Panorama

Bremen ist nicht Sachsen Corona-Winterwelle trifft nicht alle gleich

Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Coronavirus SARS-CoV-2. Foto: NIAID-RML/AP/dpa/Symbolbild

Höchstwahrscheinlich werden die Corona-Fallzahlen in Herbst und Winter wieder steigen. Wie stark die Welle ausfällt, ist aber noch nicht absehbar.

(Foto: NIAID-RML/AP/dpa/Symbolbild)

Christian Drosten warnt vor einer Corona-Winterwelle, die wegen einer zu geringen Impfquote nicht zu verhindern sei. Doch sie wird nicht alle Regionen gleich hart treffen. Die regionalen Unterschiede sind groß, manche Bundesländer sind gut vorbereitet, andere können nur hoffen, dass es gut geht.

"Die Zahlen sehen übel aus", sagte Charité-Virologe Christian Drosten in der jüngsten Folge seines NDR-Podcasts. Damit meinte er die deutsche Impfquote, die viel zu niedrig sei, um eine sich anbahnende Corona-Winterwelle zu vermeiden. Damit hat er sicher recht. Aktuell sind nur 64,1 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geschützt, 67,8 Prozent haben wenigstens eine Dosis im Oberarm. Insgesamt 72,2 Prozent der Impfberechtigten über 12 Jahren sind durchgeimpft.

Doch regional betrachtet sieht die Situation zum Teil ganz anders aus, manche Bundesländer haben weit bessere Quoten, andere viel schlechtere. Wichtig sind auch Unterschiede in den Altersgruppen sowie die Kapazitäten der Krankenhäuser. Eine Rolle könnten auch die Dunkelziffern bei Genesenen, aber auch Geimpften spielen.

Deutschland nur schlechter EU-Durchschnitt

Europaweit gesehen hat Deutschland durchschnittliche Impfquoten, in der EU haben derzeit 67,1 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis erhalten, 61,4 Prozent sind vollständig geschützt. Doch das liegt vor allem daran, dass die osteuropäischen Länder durchweg miserable Quoten oft deutlich unter 50 Prozent haben. Vergleicht man Deutschland mit seinen westlichen Nachbarn, kommt es nicht besonders gut weg.

Frankreich beispielsweise hat inzwischen dank entschiedener Maßnahmen 78,6 Prozent Erstimpfungen erreicht, immerhin 67 Prozent der Bevölkerung sind durchgeimpft. Spanien kommt auf 79,3 und 71,5 Prozent, Portugal sogar auf 86,5 und 78,6 Prozent. Dänemark, das am 10. September alle Corona-Maßnahmen beendete, hat Quoten von 76,2 und 76,0 Prozent, Norwegen, das kürzlich den gleichen Schritt ging, weist 75,7 und 66,4 Prozent auf.

Viel zu wenig über 60-Jährige geimpft

Schweden, das am Wochenende in den Feier-Modus geht, kommt zwar auch nur auf 69,0 und 63,2 Prozent. Aber im Gegensatz zu Deutschland hat Schweden seine besonders vulnerablen Gruppen schon weitgehend durchgeimpft. Bei den 60- bis 69-Jährigen sind dies 89,3 Prozent, bei den 70- bis 79-Jährigen 94,2 Prozent, die über 80-Jährigen sind zu 91,5 Prozent vollständig geschützt.

In Dänemark sind praktisch alle Menschen über 70 Jahre durchgeimpft, bei den über 60-Jährigen sind es 97,3 Prozent. Sogar 94 Prozent der 50- bis 59-Jährigen haben schon zwei Dosen im Oberarm. Fast ebenso gut sieht es in Norwegen aus, wo in den Altersgruppen ab 50-Jährigen mindestens 90 Prozent vollständig geschützt sind.

Deutschland weist seine Quoten zwar nicht so genau aus, aber dass bisher immer noch nur 84,2 Prozent der über 60-Jährigen durchgeimpft sind, zeigt schon sehr deutlich, wie gefährlich der Bundesrepublik eine hohe Corona-Winterwelle noch werden könnte.

Es werden auch nicht mehr viele hinzukommen, die Quote der Erstimpfungen beträgt bei den über 60-Jährigen auch nur 86,2 Prozent. Das heißt, rund 3,3 Millionen von ihnen sind dem Virus weiter schutzlos ausgeliefert.

Große Unterschiede zwischen Bundesländern

Die Risiken sind in Deutschland allerdings sehr unterschiedlich verteilt. Einige Bundesländer könnten den skandinavischen Nachbarn theoretisch bald in die Corona-Freiheit folgen, während andere in Herbst und Winter vor ernste Probleme gestellt werden könnten.

In Bremen sind bereits 74,8 Prozent der Gesamtbevölkerung durchgeimpft, 78,7 Prozent werden es bald sein. Die Quoten bei den über 60-Jährigen sehen mit 91,5 und 93,7 Prozent sogar noch besser als die schwedischen aus.

Das Saarland und Schleswig-Holstein stehen mit 89 beziehungsweise 88,3 Prozent ebenfalls sehr gut da. NRW, Niedersachsen und Berlin haben auch schon 87,3, beziehungsweise 86,9 oder 86,3 Prozent ihrer über 60-jährigen Bevölkerung vollständig geschützt.

Bis auf Bayern (81,9 Prozent) und Baden-Württemberg (82,6 Prozent) haben die anderen West-Bundesländer wenigstens mehr als 83 Prozent der älteren Menschen durchgeimpft. Mit der Ausnahme Mecklenburg-Vorpommern (83,7 Prozent) sieht es dagegen im Osten der Bundesrepublik nicht gut aus.

Sachsen mit großem Abstand Schlusslicht

Mit Abstand die schlechteste Impfquote hat Sachsen, das es bisher gerade mal geschafft hat, 54,5 Prozent seiner Einwohner durchzuimpfen. Übel sieht es auch bei den über 60-Jährigen aus, nur 77,3 Prozent von ihnen sind in Sachsen vollständig geschützt und mit 77,5 Prozent Erstimpfungen wird sich daran in absehbarer Zeit so gut wie nichts mehr ändern.

Mit einer 7-Tage-Inzidenz von aktuell nur 45,3 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern sind solche Quoten noch kein echtes Problem. Dazu können sie aber werden, sollten die Fallzahlen in Sachsen drastisch steigen. Denn der Freistaat hat keine junge Bevölkerung. Im Gegenteil: Mit rund 47 Jahren hat das Land eines der höchsten Durchschnittsalter der Bundesrepublik. Nur in Mecklenburg-Vorpommern (47,2), Brandenburg (47,2), Thüringen (47,4) und Sachsen-Anhalt (47,9) ist es höher.

Etwa 35 Prozent der rund 4 Millionen Sachsen sind älter als 60 Jahre, also fast 1,4 Millionen. Damit wären etwa 315.000 von ihnen einer Winterwelle ungeschützt ausgeliefert. Zum Vergleich: In Schweden mit 10,4 Millionen Einwohnern sind weniger als 160.000 über 60-Jährige betroffen.

In Brandenburg sind bei einer Gesamt-Impfquote von 58,1 Prozent auch nur 73,1 der über 60-Jährigen vollständig geschützt, die Quote der Erstimpfungen ist exakt gleich hoch. In Thüringen (60,7) sind nur 80,6 Prozent dieser Altersgruppen durchgeimpft, in Sachsen-Anhalt (60,7) immerhin 82,7.

Bayern und Baden-Württemberg auf Ost-Niveau

Im Westen hat man aber keinen Grund, herablassend auf den Osten zu blicken. Denn die großen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg haben bisher ebenfalls nur 81,9 beziehungsweise 82,3 Prozent ihrer über 60-Jährigen durchgeimpft. Und die Erstdosis-Quoten sind mit 83,8 und 84,8 auch nicht berauschend.

Zwar ist die Bevölkerung in den beiden Bundesländern mit einem Durchschnitt von 43,9 und 43,6 Jahren für deutsche Verhältnisse jung, dafür sind Bayern und Baden-Württemberg mit rund 13,1 und 11,1 Millionen nach NRW (18) die bevölkerungsreichsten Länder.

Etwa 27,1 Prozent der Bayern sind über 60 Jahre alt, das sind rund 3,5 Millionen. Also hat das Bundesland knapp 575.000 über 60-Jährige, die noch nicht einmal die erste Dosis erhalten haben. In Baden-Württemberg sind rund 3 Millionen Einwohner über 60 Jahre alt, also fast 462.000 von ihnen noch gänzlich ungeschützt.

Nicht nur die Impfquote zählt

Welche Winterwelle ein Bundesland verkraften kann, hängt vor allem, aber nicht alleine von der Impfquote ab. Eine wichtige Rolle spielen auch die Krankenhauskapazitäten, die bei sehr hohen Fallzahlen nicht nur zunehmend ungeimpfte Senioren, sondern auch jüngere Covid-19-Patienten aufnehmen müssten.

Obwohl es außer in Japan und Südkorea im Verhältnis zur Bevölkerungszahl nirgends mehr Intensivbetten als in Deutschland gibt, sind in der Bundesrepublik vor allem die Intensivkapazitäten knapp. Denn weil es immer weniger qualifiziertes Pflegepersonal gibt, ist die Zahl der betreibbaren Betten extrem zurückgegangen.

Wenig freie betreibbare Intensivbetten

Aktuell stehen nach dem Sommer mit niederen Inzidenzen deutschlandweit mit rund 3200 freien Betten etwa so viele freie Betten zur Verfügung wie im April, als die Stationen mehr als 5000 Covid-19-Patienten versorgen mussten. Heute zählten die Intensivabteilungen aber lediglich 1350 Corona-Fälle.

Sachsen hat am 29. September 204 freie betreibbare Betten gemeldet, Brandenburg 97, Thüringen 124, Sachsen-Anhalt 103. In NRW waren es 728, in Bayern 406, in Berlin 83, in Bremen 10. Das sind wohlgemerkt die freien Kapazitäten für alle Intensivpatienten, nicht nur Covid-19-Fälle.

Das ist knapp, kann für eine moderate Winterwelle aber ausreichen. Ob sie ein Brecher wird oder eher sanft durchrollt, kann aktuell auch noch niemand realistisch vorhersagen.

Wie viele Genesene gibt es tatsächlich?

Unter anderem kann man nur schätzen, wie hoch die Dunkelziffer der Genesenen ist, die nicht wussten, dass sie sich angesteckt hatten oder sich nicht testen ließen. Einer Studie der Universitätsmedizin Mainz nach waren es von Oktober 2020 bis Ende Juli mehr als 40 Prozent. In den Ost-Bundesländern, die im Winter und Frühjahr besonders heftig betroffen waren, könnte die Zahl der unentdeckten Infektionen auch deutlich höher gewesen sein.

Schließlich ist auch nicht ganz klar, wie viele Menschen in Deutschland bisher tatsächlich geimpft wurden. Laut "Spiegel" geht die Kassenärztliche Vereinigung (KV) davon aus, dass mehr als 350.000 verabreichte Impfdosen nicht erfasst wurden. Es ist nicht ausgeschlossen, aber nicht wahrscheinlich, dass es noch viele weitere Fälle gibt. Einen großen Unterschied sollten die nicht gezählten Impfungen also nicht machen.

Was man sicher weiß, ist, dass selbst bei sehr hohen Impfquoten eine unkontrollierte Corona-Welle durch die schiere Masse an Fällen sehr belastend für Gesundheitssysteme sein kann. Aktuell sieht man das in Großbritannien, wo am "Freedom Day" im Juli alle Maßnahmen beendet wurden und die 7-Tage-Inzidenz nach einem zwischenzeitlichen Rückgang wieder steigt und derzeit bei 350 liegt.

Hohe Impfquoten brechen nicht jede Welle

82,5 Prozent der über 16-Jährigen sind dort bereits vollständig geimpft, 89,9 Prozent haben wenigstens die erste Dosis erhalten. Trotzdem meldete die britische Statistikbehörde zuletzt ungefähr eine Vervierfachung der wöchentlichen Todeszahlen seit Mitte Juli auf knapp 1050 am 17. September. Die Zahl der Covid-19-Hospitalisierungen steigt allerdings seit August nicht mehr und ist zuletzt sogar auf 6,36 Fälle pro 100.000 Einwohner gesunken.

Deutschland würde mit seiner Impfquote und älteren Bevölkerung von so einer Welle viel heftiger getroffen, so viel steht fest. Wie stark sie ohne einen deutschen "Freedom Day" ausfällt, ist aber noch ungewiss. Ebenso bleibt abzuwarten, wie sich die höchst unterschiedlichen Impffortschritte dabei auswirken.

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Selbst die höchste deutsche Quote scheint die Winterwelle jedenfalls nicht aufhalten zu können. Denn Bremen hat aktuell nicht nur den besten Impf-Wert, sondern gleichzeitig mit 116 Fällen die mit Abstand höchste 7-Tage-Inzidenz aller Bundesländer. Die Zahl der Intensivpatienten ist in der Stadt von August bis heute von 0 auf 20 gestiegen, 13 von ihnen werden beatmet.

Im gleichen Zeitraum sind in Bremen 16 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Ob das akzeptabel ist, ist eine politische Entscheidung. Früher oder später wird sie die Bundesregierung und jedes Bundesland treffen müssen.

Quelle: ntv.de

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