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Experten schlagen Alarm Droht im Herbst die vierte Corona-Welle?

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Deutschland will sich auf eine drohende vierte Corona-Welle nach dem Sommer besser vorbereiten als vergangenes Jahr.

(Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Ohde)

Deutschland steht angesichts niedriger Inzidenzen ein sorgloser Sommer bevor. Doch führende Wissenschaftler warnen bereits jetzt: Spätestens im Herbst könnten die Fallzahlen wieder anziehen. Ein Blick nach Großbritannien verheißt dabei nichts Gutes.

Kurz vor dem Sommer scheint Deutschland die dritte Corona-Welle allmählich in den Griff zu bekommen. Das Impftempo gewinnt an Fahrt. In allen Bundesländern liegt die Sieben-Tage-Inzidenz inzwischen unter 50. Auf Restaurant-Terrassen und in Biergärten freuen sich die Menschen über zurückgewonnene Freiheiten. Doch immer mehr Wissenschaftler warnen vor zu viel Optimismus. Sie vermuten: Die vierte Virus-Welle wird kommen - und zwar im Herbst. Sorge bereitet vor allem die indische Mutante, die sich derzeit in Großbritannien ausbreitet.

So appelliert Virologe Hendrik Streeck, die Corona-Krise solle noch nicht für beendet erklärt werden. Es sei "ganz schwer vorherzusagen", ob es tatsächlich eine neue Welle geben wird, sagte Streeck im ntv-Interview. Das hänge auch davon ab, wie stark der Impfeffekt dann sein wird. Auf den "Worst Case" vorbereitet zu sein, sei aber allein deshalb zu empfehlen, damit ein neuer Lockdown verhindert werden kann.

Auch Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach befürchtet, dass es neue Corona-Wellen geben wird - zumindest örtlich begrenzt. Er sieht das Fehlen lokaler Impfdaten als größtes Problem. "Wir erheben nicht ausreichend gut, wo die Menschen leben, die geimpft werden", sagte Lauterbach in der ARD. So könne man nicht erkennen, wo genügend Menschen geimpft seien und wo nicht. Dort, wo die Impfquote nicht hoch genug sei, drohten im Herbst Ausbrüche und lokale vierte Wellen, so der Gesundheitspolitiker.

Vor übereilten Öffnungsschritten warnte zuletzt Epidemiologe Timo Ulrichs im Gespräch mit ntv. Die könnten die drohende vierte Welle begünstigen: "Wenn wir jetzt wieder den Fehler machen, zu schnell alles auf einmal zu öffnen, dann riskieren wir, dass sich das Virus wieder Lücken sucht und ausbreiten kann", mahnte Ulrichs. "Deswegen sollte man möglichst stringent öffnen, was eben sicher ist - also die Außenbereiche von Gastronomie, aber eben auch Sport im Freien." Alles andere könne Stück für Stück folgen, wenn die Zahlen niedriger sind.

Fest mit einer weiteren Virus-Welle im Herbst rechnet Virologe Alexander Kekulé. "Das Allerwichtigste ist, dass wir diejenigen erreichen, die ein hohes Ansteckungsrisiko haben und sich möglicherweise nicht immer ganz vernünftig verhalten", sagte der Mediziner von der Uni-Klinik Halle dem MDR. Zudem müssten Infektionen am Arbeitsplatz unter Kontrolle gebracht werden. "Dann müssen wir uns Gedanken machen über die Einschleppung aus dem Ausland."

Sorge vor indischer Mutante

Das Ausland, im Speziellen die Situation in Großbritannien, bereitet Experten und Politikern derzeit Kopfschmerzen. "Wir sehen neue Corona-Varianten wie die indische, die uns beunruhigen", sagte Saarlands Ministerpräsident, Tobias Hans, dem "Tagesspiegel". Laut den jüngsten Hochrechnungen britischer Wissenschaftler dürften bereits bis zu 75 Prozent aller Neuinfektionen im Vereinigten Königreich auf die Variante B.1.617.2 zurückgehen, die erst vor wenigen Wochen dort auftauchte, sich seitdem aber in Windeseile ausgebreitet hat. Auch die Infektionszahlen steigen seitdem wieder leicht, obwohl bereits 60 Prozent der Briten inzwischen zumindest einmal geimpft sind. Zum Vergleich: In Deutschland haben rund 43 Prozent die erste Spritze erhalten.

B.1.617.2 weist britischen Wissenschaftlern zufolge Mutationen auf, die die Wirksamkeit der derzeitigen Impfstoffe herabsetzen. Zwar sind die zugelassenen Vakzine immer noch wirksam genug, allerdings erst nach der zweiten Impfdosis, die den meisten Menschen noch fehlt - sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland.

Hierzulande liegt der Anteil von B.1.617.2 erst bei zwei Prozent. Die zentrale Frage ist allerdings: Wie viel ansteckender genau ist die sogenannte indische Mutante? Nur dann könne man voraussagen, ob sie eine vierte Welle in Europa auslösen könnte oder nicht, sagt der britische Epidemiologe Neil Furgeson. Erste Schätzungen liegen Forschern zufolge bei 50 Prozent. Das Problem sei nur: Die Schätzungen helfen nicht viel. Was man brauche, sagt Ferguson, seien verlässliche Daten dazu, um welchen Prozentsatz es sich genau handelt. Ob B.1.617.2 sich um 20 Prozent schneller verbreite als B.1.1.7 oder um 60 Prozent, das mache einen fundamentalen Unterschied. Denn irgendwo dazwischen liege der Kipppunkt, an dem das Tempo der Infektionen das Tempo der Impfungen überhole.

Spahn wappnet sich gegen vierte Welle

"Wir können ein gewisses Maß an höherer Übertragung verkraften", zitiert der "Business Insider" Furgeson. Derzeit seien in Großbritannien wie auch in Deutschland die Infektionszahlen niedrig, das sei zweifellos eine viel bessere Situation als im Dezember, als B.1.1.7 auftrat. Hinzu kämen die Impfraten, die etwas helfen. Gleichzeitig aber sei für ihn klar, dass die lokal begrenzten, dafür aber massiven Corona-Ausbrüche, die es derzeit in Großbritannien gebe, auf B.1.617.2 zurückgehen. Auch liege es nicht daran, dass dort lokal noch zu wenig geimpft werde. "Wir haben regional nur etwa fünf Prozent Unterschied in den Impfraten, das kann es also nicht erklären", so der Wissenschaftler.

Er glaubt, dass die kommenden zwei bis drei Wochen in Großbritannien zeigen werden, wie viel ansteckender die Mutante ist - wenn sie sich von den lokalen Ausbrüchen mehr in die allgemeine Bevölkerung verbreitet. Je nachdem, was sich dann zeige, müsse man berechnen, ob die Lockerungsmaßnahmen weitergeführt werden können, bei nur geringfügig erhöhter Verbreitungsgeschwindigkeit der Variante. Oder ob man mit ihnen noch etwas warten sollte - oder gar in einen Lockdown zurückgehen. "Es geht nicht darum, wie hoch die Fälle steigen, sondern wie schnell sie steigen", sagt er. "Wenn wir sehen, dass sich die Fallzahlen alle zwei Wochen verdoppeln, wäre das ein Problem."

Für diesen Fall will sich auch Deutschland wappnen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verkündete jüngst, sich besser auf eine möglicherweise im Herbst drohende neue Corona-Welle vorzubereiten als im vergangenen Jahr. Die Vorbereitungen der nötigen Schritte, um eine neue Welle zu vermeiden oder klein zu halten, sollten diesmal "deutlich früher beginnen", sagte Spahn im ZDF. 2020 kam es nach den Sommerferien zu einem schnellen Anstieg der Neuinfektionen in Deutschland, ohne dass schnelle Gegenmaßnahmen erfolgten. Das soll diesmal mit aller Kraft verhindert werden.

Quelle: ntv.de

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