Brandexperte zieht ParalleleDie Feuer-Katastrophe im "The Station" - Warum man aus 2003 hätte lernen müssen
Von Anna KrillerNach dem verheerenden Brand in Crans-Montana zieht ein Experte Parallelen zu einer Katastrophe von 2003. Damals sorgen ähnliche Umstände für zahlreiche Opfer. Eine Tragödie, aus der man hätte lernen müssen.
Nach vielen Spekulationen scheint die Brandursache im Schweizer Skiort Crans-Montana nun geklärt zu sein: Laut Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud haben Sprühfontänen auf Champagnerflaschen die Decke der Schweizer Bar "Le Constellation" in Brand gesetzt. Dies löste offenbar einen sogenannten Flashover aus. Eine Katastrophe, die einem Brand in einem Club im US-Bundesstaat Rhode Island aus dem Jahr 2003 sehr ähnlich ist - und aus der man hätte lernen können.
Das betont zumindest Brandermittler Markus Knorr im Interview mit dem Schweizer Nachrichtenportal "20min". Bei dem in Fachkreisen bekannten Brand im Nachtclub "The Station" sind rund 100 Menschen ums Leben gekommen, etwa 230 wurden verletzt. Die Rockband Great White hatte hier während eines Songs Pyrotechnik gezündet, woraufhin der brennbare Schaumstoff an Bühne und Wänden Feuer fing und dieses sich extrem schnell ausbreitete. Innerhalb weniger Minuten war der kleine Club vollständig verraucht und ausgebrannt, viele Opfer starben im Gedränge am Haupteingang, weil dieser Ausgang durch eine Massenpanik blockiert wurde.
Auch die Aufnahmen aus der Schweizer Bar "Le Constellation" lassen eine Akustikverkleidung der Decke vermuten. Diese sei zwar für die Akustik im Raum gut, für den Brandfall aber eine Katastrophe, erklärt Knorr: "Ein brennbares Material mit einer sehr großen Oberfläche im Verhältnis zur Masse entzündet sich leichter und brennt viel schneller ab. Man kann das mit einem Holzblock vergleichen: Ein massiver Block brennt schwer an, aber die gleichen Späne brennen sofort."
Auf den Videos sehe man zudem sehr deutlich das Abtropfen in den ersten Sekunden. Dies spreche für einen Kunststoff wie Polystyrol (PS). "Wenn dieser nicht flammenhemmend ist, brennt er schnell und tropft brennend ab. Durch die horizontale Verlegung an der Decke breitet sich der Brand dort extrem schnell aus." Normalerweise steige Wärme nach oben, hier brenne es aber bereits, was dazu führe, dass der gesamte Raum sehr schnell von oben erhitzt werde. "In solchen Fällen kann ein Raum innerhalb von 60 bis 90 Sekunden im Vollbrand stehen", erklärt Knorr.
"Man kann darauf eigentlich gar nicht reagieren"
Das bestätigt auch Sven Schrader, Experte für Explosives und Pyrotechnik, im Interview mit ntv. "Aus fachlicher Sicht wird es sich hier wahrscheinlich um eine Durchzündung gehandelt haben. Dieser sogenannte Flashover könne bereits durch einen kleinen Brand ausgelöst werden, wenn "explosionsgefährliche Gas-Luft-Gemische" entstehen. Heiße Gase sammeln sich unter der Decke, reagieren beim richtigen Mischungsverhältnis mit der Raumluft und erzeugen eine Art Stichflamme.
Durch brennbare Materialien in der Decke könne sich das Feuer dann rasend schnell ausbreiten. "Man kann darauf eigentlich gar nicht reagieren, man wird völlig überrascht", sagt Schrader. Dadurch, dass der Sauerstoff im Raum durch den Reaktionsprozess weitestgehend aufgebraucht sei und sich zusätzlich hochgiftige Verbrennungsrückstände bilden, führe das schließlich zu einem sehr schnellen Tod.
In den USA gelte der Fall aus dem Jahr 2003 als Weckruf, was die schnelle Brandausbreitung bei solchen Schäumen angehe, erklärt Brandermittler Markus Knorr bei "20min". Er gilt bis heute als eines der prägendsten Negativbeispiele für Versagen bei Brandschutz, Bauaufsicht und Veranstaltungssicherheit in Nachtclubs und führte in vielen US-Bundesstaaten zu verschärften Vorschriften für Pyrotechnik in Innenräumen, strengeren Kontrollen von Baumaterialien und strengeren Anforderungen an Sprinkleranlagen in Versammlungsstätten. Für Knorr ist darum klar: "Wir hätten in der Zwischenzeit eigentlich daraus lernen sollen. Vielleicht ist dieses Ereignis nun der Punkt für Europa, an dem man sich solche Kombinationen, gerade was Kunststoffe angeht, genauer anschaut und mehr Sensibilität herstellt."
