Geldverschwendung?Berliner Theater eröffnet Freibad vor der eigenen Eingangstür

In Berlin steht das wohl ungewöhnlichste Freibad des Landes. Es befindet sich direkt vor einem Theater und wird aus dessen Haushalt finanziert, der Eintritt ist kostenlos. Aus der Politik gibt es Kritik.
Also man musste schon kurz überlegen, ob das eigentlich ein Scherz ist. Vor wenigen Wochen kündigte der neue Intendant der Berliner Volksbühne an, vor dem Theater ein Freibad zu bauen. Mit 25-Meter-Bahn! Und Pommesbude! Matthias Lilienthal will damit nicht nur zeigen, dass er unter Theaterkunst auch versteht, "wenn zwei Leute sich nass spritzen". Sondern für ihn ist die Aktion auch ein Protest gegen die verfallende Infrastruktur in der Hauptstadt. "Uns freut es sehr, dass wir den Freibadmangel für zwei Monate ein klein bisschen relativieren", sagte Lilienthal im Frühsommer. Am Freitag öffnet der Pool um 12 Uhr tatsächlich.
Vor dem monumentalen Theatergebäude glitzert das türkisblaue Becken. Umkleidekabinen wurden aufgebaut, Bademeister und Sicherheitskräfte engagiert. Das Projekt, das auch als Willkommensgruß an die Nachbarschaft gedacht ist, macht schon vorab Schlagzeilen.
Nun wäre die Volksbühne nicht eines der wichtigsten Theater Deutschlands, wenn sie nicht für spektakuläre Aktionen bekannt wäre. Der frühere Intendant Frank Castorf revolutionierte das Theater mit Kunstblut, Videokamera und Gebrüll. Seine Nachbesetzung führte zu Protesten und Verwerfungen.
Nach zwei gescheiterten Varianten übernahm René Pollesch, der aber vor zwei Jahren überraschend starb. Jetzt folgt ihm Lilienthal nach. Der 66-Jährige war früher schon mal an der Volksbühne, leitete das Berliner HAU und die Münchner Kammerspiele. Nicht immer passten seine Vorstellungen vom Theater zu denen der bayerischen Regierungspartei CSU.
Personal größter Kostenpunkt
Offiziell eröffnet wird Lilienthals erste Spielzeit im Oktober, und während im Theater noch die Obermaschinerie saniert wird, organisiert er schon mal das Sommerspektakel. Der Besuch im Freibad ist kostenlos, online lässt sich ein Zeitfensterticket buchen. Ist ein temporäres Freibad, aufgebaut für wenige Wochen, nun unsinnig oder großartig?
Rund 300.000 Euro kostet das Projekt, finanziert aus dem Haushalt des Theaters. Rund 90.000 Euro entfallen auf das Schwimmbecken, etwa 210.000 Euro auf Personal, Projektplanung und Sicherheit. Nach Angaben des Theaters entsprechen die Kosten denen einer großen Theaterproduktion.
Die Volksbühne wird jährlich mit mehr als 20 Millionen Euro bezuschusst. Die SPD-Abgeordnete Dunja Wolff aus dem Berliner Abgeordnetenhaus sieht die Aktion mit dem Pool in Zeiten des Spardrucks kritisch: "Ich hätte mir das Geld für die kleinen Spielstätten, speziell Jugendtheater gewünscht." Statt sich den Traum des Schwimmmeisters zu erfüllen, "sollten besser die Plätze bei Vorstellungen gefüllt werden".
"Politischer Protest"
Die Volksbühne will mit dem Projekt auch Menschen anziehen, die sonst vielleicht nicht ins Theater gehen. Für ihn sei es auch das Anprangern eines sozialen Missstandes, meinte Lilienthal in einem rbb-Interview. Nämlich: dass Infrastruktur wie Bäder, S-Bahnen und Schulen unzureichend funktioniere. "Und das Volksbad ist ein politischer Protest dagegen."
Eine Sprecherin des Theaters erklärt, auch sie fänden die Lage der freien Theaterszene schwierig und wollten sie in ihren Interessen unterstützen. "Das Projekt hilft hoffentlich auch die Wichtigkeit der Kultur in der Stadt Berlin zu zeigen und diese damit zu stärken."
Geplant ist auch Programm wie ein Kraulkurs oder Synchronschwimmen. Und weil es ordentlich zugeht in Deutschland, gibt es auch Vorgaben, wie viele Menschen gemäß einer DIN-Norm gleichzeitig ins Wasser dürfen - maximal 46. Bis Oktober soll das Bad bleiben, mit knapp 20.000 Badegästen wird bis dahin gerechnet. Das Becken wurde gemietet. Andere Materialien sollen später für Inszenierungen verwendet werden.