Panorama

Deutsches SchulbarometerPsychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verschlechtert sich erstmals seit Corona

18.03.2026, 06:30 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
00:00 / 07:06
Schueler-einer-siebten-Klasse-melden-sich-in-einem-Klassenraum-am-Oskar-Maria-Graf-Gymnasium-in-Neufahrn-in-einer-Unterrichtsstunde-im-Fach-Mathe-Die-Schule-wurde-anlaesslich-des-Pilotprojekts-Digitale-Schule-der-Zukunft-von-der-Kultusministerin-Stolz-und-dem-Staatskanzleiminister-Herrmann-besucht
Viele sind froh, wenn sie die Schule endlich hinter sich lassen können. (Foto: picture alliance / dpa)

Wie geht es Kindern und Jugendlichen in der Schule? Was wünschen sie sich? Das fragt die Robert Bosch Stiftung seit 2019 im sogenannten Schulbarometer. Diesmal fallen die Antworten beunruhigend aus.

Erstmals seit der Corona-Pandemie steigt die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen wieder. Das geht aus dem Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung hervor. Demnach zeigt jedes vierte Kind psychische Auffälligkeiten (25 Prozent), wie Ängste oder Depressionen. Vor einem Jahr waren es noch 21 Prozent der Befragten. Julian Schmitz, der an der Universität den Lehrstuhl für Klinische Kinder und Jugendpsychologie innehat, nennt dieses Ergebnis "wirklich besorgniserregend", zumal sich damit nach mehreren Studien inzwischen ein deutlicher Trend zeige. Für die Erhebung waren zwischen Mai und Juni 2025 insgesamt 1.507 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie jeweils ein Elternteil befragt worden.

"Wir wissen einfach, dass in Kindheit und Jugend viele Weichen gestellt werden für ein psychisch gesundes Aufwachsen", sagte Schmitz bei der Vorstellung der Ergebnisse. Er hat die Studie mit einem interdisziplinären Forschungsteam konzipiert. Drei Viertel aller psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft begännen in dieser Altersspanne.

Besonders betroffen sind Kinder aus einkommensschwachen Familien. Sie berichten den Angaben zufolge überdurchschnittlich häufig von psychischer Belastung (31 Prozent). Auch die Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung, Anna Gronostaj, nannte die Ergebnisse ein Warnsignal, das man nicht ignorieren dürfe.

Unter allen Befragten gaben 16 Prozent an, sich in der Schule nicht wohlzufühlen. "Wenn wir uns aber nur die Kinder und Jugendlichen aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen ansehen, sind es hier sogar 29 Prozent, die ein geringes schulisches Wohlbefinden aufweisen", so Gronostraj. Dass es dieser vulnerablen Gruppe überdurchschnittlich häufig auch in der Schule nicht gut geht, sei ein Befund, den man nicht einfach so hinnehmen könne. Kinder und Jugendliche, die sich an ihrer Schule wohlfühlen und gern zur Schule gehen, haben deutlich bessere Voraussetzungen für positive Lernergebnisse.

Schmitz betonte, dass sich Armut nicht nur auf Bildungschancen auswirkt, "sondern auf die psychische Gesundheit junger Menschen". Diese negative Entwicklung, die sich oft über Generationen hinweg fortsetze, führe "nicht nur individuell und familiär zu hohem Leiden", sondern bringe auch "gesamtgesellschaftlich enorme Kosten" mit sich. Derzeit werde vor allem über den Einfluss von sozialen Medien auf die psychische Gesundheit Heranwachsender diskutiert. Allein durch Armut ergebe sich aber allein ein "zwei- bis dreimal so hohes Risiko, dass man psychisch bedeutsam belastet ist. Und das heißt, wir müssen solche Faktoren deutlich mehr in den Fokus nehmen und auch schauen, was können wir im positiven Sinne auch verändern".

Ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen gab den weiteren Angaben zufolge an, mindestens einmal im Monat von Mitschülerinnen oder Mitschülern schikaniert zu werden, jeder Zehnte sogar wöchentlich oder täglich. Meist geht es um direktes, persönliches Mobbing, oft tritt es aber auch in Kombination mit Cybermobbing auf. Als positiver Aspekt zeigte sich dabei: Die Aufklärung an den Schulen scheint anzukommen. Vier von fünf Kindern und Jugendlichen wissen, an wen sie sich für Hilfe wenden können.

Gleichzeitig empfindet fast die Hälfte aller Befragten der Studie hohen Leistungsdruck und gibt an, auch am Wochenende für die Schule lernen zu müssen. Schon im vorhergehenden Schulbarometer stand die Sorge, in der Schule nicht genug Leistung zu bringen, hinter Kriegsängsten auf Platz zwei der größten Befürchtungen. Die Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, Amy Kirchhoff, bestätigte, dass sich die Studienergebnisse mit dem decken, was bundesweit Schülerinnen und Schüler berichten.

Erstmals wurde gefragt, inwieweit Schülerinnen und Schüler bei schulischen und unterrichtlichen Themen mitbestimmen dürfen. Insgesamt werden die Mitbestimmungsmöglichkeiten als gering eingeschätzt. 34 Prozent konnten bei Klassenregeln, 19 Prozent bei schulischen Aktivitäten wie Projektwochen viel oder sehr viel mitbestimmen. Bei der Unterrichtsgestaltung und der Leistungsbewertung sei der Einfluss aber sehr gering. Etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen kann bei Unterrichtsinhalten und -materialien gar nicht mitbestimmen. Bei Noten und Prüfungsterminen geben jeweils etwa Zweidrittel der Befragten an, keine Möglichkeiten zur Mitbestimmung zu haben.

Bei ihren Empfehlungen sind die Expertinnen und Experten sehr deutlich. Es gebe klare Zusammenhänge zwischen den Mitbestimmungsmöglichkeiten einerseits und dem schulischen Wohlbefinden und sogar der allgemeinen Lebenszufriedenheit andererseits. Schülerinnen und Schüler, die mehr mitbestimmen können, berichten auch, dass es ihnen besser geht.

Thilo Engelhardt, Schulleiter an der Heidelberger Waldparkschule, die 2017 den Deutschen Schulpreis gewonnen hat, berichtete, dass an seiner Schule alle Entscheidungen und Probleme mit den Schülerinnen und Schülern diskutiert werden - Möbelbestellungen ebenso wie Elternbriefe oder Vandalismus auf den Toiletten. Schülervertreterin Kirchhoff stellte sich hinter die Empfehlung des Schulbarometers, Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, auch im Kleinen beteiligt zu werden. "Wir müssen kleine strukturelle, demokratische Funktionen stärken, wie einen Klassenrat, wie grundsätzliche demokratische Abstimmungen." Das könne man von Schulen lernen, die diese Instrumente bereits etabliert haben.

Weil inzwischen der Schule immer mehr Aufgaben zufielen, betonte Gronostaj, müsse die Finanzierung von Schulsozialarbeit und Beratungslehrkräften sichergestellt werden. Schulen übernehmen inzwischen einen großen Anteil an der Erziehung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, weil Eltern arbeiten sollen und müssen. "Schule muss dementsprechend auch ausgestattet sein." Von dieser Unterstützung profitierten zudem Lehrkräfte und Lernende gleichermaßen.

Mit dem Deutschen Schulbarometer lässt die Robert Bosch Stiftung seit 2019 regelmäßig repräsentative Befragungen zur aktuellen Situation der Schulen in Deutschland durchführen. Seit 2024 werden neben Lehrkräften auch Schülerinnen und Schüler befragt.

Quelle: ntv.de

KinderPsychologieStudienSchuleJugend