruch kommt im Jahre 1990, als Frontmann Hugh Cornwell die Band verlässt, um solo weiterzumachen.

Ersatzmann Paul Roberts gibt dem Ausdruck der Stranglers eine ganz neue Farbe. Roberts singt exaltierter, gibt bei Konzerten den Crooner, die Band tourt mit Streichern, hält Hof in der ehrwürdigen Royal Albert Hall, kurzum: die Stranglers fahren die Ernte ihres spektakulären Back-Katalogs ein.

Saft in der Zitrone

Das Ende der Geschichte? Nicht ganz. 2006 verlässt Roberts die Band nach 16 Jahren und die Stranglers ändern ihr Credo ein weiteres Mal, so scheint es. Die Vocals teilen sich ab sofort Burnel und Gitarrist Baz Warne. Der war im Jahr 2000 zur Band gestoßen, vom Hardcore-Fan zum Gitarristen seiner Lieblingsband - mit dem Schritt nach vorn ans Mikro scheint diese Leidenschaft den Sound der Band noch einmal neu zu befeuern. Mehr und mehr finden verschüttete Kracher wie "Shut Up" oder "Peasant in the Big Shitty" ihren Weg auf die Setlist.

Unverwüstlich ist auch ihr schwarzer Humor - so posiert Jet Black, zuletzt wegen schwerer Herzprobleme im zwischenzeitlichen Ruhestand, auf jüngsten Promofotos mit Sauerstoffmaske. Sie hat noch Saft, diese olle Zitrone namens Punkrock. The Stranglers sind der lebende Beweis dafür.

The Stranglers live auf Tour:

13. April - LKA-Longhorn, Stuttgart
14. April - Theaterfabrik, München
16. April - Fabrik, Hamburg

Quelle: ntv.de