Panorama

Fallzahlen, Patienten, R-Wert An diesen Daten kommen Bund und Länder nicht vorbei

Seit dem jüngsten Corona-Gipfel hat sich viel geändert: Die Fallzahlen in Deutschland sind merklich gestiegen. Die Situation auf den Intensivstationen spitzt sich wieder zu. Wenn Bund und Länder ihre Entscheidungen für die nächsten Wochen treffen, sollten sie auch diese Datengrundlage berücksichtigen.

Heute Abend entscheidet sich, auf welche Maßnahmen sich die Bürger in Deutschland in den kommenden Wochen einstellen müssen. Eines ist schon vor Ende der Verhandlungen zwischen Bund und Ländern klar: Der geltende Corona-Lockdown wird bis zum 18. April verlängert. Während der vorherige Corona-Gipfel am 3. März noch deutliche Signale hinsichtlich potenzieller Öffnungsschritte sendete, stehen die Zeichen nun auf "Notbremse". Und das hat einen Grund: Die aktuelle Infektionslage hat sich im Vergleich zu Anfang des Monats zum Teil dramatisch verschlechtert.

Noch während die Beratungen liefen, meldeten die Bundesländer am Abend 7475 neue Fälle. Das ist ein deutlicher Unterschied zum vergangenen Montag, als 5718 Neuinfektionen gemeldet worden waren. Überhaupt ist der aktuelle Wert nach Berechnungen von ntv.de der höchste an einem Montag seit dem 18. Januar. Grundsätzlich sind die Infektionszahlen zu Wochenbeginn tendenziell niedriger, weil am Wochenende weniger getestet wird und mitunter Meldeverzögerungen auftreten.

Wie aus den am Abend von ntv.de ausgewerteten Daten hervorgeht, stehen die bevölkerungsreichen Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern derzeit an der Spitze. Binnen 24 Stunden kamen in NRW 1614 und im Freistaat 1464 neu registrierte Ansteckungen hinzu. Die wenigsten neuen Fälle meldeten das Saarland (37), Bremen (53) und Mecklenburg-Vorpommern (73). Insgesamt sind in Deutschland seit Beginn der Pandemie im vergangenen Frühjahr mehr als 2,67 Millionen Infektionen bekannt geworden. Als aktuell infiziert gelten rund 172.800 Menschen.

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Infektion stieg am heutigen Montag um 114 auf 74.822. Hier gab es in den vergangenen Wochen einen Rückgang. Doch in den deutschen Krankenhäusern kehrt sich der zwischenzeitlich positive Trend inzwischen wieder um: Den nunmehr zehnten Tag in Folge stieg die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten. Sie liegt seit Sonntag wieder über der Schwelle von 3000. Laut den Daten des Divi-Registers müssen aktuell 1678 Patienten invasiv beatmet werden. Das sind 27 Personen mehr als am Vortag. Insgesamt sind den Angaben zufolge noch 4885 Betten in den deutschen Kliniken frei - Tendenz sinkend.

Diese besorgniserregende Entwicklung spiegelt mit einiger, zeitlicher Verzögerung die gestiegenen Fallzahlen der vergangenen Tage wider. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag am Morgen bei 107,3. Das ist ein fast doppelt so hoher Wert wie am 3. März, als 64 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche festgehalten wurden. Der am heutigen Montag festgestellte Wert ist der höchste seit zwei Monaten.

199 Regionen überschreiten Notbremsen-Schwelle

Den Länderdaten zufolge, die ntv.de am Abend ausgewertet hat, befinden sich nur noch sechs Bundesländer unter der Inzidenz-Schwelle von 100: Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Schleswig-Holstein. Bis auf Baden-Württemberg weisen die restlichen Bundesländer eine steigende Tendenz auf. Thüringen befindet sich derzeit bei einer Inzidenz von 209,7 (Vortag: 207,7). Der Freistaat hat das deutlich höchste Fallaufkommen im Ländervergleich und liegt als einziges Land über der 200er-Marke.

Und auch für zahlreiche deutsche Regionen gibt es mit Blick auf die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz vorerst keine Grundlage für zeitnahe und umfangreiche Öffnungsschritte: Von den 412 Regionen, die das Robert-Koch-Institut ausweist (dazu gehören die Landkreise, kreisfreien Städte und die Berliner Bezirke), überschreiten 199 (gestern: 180, vorgestern: 173, vorvorgestern: 150) die von Bundeskanzlerin Angela Merkel als "Notbremse" bezeichnete 100er-Marke. Von den 20 Regionen mit den höchsten Werten liegen allein jeweils sieben in Bayern und Thüringen.

Der thüringische Landkreis Greiz bleibt dabei das Schlusslicht. Er ist die mit Abstand am stärksten von der Pandemie betroffene Region Deutschlands. Dem nächtlichen RKI-Datenstand zufolge (22. März, 3.28 Uhr) steigt das Fallaufkommen der Region in Ostthüringen auf 571,9 neu registrierte Fälle je 100.000 Einwohner binnen einer Woche (Vortag: 565,7). Die aktuelle Nummer zwei der Super-Hotspot-Liste ist der ebenfalls in Thüringen liegende Saale-Orla-Kreis, dessen Wert von 398,4 auf 450,7 springt. Dahinter folgen insgesamt sechs Regionen aus Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg, die sich im 300er-Bereich bewegen.

Den aktuell größten Lichtblick gibt es weiterhin an der Mosel: Laut RKI-Daten weist der Landkreis Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz als einzige Region einen einstelligen Wert (9,8) und somit die bundesweit geringste Sieben-Tage-Inzidenz auf. Doch der Anteil der Regionen, in denen sich das Fallaufkommen unter 50 neu registrierten Corona-Infektionen binnen sieben Tagen je 100.000 Einwohner bewegt, sinkt kontinuierlich weiter. Den RKI-Daten zufolge weisen nur noch 41 Städte und Landkreise (gestern: 44, vorgestern: 49, vorvorgestern: 55) eine Sieben-Tage-Inzidenz unter der sogenannten Obergrenze auf.

100 Infizierte stecken 119 weitere Menschen an

Ein wichtiger Faktor, der die wenig erfreuliche Corona-Dynamik verdeutlicht, ist die Ansteckungsrate. Seit einigen Tagen liegt der R-Wert zum Teil deutlich über 1,0. Das 4-Tage-R wird RKI mit 1,19 angegeben (Vortag: 1,31). Das bedeutet, dass im Durchschnitt 100 Infizierte 119 weitere Menschen mit Sars-CoV-2 anstecken. Der 7-Tage-R-Wert liegt etwas niedriger bei 1,12 (Vortag: 1,22).

Damit das Infektionsgeschehen abflacht, sollte der R-Wert eigentlich längerfristig unter 1,0 liegen. Doch gerade die deutlich ansteckenderen Virus-Varianten, die sich derzeit in Deutschland verbreiten, lassen die Aussichten auf eine Entspannung zu reinem Wunschdenken verkommen. Gerade mit der Mutante B.1.1.7, die zuerst in Großbritannien nachgewiesen wurde, stecken sich immer mehr Menschen an. Sie macht inzwischen einen Anteil von rund 72 Prozent an den nachgewiesenen Neuinfektionen in der Bundesrepublik aus.

Neben dem konsequenten Testen ist vor allem das Impfen als ein wichtiger Helfer in der Bekämpfung der Pandemie von Kanzlerin Merkel ins Feld geführt worden. Doch bislang schreitet die Kampagne aus bekannten Gründen (zu wenige Dosen, Astrazeneca-Bedenken, organisatorische Mängel etc.) nur langsam voran. Die Zahl der verabreichten Covid-19-Impfdosen ist inzwischen aber immerhin auf mehr als 10,8 Millionen gestiegen. Dem aktuellen RKI-Impfquotenmonitoring zufolge liegt die Quote der Erstimpfungen nunmehr bei mehr als neun Prozent, die der Zweitimpfungen bei mehr als vier Prozent - das entspricht mehr als 3,3 Millionen voll geimpften Personen. Ein vollständiger Impfschutz besteht bei den aktuell verimpften Präparaten erst nach zwei Impfungen.

Doch je nach Bundesland variiert der Impffortschritt deutlich: Laut RKI liegt das Saarland im Ranking nach Erstimpfungen mit mehr als 10,7 Prozent weiter vorn. Mecklenburg-Vorpommern liegt mit 8,0 Prozent am Ende der Tabelle. Im Ranking nach Zweitimpfungen führt Thüringen weiter mit einer Quote von 4,75 Prozent, Schlusslicht ist Brandenburg mit einer Quote von 3,39 Prozent. Angesichts dieser niedrigen Zahlen rückt die Hoffnung auf eine entspanntere Infektionslage in weite Ferne. Fraglich bleibt, was politisch aus diesen Erkenntnissen gemacht wird.

Quelle: ntv.de, Mitarbeit: Christoph Wolf

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