Panorama

CDU-Plan "ist eine Illusion"Warum ein Social-Media-Verbot für Kinder scheitern muss

21.02.2026, 14:29 Uhr IMG-7408Von Sarah Platz
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Sucht, Gewaltinhalte, Cyberbullying: Kinder müssen auf Social Media besser geschützt werden - aber wie? (Foto: picture alliance / photothek.de)

Australien macht es vor, Deutschland zieht nach? Nach der SPD will nun auch die CDU eine Altersbeschränkung in sozialen Medien. Das steht allerdings nicht nur rechtlich auf wackeligen Beinen, sondern greift auch zu kurz, wie Experten deutlich machen. Schlimmstenfalls wird es für die Jüngsten sogar unsicherer.

Soziale Medien sind in vieler Hinsicht ein Minenfeld, das ist seit Jahren bekannt. Gleich mehrere Studien deuten ein Suchtverhalten bei einem großen Teil der Kinder und Jugendlichen an, Psychologinnen und Psychologen berichten von Stress, Schlafproblemen und Leistungsabfall bei vielen ihrer minderjährigen Patienten. Gezielt in die Sucht treibende Algorithmen sind längst als enormer Risikofaktor ausgemacht. Zudem machen regelmäßig besonders extreme Auswirkungen Schlagzeilen, etwa wenn ein Teenager online in die Selbstverletzung getrieben wird oder sogenannte Tiktok-Challenges tödlich enden.

Kurzum: Eine Regulierung der sozialen Medien, vor allem in Bezug auf Heranwachsende, drängt sich seit geraumer Zeit auf. Allerdings schien das Thema bisher größtenteils in Lethargie vonseiten der Politik und Wirtschaft unterzugehen - zumindest bis vor wenigen Monaten. Als weltweit erster Staat setzte Australien ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige um. Das britische Unterhaus stimmte jüngst für ähnliche Beschränkungen, genau wie die Nationalversammlung in Paris. Österreich, Griechenland und Tschechien denken über ein Verbot nach - und auch die Bundesregierung zieht eine strenge Regulation nun ernsthaft in Betracht.

Die SPD-Bundestagsfraktion forderte am vergangenen Sonntag in einem Positionspapier ein Verbot der Netzwerke bis zum 14. Lebensjahr, außerdem eine Jugendversion für 14- bis 16-Jährige. Die CDU beschloss auf ihrem Parteitag einen Antrag, der die Bundesregierung auffordert, "eine gesetzliche Altersgrenze von 14 Jahren für die Nutzung sozialer Netzwerke einzuführen und das besondere Schutzbedürfnis bis zum 16. Lebensjahr im digitalen Raum auszugestalten". Bundeskanzler Friedrich Merz hatte seine Sympathie für ein Verbot bereits zuvor geäußert. Der Schutz der Kinder müsse im Vordergrund stehen, betonte er.

Dopamin-Kicks in Dauerschleife

Tatsächlich widerspricht schon der Kern des Geschäftsmodells der Plattformen diesem Kindes- und Jugendschutz, wie der Kognitionsforscher Christian Montag bei einer Veranstaltung des Mediendienstes Integration deutlich macht. Der Suchtexperte erklärt das so: Ziel der Konzerne sei es, Onlinezeiten möglichst zu verlängern. Kinder und Jugendliche haben jedoch entwicklungspsychologische Aufgaben, sei es das körperlich betonte Spielen im jüngeren Alter oder die Identitätsfindung in der Pubertät. "Ein von der Industrie gefördertes zu viel auf den Plattformen bedeutet dann ein zu wenig für diese Entwicklungsaufgaben."

Dieses "zu viel" erreichen die Konzerne vor allem durch das dynamische Design der Plattformen, erklärt die Stanford-Professorin Anna Lembke. Es suggeriere, dass es ständig Neuigkeiten gebe. Die nie versiegenden, auf das einzelne Interesse maßgeschneiderten Bilder und Videos lösen Dopamin-Kicks in Dauerschleife aus. Dies führe zu einer Fehlregulation des körpereigenen Belohnungssystems. In ihrem Buch "Die Dopamin-Nation" warnt die Psychiaterin vor einer hochgradig süchtig machenden Technologie der sozialen Medien.

Als Teil der Leopoldina empfahl Montag bereits im vergangenen Jahr eine strengere Regulierung der sozialen Medien. Denn einmal auf den Plattformen angekommen, erwartet die Heranwachsenden ein "Strauß" an Risiken: Der offene Zugang zu verstörenden Bildern von Gewalt und sexuellen Inhalten, nachgewiesene Zusammenhänge zwischen unrealistischen Körperbildern auf den Plattformen und Essstörungen von Teenagerinnen sowie Cyberbullying. "Das, was früher auf dem Schulhof geblieben ist, erfährt nun eine sehr große Skalierbarkeit", so Montag.

Forschung ist Mangelware

Der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt geht in seinem Buch "Generation Angst" sogar noch einen Schritt weiter: Die "smartphonebasierte Kindheit" sei maßgeblich für den starken Anstieg psychischer Probleme bei Jugendlichen verantwortlich. Haydt wertet in seinem Bestseller verschiedene Studien aus und kommt zu dem Schluss, dass soziale Medien Kinder krank machen.

Montag warnt hingegen vor Alarmismus und voreiligen Schlüssen. Zum einen werden psychische Krankheiten bekanntermaßen durch mehrere Faktoren beeinflusst. Zum anderen ist die Datenlage keineswegs so eindeutig, wie etwa von Haidt suggeriert. "Wir sprechen viel über Sucht und Dopamin-Trigger", sagt der Wissenschaftler über die Auswirkungen von sozialen Medien. Tatsächlich seien neurowissenschaftliche Studien in diesem Bereich aber "Mangelware". Viele Erkenntnisse basieren auf sogenannter querschnittlicher Forschung, sprich einer Momentaufnahme an Daten. Um sichere Aussagen über den direkten Zusammenhang von Social-Media-Nutzung und psychischen Krankheiten treffen zu können, bräuchte es deutlich mehr Langzeitstudien.

Dies sei auch der Schlüssel, so Montag, um die Plattformen zu besseren Orten zu machen. Erforscht werden müsste, wie sich das Verhalten der jungen Nutzerinnen und Nutzer ändert, möglicherweise in eine gesündere Richtung, wenn einzelne Designelemente, beispielsweise die Likes, verändert werden. Das Gleiche gelte für die Frage einer möglichen Altersbegrenzung. "Im Moment ist es sehr schwierig, eine vernünftige Zahl darauf zu schreiben." Auch, "weil wir keine Studie haben, die uns belastbar sagt, ab 16 ist es besser als 14 oder 15". Montag macht deutlich: Derzeit wird eine Lösung diskutiert, ohne das Problem in seiner Komplexität durchdrungen zu haben.

Dramatische Folgen für Einzelne

Aus genau diesem Grund hält die Medienpädagogin Kristina Richter ein pauschales Verbot für den falschen Weg. "Es suggeriert, die Lösung des Problems zu sein, aber das ist eine Illusion", sagt Richter, Vorstand der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, im Gespräch mit ntv.de. Zum einen rücken dadurch dringend benötigte Maßnahmen, etwa in der Medienbildung, in den Hintergrund. Zum anderen seien die Auswirkungen von sozialen Medien auf Kinder und Jugendliche weitaus komplexer und differenzierter, als dass sie mit einem bloßen Verbot gelöst werden könnten.

So ergeben sich zwangsläufig auch Nachteile, macht Richter klar. "Soziale Medien bedeuten schon lange nicht mehr nur Unterhaltung, sondern sind auch ein Ort, wo Demokratie stattfindet." Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen informiert sich politisch über die Netzwerke und organisiert sich dort. Ein Verbot würde ihnen diese Möglichkeit nehmen. "Dabei sind doch eben nicht die Kinder das Problem, sondern die Plattformen."

Für bestimmte Gruppen könnte der Verlust der Netzwerke Folgen haben. Kinder, die von Flucht und Migration betroffen sind, könnten etwa die Möglichkeit verlieren, mit Menschen in der Heimat in Kontakt zu bleiben oder die dortige Lage zu verfolgen. Für Jugendliche der LGBTIQ*-Community sind die Plattformen oft wichtige Räume, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und Gemeinschaft zu finden. Eine sinn- und identitätsstiftende Funktion, die ebenfalls ersatzlos wegfallen würde.

Merz' Alkohol-Vergleich hinkt

Ein Verbot gebe der Gesellschaft ein Gefühl von Sicherheit, allerdings auf dem Rücken der Kinder, betonen viele Kritiker daher. Zumal das Sicherheitsgefühl ohnehin trügen würde: 16-Jährige, die sich zum ersten Mal auf den Plattformen anmelden, stünden vor denselben Risiken - im Zweifel nur ohne Erfahrung, Medienkompetenz und einer möglichen kindgerechten Version der Apps. "Dann müssten Sie auch Alkohol schon in der Grundschule ausgeben, damit sie sich dran gewöhnen", sagte Kanzler Merz auf diesen Einwand.

Doch der Vergleich hinkt, wie Richter deutlich macht. "Bei Alkohol und Tabak handelt es sich um stoffbezogene Süchte, bei denen die gesundheitlichen Folgen klar belegt sind." Bei diesen Giften komme es schlicht darauf an, sie so spät wie möglich - nach den wesentlichen Entwicklungsstadien - stattfinden zu lassen. Bei sozialen Medien hingegen würde man von einer Verhaltenssucht sprechen, so die Expertin, allerdings "ist eben noch nicht genau belegt, ob Menschen mit Suchtpotenzial die Netzwerke stärker nutzen oder andersherum". Eine offizielle Diagnose gibt es noch nicht. "Vor allem aber bestimmen die Netzwerke im Gegensatz zu Alkohol unseren Alltag, auch auf eine demokratische Weise."

Letzteres dürfte das Verbot auch rechtlich in Bedrängnis bringen. Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung sieht gleich mehrere Probleme. "Ich finde es überraschend, wie entkoppelt die Debatte um eine Regulierung von Rechts- und Forschungslage stattfindet." So gilt seit 2024 der Digital Services Act, eine EU-Verordnung, die sozialen Netzwerken unter anderem Kinder- und Jugendschutz vorschreibt. EU-Recht geht nationalem Recht vor. Damit kommt ein deutsches Verbot, etwa nach australischem Vorbild, ohnehin nicht in Betracht.

Die bessere Lösung?

"Wenn das der politische Wille ist, müsste man das auf EU-Ebene machen", sagt Dreyer. Tatsächlich zeichnet sich eine breite Mehrheit im Bündnis ab. Allerdings müsste eine Regelung auch verhältnismäßig sein, erinnert der Medienrechtler. Das bedeutet: Die EU dürfte Kinder und Jugendliche nur dann von den Plattformen ausschließen, wenn es keine milderen Maßnahmen gäbe, um sie vor den Gefahren zu schützen.

Hier liegt aus Dreyers Sicht der Hebel. Statt eines Verbots müssten die Konzerne zu einer kinderfreundlichen Version verpflichtet werden. "Das heißt: keine personalisierten Feeds mehr, kein endloses Scrollen, keinen Zugang in der Nacht." Auch körperbezogene Inhalte könnten auf diese Weise abgestellt werden. Risiken würden minimiert, während Kinder und Jugendliche ihre Teilhabe an den Plattformen behielten.

Ein kinderfreundlicher Algorithmus wäre auch weniger leicht zu umgehen. So deutet vieles darauf hin, dass Kinder und Jugendliche in Australien die Sperre reihenweise ignorieren und weiterhin auf den Plattformen aktiv sind, wie der "Economist" berichtet. Viele Altersverifikationen auf KI-Basis lassen sich demnach leicht austricksen, Teenager halten die Kamera etwa auf ältere Freunde oder verziehen ihre Gesichter, um faltig auszusehen. Mithilfe von VPN-Diensten können die Beschränkungen im eigenen Land ebenfalls ausgehebelt werden - in Großbritannien ist die Nachfrage nach diesen Anbietern nach der Entscheidung im Unterhaus massiv gestiegen.

Dreiklang für die Sicherheit

Die Chance, dass sich Kinder und Jugendliche bei Problemen an ihre Eltern oder andere Vertraute wenden, ist deutlich geringer, wenn sie heimlich auf den Plattformen unterwegs sind, wie Pädagoginnen betonen. In diesem Fall würden die Gefahren nicht weniger, sondern mehr. Ob ein Verbot ohne wasserdichte Altersverifikation überhaupt einen wesentlichen Anteil zur Sicherheit beiträgt, ist damit mindestens fraglich.

Richter plädiert daher für einen deutlich umfassenderen Dreiklang: Erstens müssten die Gesetze des DSA konsequent durchgesetzt werden. "Das sind starke Gesetze, die Plattformen zwingen, zu besseren Orten zu werden", so die Medienpädagogin. Es brauche jedoch mehr politischen Mut, das Gesetz anzuwenden, wenn sich die Plattformen weigern.

Zweitens brauche es eine strukturelle Grundversorgung für Medienbildung - "und zwar für alle, Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte", fährt Richter fort. Das erfordere deutlich mehr Investitionen. "Ein, zwei Schulprojekte im Jahr reichen einfach nicht", so die Expertin. "Wir brauchen eine nationale Bildungsoffensive, die Medienbildung kontinuierlich fördert." Im Grunde sei es wie der Schwimmunterricht an Schulen - "da investieren wir, weil jeder weiß, wie gefährlich es ist, wenn man nicht schwimmen kann".

"Und in einem dritten Schritt können wir schließlich darüber nachdenken, wer Zugang zu den Plattformen haben soll und wer nicht", sagt Richter. Das könne auch Verbote beinhalten. Sollte sich die Bundesregierung allerdings nur auf diesen dritten Punkt konzentrieren, bliebe ein Großteil der Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche tatsächlich zu schützen, ungenutzt. Plattformen würde der Anreiz genommen, jugendfreundliche Algorithmen zu entwickeln, Heranwachsenden die Möglichkeit, die Taktiken der Plattformen zu verstehen und kompetent mit ihnen umzugehen. "Das alles wird mit einem Verbot nicht erreicht, sondern schlimmstenfalls erschwert."

Quelle: ntv.de

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