Panorama

Anschlags-Augenzeugenberichte "Die ersten Minuten waren schlimm"

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(Foto: imago/Pacific Press Agency)

Rene Köchel ist dem Tod nur knapp entkommen, jetzt liegt er im Krankenhaus. Auch Studentin Mereike-Vic und der junge Spanier hatten Glück. Die Menschen, die den Anschlag in Berlin miterlebt haben, berichten von "viel Elend" und "unerträglichem Schmerz".

Berlin. Breitscheidplatz. Als am Montagabend ein Sattelschlepper auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche rast, sind dort Hunderte Menschen versammelt. Sie trinken Glühwein oder Punsch, essen Pilzpfannen oder Grünkohl mit Kassler. Binnen Sekunden ändert sich die Stimmung, gespenstische Szenen spielen sich ab: Menschen liegen am Boden, Holzbuden sind zertrümmert, überall Blut. Der große Sattelschlepper ist weit in den Markt hineingeschlittert, die Frontscheibe zersplittert, die Fahrerkabine leer. Im Halbdunkel liegen weitere Opfer.

Augenzeugen berichten:

Rene Köchel kann von Glück sprechen, dass er noch am Leben ist. "Ich habe gerade Glühwein ausgeschenkt, da brettert der Laster auf uns zu", zitiert der Berliner "Tagesspiegel" den Mann. "Ich bin mit einer Kollegin zur Seite gesprungen", sagt er, "da sehe ich die Räder vom Lkw ..." Köchel berichtet, dass er stürzte und Sekunden später den Glühweinstand über sich zusammenbrechen sah. "Ich konnte dann raus krabbeln, auch die Kollegin." Köchel wurde am Bein verletzt und hat Blut verloren. "Die Ärzte sagen, dass mit mir und der Klinik dauert erst mal eine Weile."

Jens Schmidt, der mehrere Buden an der Gedächtniskirche und auf dem Alexanderplatz betreibt, hat in der Nacht dabei geholfen, seine Schwägerin zu trösten. Die hatte an der Gedächtniskirche gearbeitet. "Sie hat dem Fahrer ins Gesicht gesehen", sagt Schmidt n-tv.de. "Es war der Horror, es war der absolute Horror."

Mereike-Vic Schreiber ist mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf dem Markt, da sieht sie den Laster auf sich zukommen. Was in den Sekunden danach passiert, weiß die 23-jährige Studentin aus Neuseddin nicht mehr genau, doch plötzlich liegt sie auf dem Boden. "Ich glaube, der Lkw hat mich tatsächlich angefahren", sagt sie später dem Berliner "Tagespiegel". Sie meint, sich an eine Berührung zu erinnern. Dafür spreche auch, dass sie Schmerzen im Arm und blaue Flecken habe. Ihre Mutter und ihre 88-jährige Großmutter klagen ebenfalls über Schmerzen in den Beinen. Als die Drei sich wieder aufgerappelt haben, machen sie sich direkt auf den Weg zum Bahnhof Zoo. "Wir wollten einfach nur so schnell wie möglich weg", zitiert die Zeitung Schreiber.

Von dramatischen Szenen berichtet der Spanier Iñaki Ellakuria auf Twitter: "Als ich den Lkw gehört habe, ist er ins erste Haus gefahren. Ich drehte mich um und hatte ihn in meinem verdammten Gesicht." Der 21-jährige Wirtschaftsstudent aus Bilbao verbringt gerade ein Erasmus-Jahr in Berlin. "Der Laster hat mich voll erwischt. Mich hat ein Reifen getroffen." Der Lkw brach ihm das linke Schien- und Wadenbein und den rechten Fuß. Der junge Spanier wurde ins im Tempelhofer Wenckebach-Klinikum behandelt. "Mir geht es gut, dank der vielen Drogen, die sie mir eingeflößt haben. Aber es war der unerträglichste Schmerz meines Lebens."

Der "Südkurier" zitiert einen 21-jährigen Augenzeugen, der ein diffuses Bild am Ort der Todesfahrt zeichnet: "Vorsicht, er hat eine Waffe", habe dort jemand gerufen. Ein anderer habe geschrien "Bombe, Bombe". "Nur wenige Leute sind ruhig geblieben, und ich sah mehrere Personen regungslos am Boden liegen."

Klaus-Jürgen Meier will nicht im Detail schildern, was er auf dem Weihnachtsmarkt gesehen hat. "Viel Elend, viel Leid", sagte er dem "Tagesspiegel". In den ersten Minuten, bevor die Rettungskräfte eintreffen, versucht er, Erste Hilfe zu leisten. "Die ersten Minuten waren schlimm", sagt Meier nur.

Ein anderer Augenzeuge berichtet dem "Stern"  von einer "gespenstischen Stille" vor Ort. Er sei kurz nach der schrecklichen Tat am Breitscheidplatz gewesen, noch bevor Polizei und Krankenwagen eintrafen. Es habe keine Panik, keine Schreie gegeben. Er beschreibt paralysierte Menschen mit geschockten Gesichtern, die "wie Zombies" dastanden.

Mike Fox aus Birmingham schildert, dass er nur drei Meter vom Lkw entfernt stand, als dieser durch die Menge raste. Er berichtet, dass er Menschen vor Ort half, die unter Ständen eingeklemmt gewesen seien. "Es passierte alles so schnell, wir konnten nichts dagegen tun - wenn wir den Truck versucht hätten zu stoppen, wären wir auch zerquetscht worden", erzählt er der Nachrichtenagentur AP.

Emma Rushton aus Großbritannien twittert: "Ein Laster pflügte durch den Weihnachtsmarkt. Hier ist keine Straße in der Nähe. Menschen wurden zerdrückt. Mir geht es gut", lautete ihre Nachricht.

Ein anderer Augenzeuge schildert der "Welt", wie er die Szenerie erlebt hat: "Ich habe die Toten und Verletzten gesehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich so was erlebt."

Pelsin, 27, Ärztin aus der Türkei, berichtet "Bento": "Ich war vielleicht zwanzig Meter entfernt. Aber ich habe zuerst nichts mitbekommen, weil die Stimmen und Geräusche vom Markt so laut waren. Plötzlich kamen mir Menschen entgegengerannt. Ich habe sie gefragt, was los ist. Sie sagten: 'Ein Unfall'. Weil ich Ärztin bin, dachte ich, dass ich helfen kann und bin hingelaufen.  Unter dem Lkw lagen mindestens drei Tote, noch mehr Tote lagen auf dem Weihnachtsmarkt. Und so viele Verletzte. Ich habe mich auf die konzentriert, die am schwersten verletzt waren. Genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Ich habe mich nur darauf konzentriert, wie ich helfen kann und bei einer Frau sofort mit der Wiederbelebung begonnen. Ich dachte zuerst, es wäre ein Unfall. Aber bis auf den Lkw habe ich kein anderes Auto gesehen."

Ein anderer Passant sagt der "Bild"-Zeitung: "Erschütternde Bilder, die ich dort wahrnehmen musste. Verletzte wurden da noch in die Ambulanzen getragen."

Quelle: n-tv.de, dsi

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