Festival in Bad Saarow"Das Medium Film spricht junge Menschen einfach an"

In der kommenden Woche startet wieder das internationale Filmfest in Bad Saarow. In diesem Jahr steht das Jugendprogramm im Mittelpunkt des Festivals. "Das Medium Film spricht junge Menschen einfach an, wir geben ihnen eine Stimme", sagt Festivalleiterin Susanne Suermondt. Das Festival "Film ohne Grenzen" findet vom 3. bis zum 6. September statt.
ntv.de: Warum legt das Festival den Schwerpunkt auf die Jugendarbeit?
Susanne Suermondt: Das Jugendprogramm liegt uns seit vielen Jahren sehr am Herzen und ist ein wesentlicher Teil unseres gesellschaftlichen Anspruches. Und es ist auch eine kleine Erfolgsgeschichte. Wir organisieren über das ganze Jahr verteilt Jugendworkshops.
Die dort entstandenen Filme reisen um die Welt zu internationalen Filmfesten. Immer mehr Schulen möchten teilnehmen an den Workshops. Auch zu unserem Schulkinoprogramm während des Festivals melden sich immer mehr Schulklassen aus der Region an. Die Jugendlichen sind richtiggehend stolz, dass sie auf dem Festival ihre Arbeit vor Publikum präsentieren können. Das Medium Film spricht junge Menschen einfach an, wir geben ihnen eine Stimme. Gerade den Jugendlichen, die für gewöhnlich weniger Zugang zu kulturellen Angeboten haben. Das Ganze ist stetig gewachsen, wir stehen in engem Austausch mit den Lehrern und Lehrerinnen und schauen genau, welche Themen virulent sind.
Welche Themen sind das?
Antisemitismus, Mobbing, politische Meinungsbildung und viele weitere Themen.
Wollen Sie das auch politisch nutzen? Und Einfluss nehmen?
Es geht nicht um Einflussnahme, das klingt manipulativ. Uns geht es darum, demokratische Werte zu vermitteln, um Teilhabe und Mitgestaltung. Wir möchten die Diskussionskultur bei jungen Menschen stärken, dass sie in den Austausch gehen und andere Meinungen auch aushalten lernen. Es geht darum, Demokratie praktisch erfahrbar zu machen, wir verbinden Medienkompetenz mit gesellschaftlicher Bildung.
Ist eine Veränderung beim jungen Publikum wahrzunehmen, die die veränderten politischen Verhältnisse und das Wahlverhalten widerspiegeln?
Wir machen diese Jugendprojekte seit vielen Jahren und man kann sagen, es gibt eine wahrnehmbare Veränderung. Zum Beispiel bei dem Workshop-Projekt "Jugendwahl". Da wurde klar, dass viele Schüler, sagen wir, eher "rechts" denken, und Vorbehalte gegen Fremdes hegen. Das Thema ist sehr komplex. Junge Menschen wachsen heute mit einer Verdichtung von Krisenerfahrungen auf. Da lösen Themen wie Migration und Zugehörigkeit, Freiheit und Zukunftsangst starke Reaktionen aus.
Wie hat sich das konkret geäußert?
Indem sie sehr klar beschreiben, wie sie es finden, dass es viele Migranten in Deutschland gibt. Dass sie das Gefühl haben, ihnen wird etwas weggenommen. Dass sie für ihre berufliche Zukunft schwarzsehen. Das Gute ist aber, dass wir mit unserer Arbeit die Schüler und Schülerinnen in Diskussionen bringen, Vorurteile ansprechen und diskutieren. Man ist oft erstaunt, wie schnell junge Menschen bereit sind, ihren Standpunkt zu überdenken. Gerade in diesen politisch turbulenten Zeiten ist unsere Arbeit wichtiger denn je.
Wird das in der Programmauswahl berücksichtigt und werden andere Filme ausgewählt als vor fünf Jahren?
Auf alle Fälle. Die Filme sind alles in allem politischer geworden und die Themen sollen gerade die Jungen bewegen. Es geht um Themen wie Herkunft und Identität, zum Beispiel in dem Film von Eva Trobisch, "Etwas ganz Besonderes", es geht um Krieg und Propaganda wie in "Mr. Nobody Against Putin" von Pavel Talankin, und um viele andere Stoffe, mit denen sich gerade junge Menschen in diesen Zeiten beschäftigen müssen.
Da fehlt das Thema Klimaschutz, das vor fünf Jahren zu Hochzeiten von Fridays For Future das damalige Festival mitgeprägt hat.
Wir können nicht jedes Jahr alles, was uns beschäftigt, filmisch berücksichtigen. Sicher ist im nächsten Jahr dann wieder ein Klimafilm Teil des Programms.
Ist das Festival dann auch so etwas wie ein Jugendbarometer?
Vielleicht nicht im klassisch empirischen Sinne. Aber es ist ein qualitatives Stimmungsbild: Welche Geschichten beschäftigen Jugendliche? Was finden sie glaubwürdig und relevant, was betrifft ihre Lebenswirklichkeit? Es geht um Liebe, Freundschaft und Identität. Die Jugendlichen sind dabei Kuratoren und Diskussionspartner.
Welchen Film dieses Jahrgangs sollten junge Leute auf keinen Fall verpassen?
Den Film "DJ Ahmet" von Georgi M. Unkovski würde ich unbedingt empfehlen, ebenso "Sunny Dancer" von Mathilde Juhl. Beide Filme nehmen die Sehnsucht junger Menschen nach einem selbstbestimmten Leben ernst. Beide Filme schaffen Empathie für Menschen, deren Lebenswelt man vielleicht nicht kennt. Der Film "Polizei" ist ebenso ein "must see". Es geht um Eigenverantwortung und die Macht von Institutionen. Übrigens werden die Filmemacherin Buket Alakus und die Schauspielerin Luise Helm für ein Filmgespräch vor Ort sein.
Mit Susanne Suermondt sprach Nikolaus Blome