Panorama

China lockert Null-Covid-Politik Der gefährliche Preis für die Freiheit

2022-12-03T042328Z_1891551982_RC2MXX9DUIWO_RTRMADP_3_HEALTH-CORONAVIRUS-CHINA.JPG

Chinas Null-Covid-Strategie konnte die Omikron-Variante nicht aufhalten.

(Foto: REUTERS)

Die Proteste in China scheinen gewirkt zu haben: Die Regierung in Peking verspricht zum ersten Mal Lockerungen der strikten Null-Covid-Politik. Experten fürchten jedoch, dass der Schritt nicht nur eine riesige Infektionswelle nach sich zieht, sondern auch viele Tote.

Tägliche Corona-Tests, Lockdowns und Zwangsquarantäne: Seit drei Jahren ist das Leben in China von harten Kontrollmaßnahmen geprägt. Damit soll nun Schluss sein. Denn nur eine Woche, nachdem landesweit Proteste gegen die drakonische Null-Covid-Politik ausgebrochen sind, vollzieht die Regierung in Peking eine abrupte 180-Grad-Wende. Und das inmitten der heftigsten Infektionswelle, die das Land je erlebt hat.

Dabei fuhr China lange Zeit gut mit seiner Strategie - zumindest was die Eindämmung des Virus betrifft. Während über die meisten Länder eine Welle nach der anderen rollte, konnte China das Coronavirus sehr gut in Schach halten. Allerdings war es womöglich nur eine Frage der Zeit, bis eine neue Variante auftaucht, die so immunflüchtig und ansteckend ist, dass selbst Chinas strikte Maßnahmen nichts gegen sie ausrichten können. Mit Omikron war es schließlich so weit.

Doch anstatt sich auf ein solches Szenario mit beispielsweise einer verstärkten Booster-Impfkampagne vorzubereiten, forcierte die chinesische Führung ihre Null-Covid-Strategie. Zum Teil wurden ganze Stadtbezirke wochenlang abgeriegelt, Hunderttausende Menschen saßen in ihren Wohnungen oder - noch schlimmer - in Quarantänecamps fest. In der Zwischenzeit sanken die täglichen Impfungen auf ein Rekordtief. Intensivbetten blieben knapp, dafür sprossen immer mehr Testkabinen und Isolierungseinrichtungen aus dem Boden. Zudem konnte die Forschung an selbst hergestellten mRNA-Impfstoffen nicht mit dem sich schnell verändernden Virus Schritt halten.

Angesichts der sich ausbreitenden Omikron-Variante und den gleichzeitig aufkeimenden Freiheitsbestrebungen der Bevölkerung steckte China also in einer Zwickmühle. Mit den angekündigten Lockerungen wagt die Zentralregierung nun einen ersten Schritt in Richtung Normalität - aber nicht ohne Risiken. Der frühere Vizedirektor des chinesischen Gesundheitsamts, Feng Zijian, geht laut Staatsmedien davon aus, dass sich 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung infizieren werden. Das wiederum könnte eine Flut von Corona-Toten zur Folge haben. Bereits im Mai warnte eine Studie der Fudan-Universität in Shanghai vor einem "Tsunami" von Covid-Fällen und etwa 1,6 Millionen Todesfällen, wenn China seine "Null-Covid"-Politik aufgibt.

"Der dunkelste Moment"

Nach dem jüngsten Ausbruch in Peking erleben Krankenhäuser der Hauptstadt heute schon einen starken Zulauf von Infizierten und Personalmangel. "Die Notaufnahme ist voll mit Patienten", schildert eine Schwester dem Magazin "Yicai". "Viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen, erweisen sich nach einem PCR-Test als positiv." In Ärztekreisen zirkuliert ein Aufsatz, wonach die nächsten ein, zwei Monate "der dunkelste Moment" für das medizinische Personal werden. "Positive Patienten stapeln sich in der Fieberklinik, und es gibt viele Komplikationen", berichtet ein Intensivmediziner eines Hospitals.

"Die Tatsache ist, dass China nicht bereit ist für eine Welle dieses Ausmaßes", sagt Siddharth Sridhar, Virologe an der Universität Hongkong, der "New York Times". Nur 60 Prozent der Bevölkerung ist dreimal gegen das Virus geimpft. Dabei ist bekannt, dass die in China zugelassenen Impfstoffe am besten vor schweren Krankheitsverläufen schützen, wenn sie dreimal verabreicht werden. Und selbst dann wirken sie laut Studien weniger zuverlässig als mRNA-Impfstoffe, die aber bislang noch nicht für die einheimische Bevölkerung in China zugelassen sind.

Das könnte vor allem für die ältere Bevölkerung gefährlich werden. Zwei Drittel der über 80-Jährigen sind zwar geimpft, aber nur 40 Prozent haben eine Auffrischungsspritze erhalten. Dabei hatte eine Untersuchung während der Omikron-Welle in Hongkong Anfang des Jahres gezeigt, dass zwei Dosen von Chinas Impfstoff Sinovac bei Menschen ab 80 Jahren nur zu 58 Prozent vor einem schweren Covid-Verlauf schützen. Zwei Dosen des Impfstoffs von Pfizer/Biontech hingegen waren in der gleichen Gruppe zu 87 Prozent wirksam.

Hinzu kommt: Die letzte Impfung liegt bei den meisten Chinesen bereits lange zurück. Das mindert den Schutz vor schweren Erkrankungen zusätzlich. Beobachtern zufolge hat die Null-Covid-Strategie die Impfbemühungen erschwert. Die Begrenzung der Infektionen rettete zwar Leben, gleichzeitig sei aber dadurch die Dringlichkeit einer Impfung vielen älteren Menschen nicht bewusst, sagt Andy Chan, Analyst in einem in Shanghai ansässigen Beratungsunternehmen, der "New York Times".

"Tsunami" von Covid-Fällen

Nun verursacht die Omikron-Linie des Coronavirus in der Regel weniger schwerwiegende Verläufe. So begründet auch die Regierung die Lockerungsschritte. Das Virus habe sich verändert, heißt es aus Peking. Mehr als 95 Prozent der Fälle in China seien asymptomatisch und verliefen mild, die Sterblichkeitsrate sei gering. Dass Omikron allerdings gänzlich ungefährlich für China ist, daran zweifeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auch wenn 95 Prozent der Fälle asymptomatisch seien, reichten bei einem massiven Anstieg der Infektionen die übrigen fünf Prozent, um das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenze zu bringen, schreibt Virologe Sridhar auf Twitter.

China hat zwar bereits angekündigt, mobile Impfstationen errichten zu wollen, Impfungen in Pflegeheime zu bringen und von Tür zu Tür zu gehen, um die am meisten gefährdeten Menschen zu erreichen. Fraglich ist jedoch, ob das noch rechtzeitig gelingt, bevor die befürchtete Welle über das Land schwappt. Außerdem könnten sich neue Varianten ausbreiten, wenn das Virus in China nun auf Millionen Menschen ohne ausreichenden Immunschutz trifft. Schon jetzt "beobachten wir Varianten, beispielsweise aus Asien, die an noch mehr Stellen des Spike-Proteins, mit dem das Virus unsere Zellen befällt, verändert sind", sagte der Immunologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité im Gespräch mit ntv.de. Sollten sich solche Varianten durchsetzen, sei mit beachtlichen Infektionszahlen zu rechnen.

Mittlerweile gibt es auch in China mehr Möglichkeiten, Covid-19 antiviral zu behandeln. Zudem haben vier neue chinesische Impfstoffe eine Notzulassung bekommen, drei proteinbasierte Vakzine sowie ein nasaler Spray-Impfstoff. Es gehe darum, die Kurve der Infektionen "flach zu halten", sagt ein europäischer Gesundheitsexperte in Peking laut Deutscher Presse-Agentur. Es sei "ein Rennen zwischen dem Virus und den Impfungen - mit etwas unbekanntem Ausgang in Bezug auf die Zahl der Toten".

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen