Panorama

Debatte um Work-Life-Balance"Arbeiten ist für viele ein sinnstiftender Faktor"

07.02.2026, 16:01 Uhr Foto-AutorenboxVon Torsten Landsberg
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Inzwischen haben sich in vielen Branchen einst unvorstellbare Arbeitszeit-Modelle normalisiert. (Foto: IMAGO/Herrmann Agenturfotografie)

Die Teilzeit-Debatte suggeriert, dass Menschen Arbeit nur als notwendiges Übel sehen, das es, so gut es geht, zu vermeiden gilt. Haben wir tatsächlich verlernt, uns mit unseren Jobs zu identifizieren?

Ein Mann steigt im Bürokomplex in den Aufzug und vergisst auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz alles über sein Privatleben und seine Persönlichkeit. Zum Feierabend das umgekehrte Spiel, er erinnert sich nicht an den Arbeitstag, weiß nicht mal, welche Aufgaben er dort erledigt. Die absolute Work-Life-Balance könnte so einfach sein, würde die Realität funktionieren wie die US-Serie "Severance".

Stattdessen müssen wir uns mit Debatten über Teilzeit und Lebensstil und die ungelöste Frage herumplagen, wie wir heutzutage eigentlich arbeiten wollen. Der Wirtschaftsflügel der Union will auf dem kommenden CDU-Parteitag einen Antrag vorlegen, der den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränkt. Ihr ist zuwider, dass Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren, ohne Angehörige pflegen oder Kinder betreuen zu müssen, also: selbstbestimmt. Kein Wunder, dass die Gen Z so faul ist, wenn deren Eltern alle in Teilzeit chillen. Tolle Vorbilder.

"Es ist verrückt, die Forderung zu stellen, dass die Leute jetzt gefälligst 40 Stunden ihrer Woche hergeben sollen, obwohl sie das vielleicht ökonomisch gar nicht müssen", sagt Philipp Staab, Professor für Arbeitssoziologie an der Humboldt-Universität Berlin, im Gespräch mit ntv.de. "Wo ist die Begründung, dass die Menschen irgendeinem Unternehmen diese Zeit schulden?" Im Kapitalismus sei die Arbeitskraft frei, und wer weniger arbeite, verdiene entsprechend weniger.

Kanzler Friedrich Merz beschwört derweil nicht nur, dass sich Arbeit lohnen müsse, sondern auch erfüllen soll. Dafür schlugen ihm Hohn und Spott entgegen von Leuten, die ihr Menschsein nicht über Jobs definieren wollen. Der Begriff Work-Life-Balance unterstellt ja, dass Arbeit und Leben zwei voneinander getrennte Bereiche sind. Hat Merz mit Blick auf den Zeitumfang, den Arbeit in unserem Leben einnimmt, nicht dennoch einen Punkt?

"Natürlich hat er da recht, aber ich sehe nicht, dass man den Leuten die Hingabe absprechen kann", sagt Staab. "Zahllose Umfragen zeigen: Arbeiten ist für ganz viele Menschen ein wichtiger, sinnstiftender Faktor." Warum sonst seien die Pflegekräfte trotz niedriger Löhne sogar während einer Pandemie zur Arbeit gekommen? "Wo ist eigentlich - jenseits von ein paar Gen-Z-TikTokern - diese Welt, in der die Leute nicht als Normalmodell einen großen Teil ihres Lebenssinns aus Arbeit schöpfen?"

Rekordquote in Teilzeit

Trotz des Rechtsanspruchs auf Teilzeit können Unternehmen den Wunsch aus betrieblichen Gründen ablehnen. Wird ihm entsprochen, erleiden sie selten einen Nachteil: Internationale Studien zur Vier-Tage-Woche zeigen, dass die Produktivität stabil bleibt oder sogar steigt, während sich die Zufriedenheit im und mit dem Job erhöht, Stress abnimmt und sich der Schlaf verbessert. Für viele Beschäftigte sind das ausreichend gute Gründe, ihre Arbeitszeit zu reduzieren.

Im dritten Quartal 2025 erreichte die Teilzeitquote in Deutschland mit 40,1 Prozent einen Rekord. Knapp ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten entschieden sich laut Statistischem Bundesamt auf eigenen Wunsch für Teilzeitmodelle, also für mehr Freizeit und Balance, unabhängig von Betreuungs- oder Pflegeverpflichtungen, Fortbildung oder dem Mangel an Vollzeitstellen.

"Diese ganze Diskussion, was überhaupt Vollzeit und was Teilzeit ist, orientiert sich an der Norm, die sich in der Nachkriegszeit als Normalarbeitsverhältnis herausgebildet hat", sagt Staab. "Wir haben schon vor 20 Jahren in der Agenda-Politik über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes diskutiert, weil das alte Standardmodell, das man dem Arbeitsmarkt überstülpt, den Wirklichkeiten der Leute überhaupt nicht gerecht wird."

Die Positionen des CDU-Mittelstands seien daher "ziemlich retro und aus der Zeit gefallen", findet der Soziologe. Im Strukturwandel von einer Industrie- hin zu einer Dienstleistungs- und digitalen Gesellschaft seien zudem neue Berufe entstanden, in denen die Identifikation hoch sei und Menschen gerne in Vollzeit arbeiten würden. "Die sozialen Berufe, die Wissensarbeit, wo die eigene Kreativität gefragt ist, wo man eine hohe Autonomie und Zufriedenheit hat, geben viel her, um in der Tätigkeit aufzugehen."

Kein Anzeichen für Faulheit

Gleichzeitig haben sich in vielen Branchen einst unvorstellbare Modelle normalisiert, die den Arbeitnehmern ein gewisses Maß an Freiheit bieten und Job und Freizeit ins Gleichgewicht bringen: mobiles Arbeiten, flexible Arbeitszeiten, Teilzeit. Die Knappheit an Arbeitskraft habe in den vergangenen Jahren einen Arbeitnehmermarkt geschaffen, auf dem Mitarbeitende und Bewerber selbstbewusst auftreten konnten, so Staab: "Da sagen die Leute: 'Wenn du mich willst, die anderen wollen mich auch, also musst du halt bezahlen oder mir was bieten.' Das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage, die Unternehmer und Politik anerkennen müssen." Für sich selbst gut zu verhandeln, sei gewiss kein Anzeichen für Faulheit.

Wirft man einen Blick auf die schlechten Wirtschaftsdaten, sollte an Freizeit besser sowieso nicht gespart werden. "Die Wachstumsimpulse, die es momentan gibt, kommen nicht aus der Produktion, sondern aus dem Konsum", sagt der Soziologe. Die Menschen bräuchten Zeit zum Konsumieren, um in den Urlaub fahren und Produkte kaufen zu können. Die Wirtschaft sei auf Freizeit angewiesen, um zu florieren. "Gleichzeitig arbeiten in Deutschland so viele Menschen wie noch nie in der Geschichte. Also, was soll dieser ganze Schmarrn?"

Quelle: ntv.de

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