Panorama

Aus der Schmoll-EckeDie deutschen Weltretter schaffen es nicht aus ihrer Blase

10.05.2026, 07:24 Uhr schmollEine Kolumne von Thomas Schmoll
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Die kleine Frau und der kleine Mann mit ihrem weißen BMW: In diesem Fall nicht unser Kolumnist, sondern die Schauspielerin Christina Schollin und ihr Ehemann Hans Wahlgren (1962). (Foto: IMAGO/imagebroker)

Neulich hörte unser Kolumnist ein Interview mit einer Mobilitätsforscherin. In ihren Aussagen zeigte sich die Arroganz einer städtischen Elite, die die kleine Frau und den kleinen Mann von oben herab zu vernünftigen Menschen machen will, damit sie ihr Auto abschaffen. Es ist genau das, was den Höhenflug der AfD erzeugt.

Letzens fuhr ich von Leipzig nach Berlin in meinem weißen BMW – keine Sorge, ein kleiner mit wenig PS – und hörte Radio, natürlich öffentlich-rechtliches. Ein Journalist – selbst redend und selbstredend neutral und kritisch – befragte eine Professorin, die zu Mobilität forscht, was immer es da zu erforschen gibt. Thema war der Tankrabatt. Der Fragesteller erklärte unter anderem: "Es gibt auch Kritik an der Subventionierung der fossilen Energie. Denn der Stau des Schiffverkehrs vor der Straße von Hormus, der könnte durch den Preisdruck ja auch zu weniger Staus auf deutschen Straßen führen. In der Krise könnte ein Impuls stecken, die Verkehrswende voranzubringen."

Ein gefundenes Fressen für die Mobilitätsforscherin, die umgehend bewies: Egal, ob die deutsche Wirtschaft abschmiert und täglich Hiobsbotschaften verkündet werden, Hunderten oder Tausenden gekündigt wird, die Belegschaft um die Schließung ihres Standortes zittert, Firmen pleitegehen wie seit Jahren nicht, Sozialausgaben steigen, der Schuldenberg ungeahnte Höhen erreicht, Menschen bibbern, sich nichts mehr leisten zu können, weil Miete und Lebensmittel das Einkommen verschlingen - deutsche Weltretter geben so schnell nicht auf und bleiben ohne Abstriche bei ihrer Linie.

Die Professorin ließ die Unvernünftigen und sonstige Hörende wissen: "Die wenigsten Menschen können sich ein Leben vorstellen, ohne eigenes Auto und ohne Auto zu fahren." Warum sollten sie auch? Sie fahren damit zur Arbeit, zu Freunden und Verwandten und haben keine Lust auf stundenlange Verspätungen der Bahn. Oder sie nehmen sich einfach die Freiheit, das Teil zu bewegen, für das sie Kfz-Steuer zahlen. Die Mobilitätsforscherin erklärte den "Aufschrei an den Tankstellen" wegen der hohen Benzinpreise jedenfalls mit diesem Beharren der Deutschen auf ihr Automobil, das sie offenbar nicht goutiert. 

Planetare Grenzen

Die auf mich missionarisch wirkende Wissenschaftlerin, die schon über "soziologische Befunde zu Herausforderungen der Verkehrswende" auf einer Konferenz der Grünen referierte, was durchaus auf eine politische Nähe zu der Partei schließen lässt, erzählte von ihrem Ärger über eine Überschrift in einer Zeitung, "dass der Sommerurlaub infrage gestellt wird". Sie sagte allen Ernstes: "Es geht ja nur um diese Urlaube, die tatsächlich einen Flug beinhalten." Um dann auch noch auf die Armen in der Welt zu verweisen. "Global gesehen" schaue es nämlich so aus: "Die allermeisten Menschen werden nie fliegen." Oh weh, die armen Armen können sich keine Flüge leisten – weshalb Europa Schrottautos in die Länder der armen Armen exportiert. Aber halt! Der Klimawandel gibt, wie die Frau erklärte, setzt der Missetat, von A nach B durch die Luft zu gelangen, ohnehin "planetare Grenzen".  

Es geht also NUR um Ferien in Gegenden, die man mit dem Flugzeug erreicht. Aufgeregt – echt aufgeregt – hat mich die Selbstvergessenheit und Abgehobenheit der Mobilitätsforscherin. Leute, macht es euch im Schwarzwald, der Lüneburger Heide und an der Ostsee gemütlich, pfeift auf Spanien, Italien oder Kanada, erweitert nicht euren Horizont, damit Deutschland, das mit seiner Energiewende schon Milliarden verbrannt hat, weiter Weltmeister im Weltretten bleibt. Kennt die gute Frau die Hotelpreise in Deutschland, was eine Familie im Hochsommer für einen längeren Ostseeurlaub hinlegen muss oder müsste? Eine Professorin kann sich das leisten. Ihr Einkommen ist garantiert, es kommt nämlich aus der Staatskasse, in die jene Leute einzahlen, die am Fließband stehen, an der Kasse sitzen und irgendetwas reparieren, um sich einen Urlaub zu finanzieren.  

Der Journalist fragte, ob die Gesellschaft drumherum kommt, das Auto zu verdrängen und weniger zu fliegen. "Wenn wir das Eindämmen des Klimawandels ernst nehmen, dann ist es unvermeidbar", sagte die Gästin. Ich kenne niemanden außer ein paar irrlichternden Zeitgenossen, der den Klimawandel nicht ernst nimmt. Ich empfehle der Professorin, gemeinsam mit Fridays for Future gegen Putins Krieg in der Ukraine zu demonstrieren. Sie als Mobilitätsforscherin sollte wissen, dass die Panzer und all die anderen Militärfahrzeuge, die auf beiden Seiten der Front eingesetzt werden, nicht mit elektrisch getriebenen Motoren umherfahren. Aber nö, Deutschland muss es richten und auf Urlaub mit dem Flugzeug verzichten.

Interviewer und Interviewte haben mindestens zehn Minuten geredet, ohne ein einziges Mal auf die ökonomische Lage in der Bundesrepublik einzugehen, deren Dramatik noch immer nicht in weiten Teilen der Bevölkerung angekommen ist. Denn den meisten Leuten geht es gut oder supergut. Das Gespräch drehte sich fast nur um die "Verkehrswende" und wie wir sie hinbekommen. Die Professorin schwelgte in Erinnerungen, wie toll es war, als Deutschland während der Ölkrise in den Siebzigern Fahrverbote verhängt hat, wie ach so glücklich da die Leute waren. Ich kann nur sagen: Scheint hier in Berlin am Wochenende die Sonne, hauen die Leute ab ins Umland – man sieht es an den vielen leeren Parkplätzen, die sonst Mangelware sind.

Ich war nicht wirklich überrascht, dass die Professorin und der neutrale Journalist die Wirtschaft ausklammerten, weil die bei der Weltrettung stört und sehr viele Weltretter ökonomische Zusammenhänge gern ausblenden, weshalb wir auch die Atomkraftwerke ausgeknipst haben. Nullwachstum ist zudem populär, obwohl dann die Steuereinnahmen weiter absacken und keine NGOs mehr finanziert werden können. Aber vielleicht hat sich die Fliegerei im Sommer ja ohnehin erledigt, da es zu wenig Kerosin gibt, weil ein Idiot von Präsident einen Krieg begonnen hat, der nicht zu gewinnen ist, und nun zum obersten die Wiedereröffnung einer Seestraße erklärt hat, die vor seinem Krieg offen war. Crazy times.

Ganz ohne Zwang?

Übrigens könnte ich selbst einen Vortrag halten über "soziologische Befunde zu Herausforderungen der Verkehrswende" mit dem Kern: Wie die Grünen in Berlin AnwohnerSTERNCHENinnen mit ihrer Verkehrswende in den Wahnsinn treiben, weil aus Straßen Irrgärten werden und selten Rücksicht auf Handel, Kleingewerbe und Senioren genommen wird – Deutschland muss eben die Welt retten, bevor sie untergeht. Dafür muss eine alleinerziehende Mutter die Einkaufstüten die 400 Meter zur Wohnung tragen, weil näher kein Parkplatz zu finden war. Aber schnell, weil das Kind in der Kita wartet.

Auch wenn es sich so liest, sehe ich mich nicht als Kulturkämpfer um die "Verkehrswende". Mir geht es um etwas anderes: Alles zu seiner Zeit, das Timing muss stimmen. Engstirnigkeit hilft so gut wie nie weiter. "Ganz ohne Zwang geht es wahrscheinlich nicht?", fragte der Journalist zum Ende des Gesprächs. "Nein." Fahr- und Flugverbote müssen also her. Tja, in der Blase der besserverdienenden Weltretter, in der sich die Mobilitätsforscherin mit dem Fahrrad bewegen dürfte, geht schnell das Gefühl für den Rest der Bevölkerung verloren. Hier zeigt sich die Arroganz einer städtischen Elite, die die kleine Frau und den kleinen Mann von oben herab zu vernünftigen Menschen machen will, damit sie ihr Auto abschaffen.

Es ist genau das, was den Höhenflug der AfD – ganz ohne Flugzeug – erzeugt und weiter beflügelt. Ich verstehe gut, dass niemand seine politischen Positionen räumen und Träume aufgeben will, um diese Partei zu stoppen. Aber nehmt den Leuten nicht noch den mit Ach und Krach bezahlbaren Urlaub, sondern ihre Sorgen um die Zukunft. Denn Deutschland allein wird die Welt nicht retten.

Quelle: ntv.de

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