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Protest via Twitter und Tiktok Wie K-Pop-Fans Trumps Amerika aufmischen

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Die Boyband BTS ist eine der erfolgreichsten K-Pop-Kombos - und sie zeigt soziales Engagement.

(Foto: REUTERS)

Musik kann viel bewirken. Dass aber ausgerechnet in koreanischer Popmusik ein großes Potenzial für politischen Aktivismus steckt, liegt nicht gerade auf der Hand. Was macht den sogenannten K-Pop besonders und wie wurden seine Fans in den sozialen Medien zu Aktivisten gegen Rassismus und Unterdrückung?

Am 19. Juni 2020 hatten Donald Trump und sein Team zum Wahlkampfauftakt in die Stadt Tulsa in Oklahoma geladen. Es sollte eine große Show werden, das erste Massen-Event seit Beginn der Corona-Krise. Doch auffallend viele Plätze in der Halle blieben leer. Und das, obwohl sich im Vorfeld angeblich mehr als eine halbe Million Menschen angemeldet hatten. Ein Grund für Trumps Tulsa-Fail: Zahlreiche Trump-Gegner hatten Tickets reserviert, nur um dann nicht zu erscheinen.

Organisiert hatten diese Aktion unter anderem sogenannte K-Pop-Stans - das sind besonders passionierte Fans koreanischer Popmusik. Was haben die mit Politik zu tun? Auf den zweiten Blick mehr, als man denkt. "Besonders an der K-Pop-Fankultur ist, dass sie immer schon sehr kampagnenorientiert war und die Fans sehr gut darin sind, sich im Netz selbst zu organisieren und damit große Wellen zu schlagen", sagt Podcaster und Kulturwissenschaftler Sung Un Gang im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Kampagnenerfahren und Social-Media-affin

Ursprünglich dienten die Fan-Aktionen eher dazu, den Bekanntheitsgrad ihrer Idole zu erhöhen, zum Beispiel indem die Fans eigenständig Werbeanzeigen geschaltet oder Suchbegriffe und Künstlernamen bei Twitter systematisch nach oben gespült haben. Aber was die K-Pop-Stans im Einsatz für ihre Idole gelernt haben, setzen sie auch für soziale und politische Zwecke ein. Jüngstes Beispiel ist eine Großspende der K-Pop-Superstars von BTS für die Black-Lives-Matter-Bewegung. Eine Million Dollar hat die Boygroup gespendet - K-Pop-Stans haben sich daraufhin zusammengetan und unter dem Hashtag #MatchAMillion nochmal über eine Million Dollar an Spendengeldern gesammelt, und das in nur 24 Stunden.

Das Beispiel der BTS-Spende zeigt: Es sind nicht nur Fans, die sich organisieren. Auch die K-Pop-Stars selbst nutzen ihre Stimme. Hinter der polierten Popfassade verbergen sich immer wieder auch Kritik am System und politische Botschaften, sagt Gang. Das hat auch mit der Geschichte Südkoreas zu tun. "Unter der konservativen Regierung zwischen 2007 und 2016 hat die Pressefreiheit ziemlich gelitten", sagt Sung Un Gang. "Die Entertainment-Industrie hat deshalb gerne politische und satirische Botschaften in ihre Produkte gepackt. Das wurde zu einer Art semantischem Spiel, bei dem vermeintlich harmlose Bilder oder Wörter als Anspielung auf aktuelle politische Situationen interpretiert werden konnten."

Pop-Fans mit sozialer Ader

Dunkle Flecken in der koreanischen Geschichte sind aber nicht die einzigen Themen, die die K-Pop-Fangemeinde umtreiben, wie die Black-Lives-Matter-Spende zeigt. Auch bei den Protesten in Chile gegen soziale Ungleichheit, die im Herbst 2019 begannen, haben global vernetzte K-Pop-Stans eine große Rolle gespielt und den Unmut der Regierung auf sich gezogen - weil sie die Protestierenden angestachelt hätten, so der Vorwurf.

Besonders aktiv sind die K-Pop-Stans in sozialen Netzwerken wie Tiktok, wo der Tulsa-Boykott organisiert wurde, oder bei Twitter: Rechte und rassistische Hashtags wie #WhiteLivesMatter werden dort gekapert und unbrauchbar gemacht, etwa indem die Stans unter Verwendung des Hashtags massenhaft Videos von sich (sogenannte "Fancams") und ihren Idolen hochladen und damit andere, potenziell rassistische Inhalte verdrängen. Ähnlich gingen die K-Pop-Stans auch gegen Meldeplattformen vor, die US-Polizeibehörden in mehreren Städten nach Beginn der Proteste nach George Floyds Tod eingerichtet hatten, etwa in Dallas. Bürger konnten dort Material hochladen, das bei der Fahndung nach Protestierenden und Randalierern helfen sollte. Die K-Pop-Stans fluteten die Plattformen stattdessen mit massenhaft Fancams oder Videos von Polizeigewalt.

Protest mit Spaßfaktor

Die erfolgreichen Netzaktionen und Kampagnen erinnern manche an das Anonymous-Kollektiv. Bei Twitter unterstützen einige K-Pop-Accounts Anonymous-Konten. Sung Un Gang zieht aber auch Parallelen zur Fridays-For Future-Bewegung. K-Pop-Stans sind jung, vom Teenie-Alter bis Mitte 30, und sie organisieren sich selbst. Die Strategie besteht dabei vor allem aus drei Aspekten: Parodie, Sichtbarkeit und Vernetzung. Für Sung Un Gang ist die Parodie ein wichtiges Element für jungen, politischen Protest - ernstgemeinte Anliegen werden mit einem gewissen Spaßfaktor verknüpft.

Ob die K-Pop-Stans in den USA mehr bewirken können als nur Wahlkampfveranstaltungen zu sabotieren, muss sich erst noch zeigen, sagt Sung Un Gang. Klar sei aber, dass sie das Social-Media-Spiel beherrschen. "K-Pop-Stans sind in Sachen Sichtbarkeit, Themensetzung und politischem Aktivismus in sozialen Netzwerken sehr kompetent. Solange Donald Trump die sozialen Medien weiter für sich nutzen will, gerade auch im Wahlkampf, wird er auf Widerstände stoßen. Die Fans sind gut organisiert und politisch durchaus sehr progressiv. Das könnte Trumps Wahlkampf erschweren."

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Quelle: ntv.de